Specials: It's about Time: Christopher Nolans Spiel(e) mit der Zeit

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Specials

In Tenet arbeitet sich Christopher Nolan erneut an einem seiner Lieblingsthemen ab: Zeit. Wie sich das in seinen bisherigen Filmen geäußert hat und welche Spekulationen über „Tenet“ kursieren, haben Christian Neffe und Katrin Doerksen zusammengefasst.

Christopher Nolan
Christopher Nolan

Das Warten hat ein Ende. Wenn heute endlich Tenet, der langersehnte elfte Spielfilm von Christopher Nolan, in den Kinos startet, wird sich hoffentlich aufklären, was die zwar eindrucksvollen, aber doch wenig aussagekräften Trailer bisher nur andeuteten: Was hat er mit der vielbeschworenen Inversion auf sich? Und welche Geschichte hat Nolan um diese Zeitspielerei gestrickt? Bevor wir uns die seit Monaten kursierenden Spekulationen dazu einmal anschauen, werfen wir zunächst einen Blick zurück. Was sich in „Tenet“ nämlich andeutet, ist eine konsequente Weiterführung der großen Konstante in Nolans Werkbiografie: dem Spiel mit der Zeit — formal wie inhaltlich.

 

Durcheinander: Following

Schon in seiner ersten cineastischen Fingerübung, der Low-Budget-Produktion Following, experimentierte Nolan mit einer achronologischen Erzählstruktur. Die Geschichte um den Schriftsteller Bill, der sich mit dem Einbrecher Cobb (nein, nicht dem aus Inception) einlässt, springt innerhalb ihrer 70 Minuten zwischen mehreren zeitlich versetzen Ebenen, die zumindest durch visuelle Hinweise unterscheidbar sind, wenn der Protagonist mal lange, mal kurze Haare trägt und auch mal ein blaues Auge mit sich herumschleppt. Den narrativen Rahmen bildet ein Polizeiverhör, an dessen Ende alle inhaltlichen Fäden zusammenlaufen.

So interessant diese Herangehensweise auch ist, mit der Nolan vor allem ein erzählerisches Puzzle erschaffen will, dessen Stücke das Publikum nach und nach zusammensetzen muss, so sehr fühlt es sich doch wie ein eigentlich überflüssiges Gimmick an. Inhaltlich spiegelt sich die unchronologische Struktur jedenfalls nicht wieder. Mit seinem nächsten Projekt änderte sich das grundlegend.

 

Rückwärts und vorwärts: Memento

Bis heute ist Memento ein Lehrbuchbeispiel, wenn es um unkonventionelle Erzählstrukturen geht. Die film noir-eske Suche Leonard Shelbys (Guy Pearce) nach dem Mörder seiner Frau ist in zwei Plots aufgeteilt: den in Farbe gefilmten Hauptstrang, dessen Szenen rückwärts angeordnet sind, und eine in Schwarzweiß gehaltene Zweit-Erzählung, die vorwärts verläuft. Beide treffen zum Ende hin in einem grandiosen visuellen Übergang aufeinander.

Im Gegensatz zu Following ist das Rückwärts-Erzählen in Memento nicht rein formale Spielerei, sondern flechtet die Krankheit des Protagonisten gekonnt in die Erzählstruktur ein: Shelby hat sein Kurzzeitgedächtnis verloren und kann sich schon nach wenigen Minuten nicht mehr an das erinnern, was eben noch geschehen ist — so wie auch das Publikum nicht weiß, was in der Szene zuvor passiert ist. Die Form ist hier ein Mittel, um den mentalen Zustand der Hauptfigur für die Zuschauer*innen greif- und nachvollziehbar zu machen.

