Themen: ÖFilm: Vom Pessimismus zur Sonne über dem Alpenland

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Ein Beitrag von Bianca Jasmina Rauch

Diagonale, Graz, Österreich: Wie steht es um die Filmlandschaft der Alpenrepublik? Was tut sich im Land des schlecht gelaunten Films? Unsere Autorin Bianca Jasmina Rauch fühlt einer anderen Zukunft auf den Zahn. Fazit: Es muss sich noch einiges tun, im ÖFilm.

Diagonale Festival 2022

Österreich: das „world capital of feel-bad cinema“. Eine pessimistische, konfrontative Haltung schrieb Dennis Lim in seinem berühmten New York Times Artikel im Jahr 2006 dem österreichischen Film zu und berief sich dabei u.a. auf das Werk von Michael Haneke, Barbara Albert, Michael Glawogger und Ulrich Seidl. Neben feel-bad fanden sich natürlich auch stets Kabarett- und Avantgardefilme am hiesigen Parkett wieder. Doch wohin bewegt sich die österreichische Filmlandschaft heute, 29 Jahre nach der Gründung der Diagonale in Salzburg? Hat der Anfang der noch nicht goldenen 2020er mehr Optimismus und Heiterkeit, mehr Regisseurinnen, mehr Diversität und Erzählperspektiven in die Szene gebracht? Eine Annäherung.

Auf der Abschlussveranstaltung der Diagonale 2022 überraschte es wenig, dass der Preis für den Besten Spielfilm an Ulrich Seidls Rimini ging und die Alice Schwarzer Doku von Sabine Derflinger ebenso groß prämiert wurde. Hierzulande hält man gern daran fest, die bereits Bekannten und Anerkannten zu zelebrieren und öffnet den Blick gegenüber neuen Formen und Fabeln nicht allzu großzügig. Während Rimini in Seidl-Manier das feel-bad und feel-sad mit morbider Lebenslust kombiniert und mit dieser Stimmung genau in das Herz der (Wahl-)Wiener*innen (die sich zur Diagonale in Graz mehrheitlich versammeln) trifft, porträtierte Derflinger die längst und zurecht öffentlich in Kritik schwimmende deutsche Paradefeministin ohne tiefergehende Bezugnahme auf aktuelle Diskurse – was ganz gut dem Geist unserer Zeit entspricht: Feminismus und ein bisschen Diversität, wenn sich’s ausgeht, aber bitte nicht zu viel und alles nicht so genau nehmen. Dass nur ein Viertel der Filme aus dem Spielfilmwettbewerb, im Gegensatz zu einem beinahe paritätischen Verhältnis in der Dokumentarfilmschiene, von Frauen stammten, bildet leider ein recht verhältnismäßiges Bild der derzeitigen Produktionsverhältnisse ab und eins kann nur hoffen, dass die nächsten Jahre mehr Dynamik am Markt erzeugen.

bad feelings: Luzifer von Peter Brunner © Ulrich Seidl Filmproduktion

Im Spielfilmwettbewerb der diesjährigen Diagonale zeigte sich eindeutig ein Generationen- und Gendergap, denn Elena Wolffs Para:dies, Rosa Friedrichs Wander, Lilith Kraxner und Milena Czernovskys Beatrix und Kurdwin Ayubs Sonne bewiesen jede auf ihre Art, dass Fiktion im österreichischen Film spielerisch und gesellschaftskritisch zugleich sein kann, ohne feel bad erzeugen zu müssen — sie sind die Hoffnungsträger*innen der Zukunft. Während Adrian Goiginger für die Zillertal-Story Märzengrund inszenatorisch und in der Erzeugung von Emotionen recht klassisch vorging, Peter Brunner mit Lucifer ebenso in den Alpen nach Katharsis durch Düsternis suchte wie Stefan Ruzowitzky in seinem CGI-Weltkriegsthriller Hinterland, und auch Johannes Grenzfurthner mit Masking Treshold primär Horrorfans anspricht, bewiesen Sebastian Meise mit Große Freiheit und C.B.Yi mit Moneyboys nicht nur inhaltlich, dass ihre Geschichten abseits (weißer) Heteronormativität deutlich mehr Spannung, tiefergehende Emotion und kritische Relevanz erzeugen können, sondern auch formal eindeutig mehr Strahlkraft besitzen. Altbewährte Rezepte und Geschichten in neuem Look und die Düsternis der Berge auf der einen Seite, visuell entschleunigte Form und Sprache, die als gesellschaftliche Seismografen lesbar werden, auf der anderen Seite.

