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Splitter und Scherben - Das 71. Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg

Ein Beitrag von Lucas Barwenczik

Jahrelang war das Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg auf der Flucht – jetzt ist es auf dem Weg.

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Jahrelang war das Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg auf der Flucht. Es hatte keine Behausung mehr und fand Unterschlupf in riesigen weißen Zelten, die überall aufgeschlagen wurden. Das wirkte immer provisorisch und prekär, wie eine Übergangslösung, in der man sich irgendwann eingerichtet hatte. Anfang der 2010er Jahre wurden die Zelte mehrfach im Schloss Heidelberg errichtet. Dann fuhr man also jeden Tag mit der Bergbahn, um sich Filme anzuschauen. Ein Festival hinter den schweren Steinmauern einer romantischen Ruine, und irgendwie war die ganze Veranstaltung selbst eine geworden.

Oder man campierte (wie etwa 2016) in den ehemaligen amerikanischen Baracken, kurz nachdem die US-Soldaten dort ab- und ausgezogen waren. Kino hinter Stacheldraht, auch wieder symbolisch verschanzt und abweisend gegenüber der restlichen Welt. Ungefähr da, wo später tatsächlich Geflüchtete untergebracht wurden. Eine Veranstaltung, eingepfercht zwischen zwei historischen Verschiebungen; Festivals kommentieren die Krisen der Gegenwart eben nicht nur durch ihre Filmauswahl.

© IFFMH

Natürlich ist die Qualität eines Festivals von vielen Faktoren abhängig, aber im Fall des IFFMH konnte zuletzt selbst der ungeübte Blick erahnen, dass all das auch mit der fast drei Jahrzehnte lang regierenden Direktion zu tun hatte. Umbrüche und Neuanfänge halten Institutionen lebendig. Das IFFMH wollte die Leistungen von Newcomern hervorheben und setzte sich lange die Regel, keine Filme ins Programm zu nehmen, die schon auf anderen großen europäischen Festivals gezeigt wurden. Was vielversprechend klingt, lief zu oft darauf hinaus, dass das Festival eine Art Resterampe wurde. Bei der Auswahl der vielen Einzeltitel war selten eine eigene Handschrift erkennbar, nach zehn Tagen ging man meist etwas enttäuscht nach Hause. In schlechten Jahren war das Programm fast ein Argument gegen das Perlentauchen, gegen Wagemut und die Sehnsucht nach Neuem. So hart es klingt: Manche Filme werden zu Recht ignoriert. Viele dieser gänzlich vergessenen Festivalbeiträge fühlen sich in der Erinnerung an wie besonders langweilige Träume.

Ein Neubeginn für die Filme

Mittlerweile findet das IFFMH wieder in richtigen Kinosälen statt. Die weißen Zelte stehen jetzt nur noch in Ludwigshafen, beim Festival des deutschen Films, wo sich Rentner mit Bier der Traditionsbrauerei Gebrüder Mayer aus Oggersheim und Pfälzer Wein drittklassige Fernsehproduktionen schöntrinken. Eine Veranstaltung, die hervorragend zu Ludwigshafen passt. „Im Mittelpunkt unseres Filmfestivals steht das Zusammenkommen der Menschen aus Stadt & Region.“, heißt es auf der fünften Seite des aktuellen Programmhefts. Eigentlich würde man ja erwarten, dass im Mittelpunkt Filme stehen. So kann man sich irren.

Mischa Smeljankij und Dr. Sascha Keilholz    © Sebastian Weindel

Der große Neubeginn in Heidelberg und Mannheim unter Leitung von Dr. Sascha Keilholz im Jahr 2020 kollidierte mit der Corona-Krise und fand schließlich nur online statt. 2021 entschied man sich für ein Hybrid-Modell, das zu der seltsamen Halb- und Viertel-Normalität passte, an die man sich im Pandemie-Kontext beinahe gewöhnt hat. Man gab sich vorsichtig und etwas apologetisch, also den Umständen angemessen. Natürlich vollzog sich kein kompletter Bruch, es blieben Überschneidungen in Personal und Herangehensweise. Doch vom Design bis zu spezifischen Kurationsentscheidungen wurde bislang mit jedem der drei neuen Jahrgänge deutlicher, wofür das Festival steht.
Den frischen Wind, der durch die Pandemie ein wenig sanfter den alten Muff davon blies, konnte man schon an Kleinigkeiten ablesen.

