Specials: Gestreamt: Taika Waititi

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Specials

Ein Beitrag von Christian Neffe

Am 16. August feiert Taika Waititi seinen 45. Geburtstag. Unser Geschenk: eine Ehrung in unserer Reihe „Gestreamt“. Das ist auch deshalb angemessen, weil sich Waititi in den vergangenen Jahren zu einem der meistgefragten Regisseure und Autoren emporgearbeitet hat.

Taika Waititis Filme: 5 Zimmer Küche Sarg / Boy / Jojo Rabbit
Taika Waititis Filme: 5 Zimmer Küche Sarg / Boy / Jojo Rabbit

Taika Waititi ist ein Multitalent: Der inzwischen Oscar-prämierte Drehbuchautor, Regisseur, Maler, Komiker und Schauspieler wurde 1975 in Wellington, Neuseeland als Sohn eines Māori und einer Pākehā (die ersten Siedler Neuseelands) mit russisch-jüdischen Wurzeln geboren und entdeckte an der Universität von Wellington, wo er Schauspiel studierte, schon früh seine Passion für Comedy. Er tourte unter anderem als Teil der fünfköpfigen Komikertruppe „So You’re a Man“ durch Neuseeland und Australien, gemeinsam mit seinem Kumpel Jemaine Clement formte er später das Comedy-Duo „The Humourbeasts“. Beide gewannen 1999 den Billy T Award, den wichtigsten Comedy-Preis Neuseelands.

Gage Skidmore / CC BY-SA 3.0

Der Humor ist folglich auch das, was sich als große Konstante durch das cineastische Schaffen von Waititi zieht. Anfang der 2000er-Jahre legte er mit seiner Arbeit im Filmbereich los, zunächst als Darsteller in einigen kleinen bis sehr kleinen Rollen, wenig später schon als Autor und Regisseur, wobei er meist auch selbst in relativ prominenten Rollen innerhalb seiner Werke zu sehen war. Charakteristisch für Waititis Humor ist seine zwischen trocken, derb und albern-infantil schwankende Art, sein Fokus auf verbale, wortspielreiche Komik und seine bisweilen auch (in bester Buster-Keaton- und Charlie-Chaplin-Manier) physische Komponente. Waititi liebt aber allem voran nerdige, skurrile und schrullige Charaktere mit seltsamen Hobbys und Angewohnheiten, die in ihrer eigenen Welt leben und die er gern mit bierernsten Typen konterkariert, um durch dieses Spannungsfeld humoristisches Potential zu schaffen. Reiner Klamauk ist ihm aber fremd: Er nutzt den Humor stets, um dem Publikum einen Zugang zu ersten Themen und den persönlichen Reifeprozessen seiner Figuren zu ermöglichen.

Waititi hat es inzwischen vom Independent-Filmemacher zum Blockbuster-Regisseur geschafft. Dabei begann seine Karriere, wie sooft, ganz klein.

 

Taika Waititis Filme im Überblick

 

Two Cars, One Night (2004)

Waititis erste Regiearbeit — der Kurzfilm John & Pogo — ist leider in den Weiten des Internets verschollen. Dafür ist sein zweites Werk Two Cars, One Night problemlos auffindbar. Der Titel des Elf-Minüters umreißt bereits den Inhalt: Vor einem Restaurant stehen zwei Autos, in denen die drinnen feiernden Eltern ihre Kinder geparkt haben. In einem der Fahrzeuge: zwei Brüder. In dem anderen: ein Mädchen. Anfangs werden noch Beleidigungen und Mittelfinger ausgetauscht — hier ist bereits der derbe, aber authentische Humor erkennbar. Zwischen dem Mädchen und einem der Jungs entwickelt sich jedoch schnell eine kleine Freundschaft, die in einem melancholischen Abschied mündet, als die Eltern zurückkehren. Ein knackiger, sympathischer Streifen, der zeigt, wie schnell Kinder ihre anfängliche Abneigung zueinander in Zuneigung umwandeln können. Dafür gab es eine Oscar-Nominierung für den besten Kurzfilm. Bei der Verleihung sorgte Waititi für Aufsehen, weil er vorgab zu schlafen, als die Nominierungen vorgetragen wurden.

Verfügbar auf: YouTube

 

Eagle vs. Shark — Liebe auf Neuseeländisch (2007)

Waititis Langfilmdebüt dreht sich um zwei Nerds: das Mauerblümchen Lily (Loren Taylor) und den in einem Computerspielverkäufer Jarrod (Waititis Kumpel Jemaine Clement). Beide besuchen - als Hai und Adler verkleidet — eine Kostümparty, wo sie sich ineinander verlieben. Die Beziehung erlebt einige Rückschläge, weil sich vor allem Jarrod als sozial schwierig erweist und lieber seltsamen Plänen nachhängt (etwa dem Vorhaben, sich an seinem alten Peiniger aus Schulzeiten zu rächen), anstatt sich auf die Liebe einzulassen. In Eagle vs. Shark ist Waititis Kernkompetenz deutlich erkennbar: skurrile, schrullige Charaktere und die absurden Situationen und Dynamiken, die sich aus ihrem Zusammenspiel ergeben.