 

Verschachtelung: Prestige

Drei weitere Filme brauchte es, bis sich Nolan wieder dem achronologischen Erzählen im großen Stil zuwandte. Insomnia (seine einzige Regiearbeit ohne ein Drehbuch von ihm oder seinem Bruder Jonathan) ist abseits geisterhafter Flashbacks ein straight erzählter Krimithriller. Und auch Batman Begins setzt bis auf den nicht chronologischen Einstieg und (wie auch die Fortsetzungen) einige Rückblicke auf eine geradlinige Struktur. Erst in seinem Magier-Verwirrspiel Prestige kehrte Nolan zu einer komplexeren Erzählform zurück.

Die drei Narrationsebenen werden hier über die Tagebücher der Illusionisten Angier (Hugh Jackman) und Borden (Christian Bale) miteinander verknüpft. Während Borden im Gefängnis auf sein Todesurteil wartet, liest er Angiers Memoiren, in denen dieser wiederum seine Erkenntnisse festgehalten hat, nachdem er Bordens Notizbuch in die Hände bekommen hat. Liest sich verwirrend, ist im Film aber schnell durchschaut. Und dient Nolan vor allem dazu, in bester Thriller-Manier zur richtigen Zeit die richtigen Informationen ans Publikum weiterzureichen, um letztlich drei Twists zu zünden, die die jeweiligen Plots abschließen und dem darüber liegenden neuen Schwung geben. Ein abermals vorrangig formaler Ansatz also — ganz im Gegensatz zu seinem übernächsten Film.

 

Subjektivität: Inception

Dass Zeit in Inception von enormer Bedeutung ist, wird schon früh klar wenn der Verstand-Meisterdieb Cobb (Leonardo Dicaprio) dem Teamneuzugang Ariadne (Ellen Page) erklärt, dass Zeit im Traum langsamer vergehe als in der Realität. Diesen Umstand macht sich die Gruppe um Cobb auch bei ihrem neusten Coup zunutze: Um einen Geschäftsmann (Cillian Murphy) dazu zu bringen sein Firmenimperium aufzulösen, tauchen sie in seine Träume ein. Und in einen Traum in diesem Traum. Und in diesem in einen weiteren Traum. Auf jeder Ebene vergeht die Zeit um ein 20-faches langsamer, sodass aus Stunden Tage, aus Tagen Wochen und aus Wochen Jahre werden.

Die Krux: Wer in diesem Traum stirbt, verliert sich im Limbus und altert dort im Geiste um Jahrzehnte, bevor er nach wenigen Stunden als körperlich junger, aber innerlich alter Mensch aufwacht. Inception ist damit sowohl ein Fingerzeit auf die Subjektivität von Zeit, Wahrnehmung und Zeitwahrnehmung als auch ein Film, der dies formal-ästhetisch durch den Einsatz von Zeitlupen und verlangsamter Musik auf den verschiedenen Traum-/Erzählebenen aufgreift. Im Zentrum steht die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung: Ob der Kreisel am Ende umfällt oder nicht, spielt keine Rolle. Traum und „Realität“ sind hier zwei gleichberechtigte Ebenen, die sich einander bedingen und beeinflussen.

 

Relativität: Interstellar

An die Subjektivität — oder präziser: Relativität — von Zeit wagte sich Nolan auch in seinem großen Science-Fiction-Epos Interstellar. Denn natürlich spielt der Faktor Zeit in der Raumfahrt eine wesentliche Rolle. Zeit, bis das interplanetare Ziel erreicht ist. Zeit, die sich bei hoher Gravitationskraft gemäß den Regeln Albert Einsteins dehnt und damit langsamer vergeht. Zeit, die uns Altern lässt. Und über all dem diese eine Kraft, die uns über alle Zeiten (und Räume) hinweg verbindet: Liebe.