Das alte IFFMH hatte jahrelang einen Vorspann mit einem großen roten Rahmen, der irgendwo aufgestellt wurde, etwa auf einer Bergwiese. Diese durchsichtige Leinwand war überall, auch auf Programmheften und Plakaten. Ein Fenster zur Welt, das den Blick auf die Landschaft dahinter rahmte. Man könnte kritisch fragen: Wofür braucht man eine Leinwand, durch die man einfach widerstandslos hindurchglotzt? Ist das nicht Feigheit oder Unvermögen, die Dinge anzugehen? Kunst zu schaffen, und damit auch in Teilen auch Künstlichkeit? Es herrschte eine wirre Vorstellung von Realismus, die oft nur meinte, der Wirklichkeit nach dem Mund zu reden.

Das neue Festival-Intro zeigt eine Art Weltenwandler, der durch ein Portal zu den „neuen Erfahrungen“ vordringt, die das Motto des Festivals verspricht. Mit seinen endlosen schwebenden Scherben und Partikeln erzählt es von der digitalen Gegenwart des Kinos, weckt Assoziationen mit etwa Evan Calder Williams‘ Idee des „Shard Cinema“. Ein Komposit-Kino, in dem Produktion und Post-Produktion, Gefilmtes und Animiertes, Materielles und Digitales zusammenfließen.

 

Zukunft ist Herausforderung

Allemal mehr Zukunft als der alte Guckkasten, bei dem der Kauf der Kinokarte wie das Einwerfen von Geld in eines dieser stationären Ferngläser auf Übersichtsplattformen war. Zur Schwerelosigkeit des neuen Clips passt die „Hommage“ des Festivals an Kameramann Benoît Debie, bekannt für seine Kollaborationen mit dem ebenfalls angereisten Gaspar Noé. Debies tänzelnde, schwebende Kamera, geisterhaft und körperlos, träumt immerzu von einem noch weiter entfesselten, fast körperlos-geisterhaftem Kino. Gezeigt wurden unter anderem Harmony Korines neonstrahlende Party-Groteske Spring Breakers. Ein bemerkenswerter Film, der sich in seinen irgendwann ins Melancholische stürzende Exzessen perfekt mit Albert Serras postkolonialem Paranoia-Stück Pacificition kurzschließen lässt. Ein ebenso ungestümer, enigmatischer Film, der so erfolgreich gezeigt wurde, dass man spontan eine Zusatzvorführung einberufen musste. Ohnehin war das Festival hervorragend besucht, spürbar besser als reguläre Kinovorstellungen in denselben Kinos. Das IFFMH genießt das Vertrauen seines Publikums und könnte es über viele Grenzen hinweg führen.

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Die „Opening Night“ findet am 17.11. im Cinemaxx in Mannheim statt, in den anderen Kinosälen schauen die Menschen immer noch begeistert Rapper Xatar beim Goldraub oder der Beerdigung von Black Panther T’Challa zu. Im größten Saal erzählen diverse Bürgermeister das Übliche und Festivalleiter Dr. Sascha Keilholz begrüßt scherzhaft die „aufrichtigen und rechtschaffenen Bürger“. An diesem Abend wird deutlich: Menschen, die ins Kino gehen, gibt man besser keine Sektgläser in die Hand. Im Dunkeln zerbrechen ihnen die filigranen Glasflöten. Es klirrt immerzu lustig. Vielleicht deshalb die Scherben im Intro-Clip. Der Eröffnungsfilm Tagebuch einer Pariser Affäre von Emmanuel Mouret ist dann die Art von in Schutzumschlag gehüllte Anti-Romanze, bei der gerne und wenigstens im Saal etwas kaputtgehen darf. Menschen aus Frankreich schlafen und reden miteinander und wollen sich nicht verlieben, was beinahe gelingt. Das Ganze ist vielleicht ein wenig subtiler und hong-sang-sooiger als in der durchschnittlichen Weißwein-und-Schnittchen-Arthousekomödie, Sandrine Kiberlain und Vincent Macaigne schaut man zumindest gerne zu. Ein mittelmäßiger Film, also ein überdurchschnittlicher Eröffnungsfilm.

