Specials: Mind Games - Notizen zu Christopher Nolan

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Specials

Ein Beitrag von Bianka-Isabell Scharmann

Filmstill zu Inception (2010) von Christopher Nolan
Inception (2010) von Christopher Nolan

Der Kreisel dreht sich, wann wird er umfallen? Oder besser: wird er überhaupt umfallen? Soll er — oder besser nicht? Dieser schon ikonisch gewordene ‘Reality-check‘ wird immer dann aus der Tasche Dom Cobbs (Leonardo DiCaprio) geholt, wenn er sich nicht sicher sein kann, in welcher Bewusstseinsdimension er sich gerade befindet. Träumt er oder wacht er? Denn Cobb ist spezialisiert auf ‚Mind Games‘, darauf, in den Verstand Träumender einzudringen und ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken — egal, wie tief sie verborgen sind. Und im Spiel mit dem Verstand sind sich Cobb und sein Erschaffer Christopher Nolan ziemlich ähnlich — ist Nolans Spezialität doch das Ausloten der filmischen Zeit, der Räume und der Realität.

Ein anderer Cobb, der Kreisel dreht sich weiter: Cobb (Alex Haw) ist ebenfalls ein Einbrecher, doch nicht in die Träume der Opfer, sondern lediglich in Häuser, dessen Vorliebe für Geheimnisse anderer Menschen Bill (Jeremy Theobald) teilt. Cobb hatte sich an die Fersen Bills geheftet, der zuerst aus Langeweile und vermeintlich, um eine Schreibblockade zu überwinden, sich an die Fersen fremder Menschen heftete. Doch bald wurde daraus eine Obsession. Erzählt in komplexer Zeitstruktur, die es schafft, Paranoia auszulösen. 

Sprünge in der Zeit, das Sich-verloren-fühlen in der Zeit kennt auch Leonard Shelby (Guy Pearce): Ohne Kurzzeitgedächtnis versucht er, den Vergewaltiger und Mörder seiner Frau zu finden. Erinnerungen, Erkenntnisse, Namen und Nummern hält er auf Polaroidfotos und Tattoos fest, sodass er buchstäblich sein Gedächtnis auf der Haut und in der Hand trägt. Doch ähnlich unzuverlässig wie Shelbys Gedächtnis ist auch der Film, der sich rückwärts zur Wahrheit vorarbeitet: Ein Spiel mit filmischer, erzählter, erlebter und Zeit der Tat.

InceptionFollowing (Nolans zu Unrecht unbekannter Erstling), Memento - diese drei Filme sind geprägt von den Markenzeichen Christopher Nolans: Er spielt mit der Wahrnehmung der Zuschauenden genauso wie mit der der Protagonisten (es sind nur Männer, dazu gleich noch mehr), er ist ein Meister der komplexen Erzählstrukturen und er arbeitet mit filmischen Topoi par excellence — geht es doch bei ihm oft um Traum, Realität(en), Wahrheit(en), Psychologie und, das auch und in den letzten Jahren immer stärker, um das Aufbauen einer bildgewaltigen, bombastischen, sinnlichen Erfahrung, in die die Filme kulminieren. Im Gegensatz dazu strotzen Nolans Titel nur so vor Minimalismus — mit wenigen Ausnahmen.

 

 

Auf der Suche nach der Wahrheit und während derselben fast dem Wahnsinn verfallend findet sich auch der Protagonist (Al Pacino) von Insomnia wieder, einem recht unbekannten Thriller aus der Frühphase des Regisseurs. Das Spiel mit der Wahrheit wurde von Nolan dann in Prestige auf die Spitze getrieben, als sich die beiden Magier Robert Angier (Hugh Jackman) und Alfred Borden (Christian Bale) in einem schlussendlich buchstäblich unglaublichen Duell begegnen. Illusion gehört ebenfalls zur Film- und Kinogeschichte, sodass Nolan auch hier filmisch bearbeitet, was schon seit Beginn dem Diskurs rund um das filmische Medium eignete. 

Mit der Batman-Reihe hat Nolan es geschafft, das Superheld*innen-Genre zu erden: ‚grounded‘ war das Stichwort der Stunde. Batman (Christian Bale), sollte nahbar, menschlich, echt wirken. So wurde dann auch mit Batman Begins eine elaborierte Charakterstudie betrieben, die nachvollzog — und das eingepackt in die weiten, doch nie den Protagonisten aus dem Fokus verlierenden Bilder — wie Batman zu Gothams Rächer Nr. 1 wurde. The Dark Knight bleibt nicht zuletzt ein Film, der Filmgeschichte schrieb, weil Heath Ledger als Joker die letzte und verstörendste Performance seiner Karriere und seines Lebens gab. Mit The Dark Knight Rises drehte Nolan dann noch einmal auf und verpasste der Trilogie ein actionhaltiges Finale.

 

 

Denn Nolans Kino ist nicht nur eines der bildgewaltigen doppelten Böden und der sinnlichen Überwältigung, sondern auch eines der Männer: Männer, die leiden, die Wut in sich tragen, Männer, die großes wollen und doch an sich verzweifeln, Männer, die verschlossen sind und Hilfe ablehnen, die nach der großen Geste streben. Oder, die schlicht und einfach die Welt retten müssen, so wie Cooper (Matthew McConaughey) aus Interstellar, der nichts weniger als das Schicksal der Menschheit auf seinen Schultern trägt.

Nach Dunkirk, einem vermeintlichen Kriegsfilm, der aber vor allem ausstellte, wie gut Nolan filmische Räume aufbauen, sie mit Emotionen aufladen, Bewegungen gegeneinander laufen und insgesamt sinnlich überwältigende Bilder schaffen kann, kehrt er mit Tenet vermeintlich zurück zu einigen seiner Lieblingsthemen — so zumindest lässt es das bisher vorhandene Material erahnen. Nach Inception, dem Infiltrieren von Träumen, versah Nolan seinen Protagonisten mit der Fähigkeit der inversion: reversing the flow of time, das Umkehren des Zeitflusses verspricht ein Spiel mit der Zeit und mit der Wahrnehmung ganz im Stil vorheriger Nolan-Produktionen. Darüberhinaus sieht es nach einem bildgewaltigen, da mit IMAX-Kameras gedrehten Film aus, einem Spionagethriller, der viele der besten Merkmale Nolan’scher Art zu vereinen scheint.

 

 

Mit John David Washington in der Hauptrolle hat Nolan erstmalig einem schwarzen Schauspieler diese Rolle übertragen — und bleibt doch seiner männlichen Perspektive true. Neben Washington sind Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, der ‚Wiederholungstäter‘ Michael Caine, Kenneth Branagh und Clémence Poésy zu sehen. Von dem hochkarätig besetzten Thriller wird nicht weniger als das Anstoßen einer Welle, als das Zurückspülen der Massen in die Kinos erwartet. Ob dies Realität wird oder Traum bleibt, ob der Kreisel sich weiterdreht oder fällt — darüber entscheiden schon bald wir alle. Wird es Nolan erneut gelingen, die Massen zu bewegen?

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