Specials: Spotlight: Harriet Bloch

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Harriet Bloch war eine der produktivsten Drehbuchautor*innen nicht nur der dänischen Stummfilmzeit, sondern bis heute. Wir werfen in unserem Format „Spotlight“ ein Schlaglicht auf die fast vergessene Skriptschreiberin.

Harriet Bloch
Harriet Bloch

95 Drehbücher in 14 Jahren. Verkauft - nicht nur geschrieben. Harriet Bloch war zu ihrer Zeit wohl das, was man heute Neudeutsch als „Workaholic“ bezeichnen würde: ein Mensch, der sich kopfüber in die Arbeit stürzt und dabei zu unfassbarer Produktivität reift. Nur ist dies eben auch schon eine Weile her: Die erwähnten 14 Jahre betreffen den Zeitraum von 1911 bis 1925, in der sich Harriet Bloch zur ersten professionellen dänischen Drehbuchautorin entwickelte — und die auch noch bis heute als eine der erfolgreichsten (Männer eingeschlossen) ihres Landes gilt.

Rund 100 Jahre nach dieser produktiven Zeit scheint das Erbe von Bloch fast vergessen. Wohl nicht nur, weil sie im (trotz der Einflüsse, die von dort aus auf die internationale Filmlandschaft ausgeübt wurden) filmhistorisch nicht allzu bedeutenden Dänemark aktiv war. Sondern wohl vor auch, weil Harriet Bloch eben Drehbuchautorin war, also jenem Teil der Filmproduktionskette angehörend, deren Leistungen generell selten in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und auch in der Frühzeit der Filmwissenschaft eine untergeordnete Rolle spielten. Zeit für ein „Spotlight“ auf Harriet Bloch.

Harriet Bloch (c) Public Domain

Geboren wurde Harriet Bloch als Harriet Fussing 1881 in Kolding, heute die siebtgrößte Stadt Dänemarks, in einer lokal bekannten Familie und in guten Verhältnissen, der Arbeit ihres Vaters als Architekt geschuldet. Mit 20 zog sie nach Kopenhagen, heiratete einen erfolgreichen Mechaniker, brachte fünf Söhne sowie eine Tochter zur Welt und verbrachte ihr Leben in einer Villa im Norden der Hauptstadt. Schon früh entwickelte sich Bloch zu einer leidenschaftlichen Kinogängerin, besuchte bis zu drei Vorstellungen pro Tag und eignete sich auf diese Weise — ohne explizite Vor- oder Ausbildung — das Grundwissen für ihre spätere Karriere als Drehbuchautorin an, die sie nach der Sichtung des Stummfilmklassikers Abgründe (1910) anstrebte. Und auch erfolgreich in die Gänge brachte.

Dennoch: Es war ein Start mit Schwierigkeiten. Ihr erstes Drehbuch wurde vom Produzenten Constantin Philipsen, zugleich Begründer des ersten dänischen Kinos 1904, abgelehnt. Auf Interesse stieß es allerdings bei der Produktionsfirma Nordisk Film — und wurde dort unter dem Titel Hendes Ære (1911) umgesetzt. Der Stein kam ins Rollen: 1911 verkaufte Bloch drei weitere Drehbücher, 1912 waren es bereits elf, 1913 schon 14, dann 16, 13 und im Jahre 1916 schließlich sage und schreibe 21.

Pragmatisch und praxisnah

Dass die Dänin derart erfolgreich war, hatte mehrere Gründe. Zum Ersten war sie sehr praxisorientiert, interessierte sie sich von Beginn ihrer Karriere an für die konkrete Umsetzung ihrer Drehbücher, merkte schon bei ihrem ersten Skript an, dass sie doch gerne die Dreharbeiten besuchen und sehen wolle. Und sie war dabei auch stets willkommen, wie sie in einem späteren Interview erklärte. Auf diese Weise lernte sie bald, wie sie ihre Werke ausarbeiten musste, damit sie möglichst gut verfilmbar waren. Zum Zweiten begriff Bloch schnell, die Hürden und Fallstricke der Zensoren zu beachten und zu umgehen. So wurden mehrere ihrer Bücher in den Jahren 1911 und 12 noch mit Zensur-Bemerkungen an sie zurückgeschickt — ab 1913 ging die Anzahl dieser Anmerkungen jedoch deutlich zurück.