Tagebuch einer Pariser Affäre  © Moby Dick Films

Bei der Opening Night geht es auch um die Lage im Iran. Das IFFMH bekundet Solidarität mit den Protestierenden, bei dem Panel „Flagge zeigen für die Demokratie“ am 24.11. spricht unter anderem Mohsen Makhmalbaf. Die politische Positionierung wirkt nicht wie Selbstdarstellung, sondern wie grimmige Notwendigkeit. Beim Festival steht das Konkrete, Handgreifliche neben dem Verrätselten. Ein wenig wie bei Makhmalbaf, dessen politische Gesten oft ästhetische waren. Oder im sudanesischen Festivalbeitrag The Dam von Ali Cherri, in dem ein Ziegel-Arbeiter, während Massenproteste das Land erschüttern, an einer fremdartigen Lehmskulptur arbeitet. Ein mythisches Porträt des Künstlers in Revolutionszeiten. Politisch kann sowohl die Abwendung von als auch die Hinwendung zur Welt sein.

Ein weiterer Film aus dem Programm, der durch die Nachrichtenlage in neues Licht gerückt wird, ist der pakistanische Oscarkandidat Joyland von Saim Sadiq, der parallel zum Festival in seiner Heimat ein Politikum wird. Erzählt wird von einer Affäre zwischen einem verheirateten Mann und einer Transfrau. Er ist arbeitslos und leidet darunter, sie verdient ihr Geld als erotische Tänzerin und stellt ihn als Teil der Backup-Truppe ein. Erst wurde der Film von der lokalen Zensurbehörde freigegeben, dann nach Protesten von konservativen religiösen Gruppen plötzlich doch für viele Regionen verboten. Vielleicht, weil das formal sicher konventionelle, aber sanft wütende Liebes-Drama von Haarrissen in starren Strukturen erzählt. Gerade die Splitter aus glatten Oberflächen schneiden tief in die Haut.

 

Die kleinen, die minimalen Verschiebungen

Im oft routinierten Modus „Filmfestival“ sind es gerade minimale Verschiebungen, die große Wirkung haben. Eine der Retrospektiven mit dem Titel „Cinema of Splendour“ widmete sich dem Thema „Fashion im Film“. Kurator Hannes Brühwiler und Festivaldirektor Dr. Sascha Keilholz erzählen mit Filmen von 1922 bis 2016 von der erstaunlichen Doppelbeziehung zwischen den Medien. Vor den Vorführungen wurden jeweils kurze Clips gezeigt, etwa mit Mode-Aufnahmen aus den Zwanzigerjahren. Minutenlang sitzen Kinogänger in der Stille, nur mit diesen alten, viragierten Bildern. Eine Art des Sehens, mit der Cinephile bestens vertraut sind, der durchschnittliche Festivalbesucher aber wahrscheinlich eher nicht. Hier und da hört man leichtes Seufzen im Saal, man spürt die Anspannung, die Reibung, die Irritation. Etwas geschieht.

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Der Einzelfilm wird so schon im Rahmen einer Vorstellung kontextualisiert. In welcher Beziehung stehen französische Kleider aus den 1920er Jahren zu denen, die etwa im Australien des Jahr 1900 in Picinic at Hanging Rock getragen werden? Dort sind sie ein Symbol für eine Vorstellung von „Zivilisation“, die scheitert, die an der hypnotischen Macht der Natur zugrunde geht. Oder zu denen aus Orlando von Sally Potter, wo Geschlecht sich als Verkleidung erweist. Oder denen aus Park Chan-wooks Die Taschendiebin, gleichzeitig einschnürend, aber auch innere Wahrheit sicher behütend? Fashion triumphiert über nackte, ungeformte Körper. Wieder Splitter und neue Welten. Konstruktion und Künstlichkeit, anstelle der Illusion von unmittelbarer Wirklichkeit.

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