Was kann und was soll der Film?

Einige Namen sind genannt. Doch wie würde sich der Blick auf die Filmlandschaft verändern, wenn eins sich z.B. zuallererst nach Kamerapersonen, Schauspieler*innen, Drehbuchautor*innen, Kostümbildner*innen, Editor*innen usw. umschaut? Denn, auch wenn den Regiepersonen die größte Aufmerksamkeit zuteil wird, zeichnen sich die Entscheidungen jener und deren Zusammenarbeit am Ende des Tages mindestens genauso relevant für das fertige Filmergebnis. Kamerafrau Judith Benedikt etwa zeigte sich für die Bildgestaltung in Zusammenleben, Verschwinden und in Weiyena — Ein Heimatfilm (auf der letzten Diagonale zu sehen), wofür sie auch Co-Regie führte, verantwortlich — drei Dokumentationen, die das Verschwimmen kultureller Identitäten sowie die Ausgrenzung von marginalisierten Gruppen in Österreich thematisieren. Ob vor 2015 oder danach, vor der schwarz/türkis-blau Regierung oder danach, vor der Covid-Pandemie oder jetzt: Rassismus, Sexismus und die Spaltung der Gesellschaft prägen unser Leben, in Österreich oder sonst wo leider zu jeder Zeit. Die daran anschließende, einzig relevante Frage muss also sein, was kann und soll Film? Was kann die Jahrhundertaufgabe des Films in der Misere unseres privilegierten westlichen Gegenwartslebens sein, außer unser bad feeling zu stärken?

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Neben eskapistischem Unterhaltungswert liegt möglicherweise der Schlüssel darin, filmisch Empathie zu generieren und zwar durch die Vermittlung von Perspektiven, die wir als Zuschauer*innen mit unseren individuellen Erfahrungshorizonten selbst unmöglich einnehmen können. Die letzten Jahre brachten eine Handvoll Filme hervor, die sich aus einer persönlichen Perspektive gesellschaftskritisch und humorvoll zugleich mit der österreichischen Gegenwart auseinandersetzten. Dabei sollte die österreichische Gegenwart niemals nur das Territorium, sondern die transnationalen Erfahrungen seiner Bewohner*innen selbst meinen. Da wäre der erwähnte Weiyena — Ein Heimatfilm von Weina Zhao und Judith Benedikt, in dem wir auf der Suche nach Zhaos Familiengeschichte nach Peking reisen und sie auf ihrer eigenen Identitätssuche begleiten. Persönliche Geschichte und historische Ereignisse verbindet ebenso Adrina Mračnikar in Verschwinden, indem sie das Leben der Kärtner Slowen*innen ebenso beleuchtet wie die Erlebnisse ihrer eigenen Vorfahren, die in Koroška seit Jahrzehnten der Unterdrückung ausgesetzt sind. Dass die Verbrechen während des Nationalsozialismus dort (genauso wie anderswo) alles andere als öffentlich aufgeklärt worden sind, wird deutlich. Auch Marko Feingold — Ein jüdisches Leben (Christian Krönes, Florian Weigensamer, Christian Kermer, Roland Schrotthofer) und Auslegung der Wirklichkeit — Georg Stefan Troller (Ruth Rieser) setzten sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs auseinander und machten deutlich, dass eine Aufarbeitung längst nicht abgeschlossen ist. Kreieren Porträts von Zeitzeug*innen, emotionale, essayistische Erzählungen gepaart mit Fakten der Vergangenheit nicht das aussagekräftigste Bild über eine Nation? Verschweigen, vergessen und verschwinden sind offensichtlich keine Phänomene der Nachkriegszeit der 1950er Jahre, sondern bis in die Gegenwart präsent.

Spielerisch, humorvoll und tiefgründig: Sonne von Kurdwin Ayub © Ulrich Seidl Filmproduktion