Zum Dritten wusste Bloch, maßgeschneiderte Drehbücher für Schauspielstars (die zur damaligen Zeit immer relevanter für den Erfolg eines Films wurden) zu schreiben. Beispielshaft dafür steht ihre Zusammenarbeit mit dem dänischen Stummfilmstar Valdemar Psilander (1884 bis 1917), für den sie in seinen letzten drei Karrierejahren mehr Skripte schrieb als irgendjemand sonst. Als Psilander sagte, er würde gern mal einen Cowboy spielen, schrieb Bloch — obwohl das nicht ihr übliches Sujet war — kurzerhand einen Western für ihn. Manden uden fremtid (1915) entstand, mit einer Geschichte rund um einen Cowboy, der sich in eine reiche Adlige verliebt — eine eher banale Handlung, aber ein effektive Star-Vehikel, in dem allem voran der Hauptdarsteller glänzen durfte.

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Auch wenn das Szenario von Manden uden fremtid untypisch für Bloch war, so lag der Plot doch ganz und gar in ihrem Fachgebiet. Denn, zum Vierten, die Dänin lieferte Drehbuchstoff, der damals auf großes Interesse beim Publikum stieß, vor allem beim weiblichen: leichte Unterhaltung in Beziehungsgeflechten, etwas Romanze, etwas Komödie, ein wenig erotischer Subtext, meist in der bürgerlich-bourgeoisen Gesellschaft angesiedelt. Ähnlich den Screwball-Comedys späterer Jahrzehnte. Und: in der Regel mit starkem Fokus auf die weibliche Hauptrolle.

Jähes Karriereende

All diese Qualitäten sorgten für eine sprunghafte Karriere — doch so steil der Aufstieg war, so schnell kam das Ende. Ihr Stammstudio Nordsik fuhr alsbald die Menge der Produktionen drastisch herunter. In Schweden, wohin sie ebenfalls viele Skripte verkaufte, interessierte man sich abEnde der 1910er zunehmend weniger für Kurzfilm-Komödien in bürgerlichen Gefilden: Ein Drehbuch, das ihr 1917 zurückgeschickt wurde, enthielt die Anmerkung: „The narrative belongs to a genre which we now have given up.“ So blieb Bloch nur noch ein größerer Absatzmarkt: Deutschland. Fünf Werke verkaufte sie sie dorthin, darunter auch das zum von F.W. Murnau inszenierten Der Gang in die Nacht (als Co-Autor wird hier Carl Mayer genannt).

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Der Run auf Kurzfilm-Komödien im bourgeoisen Szenario war zu Ende — Filme wurden länger, und mit ihnen auch die Drehbücher. Obwohl des Deutschen mächtig, überstieg dies alsbald Blochs Sprachkenntnisse. Die Filme wurden zudem aufwändiger, Inszenierung, Bildsprache, Kameraführung — all das erhielt zunehmend mehr Bedeutung, und Bloch hatte damit zu wenig Erfahrung. Auch war die Zeit der freiberuflichen Autor*innen, zu denen die Dänin zählte, vorbei. Die Autor*in musste aufgrund der komplexeren Produktionsverfahren zunehmend in die Strukturen der Studios eingebunden sein — für Bloch, die nach wie vor in Kopenhagen lebte, eine schwierige Angelegenheit. Anfang der 1923 verkaufte sie ihre letzten beiden Skripte: Republikaneren und Tatjana.

In den 30ern verfasste Bloch noch einige Radiohörspiele und erwarb eine Apfelplantage, auf der sie sich zur Ruhe setzte, bis sie 1976 im Alter von 94 Jahren verstarb. Ihr Erbe geriet in dieser Zeit weitestgehend in Vergessenheit, auch in ihrem Heimatland: In der Biografischen Enzyklopädie dänischer Frauen (Dansk kvindebiografisk leksikon) von 2001 mit rund 1900 Einträgen findet sie keine Erwähnung. Dafür nun aber bei uns.

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