Man merkt schon, Nolan zieht dieses Thema sowie alle mit ihm verknüpften Motive und Ideen verdammt groß auf. Seine Melange aus wissenschaftlichen Theorien und existenzialistischen Fragen dient ihm als Sprungbrett für eine erneut chronologisch erzählte Geschichte über den Willen des Menschen, die Grenzen von Raum und auch der Zeit zu überwinden. Konsequenterweise verzichtet Interstellar dabei auf klassische, größere Rückblenden. Denn wie Dr. Amelia Brand (Anne Hathaway) erklärt, ist Zeit zwar relativ und dehnbar — aber nicht umkehrbar. Ob uns Tenet da eines Besseren belehrt?

 

Parallelität: Dunkirk

Dunkirk war für Nolan eine Entschlackungskur: Weniger Dialoge, weniger existenzialistische Philosophie, weniger Laufzeit. Dafür eine konventionelle Kriegsgeschichte mit einer umso unkonventionelleren Erzählstruktur. Die Evakuierung von Dünkirchen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird anhand von drei Schauplätzen geschildert: dem Strand, dem Wasser, der Luft. Zu Beginn jedes strikt durch die visuelle Perspektive getrennten Strangs gibt Nolan nur einen kurzen Hinweis aus: „Eine Woche“, „Ein Tag“ und “Eine Stunde“, steht da zur jeweiligen Dauer. Die Montage ordnet sie nichtsdestotrotz parallel zueinander an und lässt sie schlussendlich zusammenlaufen.

Auf diese Weise werden sowohl das tagelange Warten auf Rettung am Strand als auch die erst viel später anlaufenden Rettungsaktionen gleichberechtigt zueinander in Szene gesetzt, anstatt etwa den Spitfire-Piloten Farrier (Tom Hardy) als Heros in letzter Minute erst im Finale auftreten zu lassen. Das Spiel mit der Zeit ist hier erneut rein formal, allerdings kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um inhaltliche Parallelen zu schaffen.

 

Inversion(?): Tenet

Christopher Nolan ist im Vorfeld seiner Kinostarts ein Geheimniskrämer — und diese Rechnung ergibt Sinn: Mehr Heimlichtuerei gleich mehr Spekulationen gleich mehr Hype gleich mehr verkaufte Tickets. Beim zweitteuersten Standalone-Film nach Avatar ist das wohl auch nötig. Die Runde machte etwa eine Anekdote von Robert Pattinson, der in einem Interview erklärte, er habe das Drehbuch im Vorfeld der Produktion nur ein einziges Mal lesen dürfen — in einem komplett abgeschlossenen, bewachten Raum.

„Tenet“ Poster (c) Warner Bros.

Dementsprechend viele Fantheorien waren im Vorfeld zu Tenet im Umlauf. Die meisten davon stützen sich auf das einzig verfügbare Material: Den Trailer, der bereits ankündigt, dass Nolan einmal mehr den Fluss der Zeit zum Thema macht. Schon der Titel deutet darauf hin: Ein Palindrom — also ein Wort, das vorwärts wie auch rückwärts gelesen den gleichen Sinn ergibt. Das übrige Promomaterial treibt dieses Prinzip auf die Spitze: Das Poster etwa zeigt John David Washington eine steinernen Weg entlang laufen und vermittelt den Eindruck perfekter Symmetrie, obwohl eine Hälfte des Motivs auf den Kopf gestellt und gespiegelt ist. Und auch Laufzeit von exakt 151 Minuten spielt dabei hinein. 

Kein Wunder, dass sich die meisten Theorien auf dieses Konzept beziehen. So wird etwa vermutet, der Film könne in der Mitte zweier Handlungsstränge beginnen und sich davon ausgehend in beide Richtungen gleichzeitig entwickeln. Oder der komplette Film könnte funktionieren wie ein Palindrom und am gleichen Ort enden, der auch Ausgangspunkt war. Einen solchen Film zu konzipieren, wäre mit Sicherheit kein Leichtes — wenn es aber einer schafft, dann wohl Christopher Nolan. Immerhin ist im Trailer auch deutlich zu sehen, dass einige Bewegungen — Pistolenschüsse, ein fahrendes Frachtschiff — rückwärts ablaufen.