Für die Gegenwart der wohl spannendste, humorvollste und für eine Zukunft des österreichischen Films erhellendste Spielfilm stammt aus dem Ideen- und Erfahrungsreichtum der kurdisch-wienerischen Regisseurin und Drehbuchautorin Kurdiwn Ayub. Mit ihrer Assemblage aus postmigrantischem Teenager*innenleben, virtuellen Bildschirmformaten wie Insta- und YouTube-Videos und darin verwobener komplexerer Fragen von Identität und Zugehörigkeit durch Hijab und social media schafft sie ein filmisches Werk voller Zeitgeist, Humor und Tiefe. Ayubs offene Haltung gegenüber einer nachkommenden Generation macht die Besonderheit von Sonne aus. Hier drängt sich nichts von oben herab auf, sondern die Geschichte erzählt sich durch die Darsteller*innen hindurch, das Gefühl von Authentizität wird durch die Sprache und Handlungen von Melina Benli, Law Wallner und Maya Wopienka erlebbar. Auch Ayubs Vater Omar ist in ihrem Spielfilmdebüt zu sehen und weist somit nicht zuletzt implizit auf autobiografische Verbindungen bzw. erlebte Situationen der Regisseurin, die sie in ihrem kreativen Outlet weiterverarbeitet, hin. (Post-)Migrantische Erfahrungen und die Suche nach einer Identität im Dazwischen sind die Themen, die Sonne anders aufbereitet als der Großteil vorhandener Migrationsgeschichten in Österreich.

Zum Stand der Diversitätsdebatte

Daran anknüpfend stellt sich die Frage, ob die Tragweite der Bedeutung von Erfahrungswerten und -erlebnissen von Filmemacher*innen und Darsteller*innen für das filmische Erzählen bei den österreichischen Gatekeeper*innen bereits angekommen ist. Wer verkörpert wen und wer erzählt wessen Geschichten? Indem die Regisseurin Marie Kreutzer im Female Perspectives Panel der diesjährigen Diagonale zu kurz gegriffen argumentiert, dass ein Transmann nicht unbedingt anstelle eines Cis-Mannes eine Transmannrolle verkörpern sollte, denn man solle Schauspieler*innen doch nicht ihr Können absprechen, beweist, dass die Auseinandersetzung mit Besetzungsproblematiken auch in jenen Kreisen nicht angekommen sind, die sich als feministisch verstehen. So geht es doch einerseits darum, bis dato ausgeschlossene marginalisierte Personengruppen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen und andererseits darum, Geschichten mithilfe von direkten Erfahrungswerten sensibler, diverser und vielschichtiger werden zu lassen.

Diagonale-Preis Innovatives Kino, Bester innovativer Film, Experimental- oder Animationsfilm: Anna Spanlang © Diagonale/Clara Wildberger

„Was darf man“, fragte Elisabeth Scharang, die das zweite von F.C.Gloria organisierte Panel mit dem Titel Quote Film International auf der Diagonale 2022 moderierte. Mit der Formulierung dieser Phrase zeigte sich ihr distanziertes Verhältnis zu Diversitätsdebatten, indem die Frage nach dem „dürfen“ immer schon den Kern der Problematik verpasst. Wäre nicht die Frage „was wollen und sollen wir gemeinsam tun“ viel inklusiver und produktiver? Es geht darum, nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen, der Struktur der Filmlandschaft und den darin marginalisierten Personen gleich auf zu begegnen, privilegierte Positionen zu öffnen, Kritik zuzulassen, statt nur aus kleinen Türchen zu blicken und bestehende Machtgefälle zu erhalten. Es geht um eine gemeinsame Arbeit an der Verbesserung der Förderungs- und Besetzungspolitiken. Genau das schien beim Publikum der beiden Panel bereits angekommen zu sein, denn einige Zuhörer*innen, darunter Weina Zhao, erklärten Scharang und Co worin der Kern von Identität und Sichtbarkeit in Film und Fernsehen liegt, was z.B. #ActOut Manifest deutlich machte.  Dass nach einer Debatte um die Quoteneinführung 40 österreichische Regisseurinnen – #dieregisseurinnen – im Herbst 2021 aus dem Verband Filmregie Österreich austraten, könnte zumindest in Zukunft den Start für Veränderungen einläuten. Dass überhaupt noch über Quoten debattiert werden muss, legt hingegen ein erschütterndes Zeugnis über die Filmpolitik und ihre Akteur*innen ab.

Der Blick auf eine Filmlandschaft kann ohne den Einbezug solcher Debatten nur einseitig ausfallen, umso wichtiger ist es, sie auch auf Filmfestivals wie der Diagonale lebendig zu führen, statt Fronten verhärten zu lassen. Welche Filme wir sehen, welche im Kino anlaufen, welche im Fernsehen und den Mediatheken ausgestrahlt werden: das politische und monetäre Gefüge verrät ebenso viel über ein Land und seine Mentalität wie der Inhalt seiner Filme. Filmemacher*innen mit innovativen Ideen und transkulturellem Blick sind hier und da, doch hoffentlich verschwinden sie in der Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht hinter Alpenfilmen und feel-bad cinema vom (internationalen) Parkett.

 

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