 

Fantheorien — von glaubhaft bis verrückt

Stellt sich noch die Frage, wie das Spiel mit der Zeit in die Handlung eingebettet sein könnte. Die Tatsache, dass eine Figur im Trailer zum im Krankenbett erwachenden John David Washington „Welcome to the Afterlife“ sagt, führte hier zu zahllosen Spekulationen: Eventuell könnte der ganze Film in seinem Leben nach dem Tod spielen — das würde auch erklären, warum dort die Physik anderen Gesetzen gehorcht. Vielleicht handelt es sich aber auch schlicht um eine Halluzination, die der Protagonist im Augenblick seines Todes durchlebt — schließlich sehen wir im Trailer, wie er zwischen abgestellten Zügen gefoltert wird. Möglich erscheint es den Fans auch, dass JDW stirbt und von einer Geheimorganisation eine zweite Chance bekommt.

Oder es handelt sich bei allem um eine Computersimulation: eine Agentur, die Verbrechen nachstellt, um den Tathergang besser zu verstehen und so Verbrechen in der Zukunft verhindern zu können — think Source Code? Vielleicht löst der Protagonist auch versehentlich den Dritten Weltkrieg aus und muss in der Zeit zurückreisen, um sich selbst zu stoppen. Eine der witzigsten Fantheorien aber vermutet, dass es sich bei JDWs Rolle lediglich um den Schadensregulierer einer Spionageagentur handelt, der mithilfe einer verrückten Technologie an vergangenen Einsätzen teilhat, sie zurückspult um den Schaden zu begutachten und anschließend seinen Bericht abgibt. That’s it.

Genau genommen lassen verrückte Theorien im Vorfeld von Christopher-Nolan-Filmen nie lange auf sich warten. Auch im Fall von Tenet gibt es die erwartbaren Spekulationen über Engel, Dämonen, Zauberer und Aliens, die im Film auftauchen könnten. Jemand vermutete sogar, der Film spiele gänzlich im Universum des Computerspiels Fortnite, da der erste Trailer im Rahmen des Games seine Premiere gefeiert hatte. Einige rechnen außerdem damit, dass JDWs Vater Denzel Washington eine unangekündigte Rolle als Vater oder ältere Version des Protagonisten spielen könnte — das würde immerhin zum Zeitthema passen.

Eine der populärsten Theorien besagt jedoch, dass es sich bei Tenet um eine Fortsetzung zu Inception handeln, der Film also entweder direkt Bezug auf die Ereignisse des 2010er Blockbusters nehmen oder zumindest im selben Universum spielen könnte. Zahlreiche Reddit-User vermuten etwa, dass die gleiche Firma JDW und Robert Pattinson ausstatten könnte, die in Inception auch Cobb die Incept-Technologie lieferte. Dass im Trailer zu Tenet Michael Caine in einer scheinbar kleinen Rolle auftaucht, veranlasste derweil Spekulationen, dieser kehre in seine damalige Rolle als Cobbs Schwiegervater zurück. Daran schließen auch weitere Theorien an, die davon ausgehen, es handele sich bei den Rollen von Pattinson und Clémence Poésy um erwachsene Versionen von Cobbs Kindern. Nicht zuletzt das Studio Warner Bros. selbst befeuerte die Theorien, indem es darauf bestand, Tenet trotz der globalen Pandemie noch im Jahre 2020 in die Kinos zu bringen, obwohl zahlreiche Filme dieses Kalibers ins darauffolgende Jahr verschoben wurden. Also Inception 2010, Tenet 2020 — wobei ersterer Film derzeit an vielen Orten wiederaufgeführt wird. Oder steckt womöglich doch nicht mehr dahinter als der Versuch die Leute nach einer langen Flaute wieder in die Kinos zu locken? Erfahren werden wir es ab dem 26. August.

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