Verfügbar bei: leider keinem Streaming-Anbieter, nur als DVD und Blu-ray

 

 

Boy (2010)

Waititis zweiter Langspielfilm Boy erzählt die Geschichte des elfjährigen Alamein (James Rolleston), der Mitte der 80er mit seinem Bruder auf dem Hof seiner Großmutter lebt und riesiger Michael-Jackson-Fan ist. Als die Oma zu einer Beerdigung reist, überlässt sie Alamein die Verantwortung für das Haus und die anderen Kinder, die dort ebenfalls wohnen. Dann taucht sein Vater (gespielt von Waititi), der zuvor im Knast saß, mit zwei fremden Männern auf, die nach einem Sack voller Geld suchen, der irgendwo vergraben liegt. Das bisher nicht vorhandene Verhältnis zwischen dem Vater und den Söhnen scheint sich anfangs zu bessern, doch bald muss Alamein erkennen, dass sein Papa nach wie vor ein ziemlicher Egozentriker ist - und alle guten Erinnerungen an die Vergangenheit nur imaginiert sind. Die luftige Coming-of-Age-Story mündet in große Tragik — eine weitere Konstante in Waititis Werken. Boy avancierte innerhalb weniger Wochen in Neuseeland zur bis dato erfolgreichsten inländischen Filmproduktion.

Verfügbar bei: leider keinem Streaming-Anbieter, nur als DVD und Blu-ray

 

5 Zimmer Küche Sarg (2014)

Bereits 2005 realisierte Waititi den Kurzfilm What We Do in the Shadows: Interview with some Vampires (hier auf YouTube verfügbar). Fast zehn Jahre später machte er aus der (großartigen) Idee, ein Mockumentary-/Scripted-Reality-Format rund um übernatürliche Wesen zu inszenieren, einen Spielfilm, der hierzulande den fantastischen Titel 5 Zimmer Küche Sarg spendiert bekam und das Leben innerhalb einer Vampir-WG zeigt. Waititi fährt bei der Charakterzeichnung zu Höchstleistungen auf: Er selbst spielt den affektierten, frohmütigen Dandy Viago, der zusammen mit dem aus dem Mittelalter stammenden Vladislav (Jemaine Clement), dem rebellischen, ehemaligen Nazi-Vampir Deacon (Jonny Brugh) — angeblich wegen Image-Problemen nach Neuseeland ausgewandert - und dem Nosferatu-haften Petyr (Ben Fransham) zusammenlebt. Es gibt Auseinandersetzungen mit anderen WGs (einer Gruppen von Werwölfen) und innerhalb der Wohngemeinschaft, die viele kennen dürften: Ordnung, Sauberkeit und die Frage, wer den Abwasch macht, scheinen auch für mehrere Jahrhunderte alte Wesen klassische Konfliktherde zu sein. Leider ging ein Großteil des wortspielzentrierten Humors („We’re not Swearwolves“) hierzulande in der Synchro unter — im O-Ton ist What We Do in the Shadows hingegen ein herrlich verrücktes Comedy-Fest. 2019 erschien die erste Staffel einer gleichnamigen Serie, Waititi führte hier bei drei Folgen Regie.

Verfügbar bei: allen gängigen VoD-Anbietern zur Leihe und zum Kauf

 

Wo die wilden Menschen jagen (2016)

Der Jugendliche Ricky (Julian Dennison) ist bereits mehrfach straffällig geworden und wird nun — allein gelassen von seinen Eltern — bei einer Pflegefamilie auf einer neuseeländischen Farm untergebracht. Nur widerwillig akzeptiert er seine neuen Eltern — ähnlich wie sein mürrischer Pflegevater Hec (Sam Neill), der den Rap-begeisterten Teenager ebenfalls ihn nicht besonders mag und lieber tagein, tagaus in seinen Bart grummelt. Als seine Frau überraschend verstirbt, soll Ricky wieder ins Pflegeheim und flieht deshalb in die Wildnis, wo er sich aber als kein bisschen überlebensfähig erweist. Hec spürt ihn nach einiger Zeit auf — gemeinsam beschließen sie, vorerst in der Wildnis zu bleiben. Es beginnt eine abenteuerliche Flucht vor den Behörden mit zahlreichen urkomischen Momenten. Eine Kinoauswertung blieb Wo die wilden Menschen jagen trotz seines Erfolgs beim Sundance Filmfestival leider in Deutschland verwehrt — inzwischen hat sich das Dramedy zu einem kleinen Kultfilm entwickelt.

Verfügbar bei: allen gängigen VoD-Anbietern zur Leihe und zum Kauf

 

Thor — Tag der Entscheidung (2017)

Mit Thor: Tag der Entscheidung konnte Waititi endlich einen Fuß in die Tür Hollywoods setzen. Wer auch immer bei Marvel/Disney die Idee hatten, dem neuseeländischen Comedy-Anarcho die Federführung über den dritten Film rund um den hammerschwingenden Superhelden Thor (Chris Hemsworth) zu überlassen: Es war eine sehr gute. Nach den ersten reichlich drögen und sich (ob des absurden Settings) viel zu ernst nehmenden Thor-Filmen verpasste Waititi der Figur eine kleine Frischzellenkur, tobte sich visuell und humoristisch aus, unter anderem mit zwei Kurzfilmen, die vorab erschienen. Im Hauptfilm wird der Sohn Odins von seiner bösen Schwester Hela (Cate Blanchett) verbannt und muss fortan versuchen, seine Heimat Asgard zu retten. Tag der Entscheidung sticht aus dem MCU allem voran wegen seiner bunten, farbintensiven Bilder und seiner deutlich höheren Gag-Dichte heraus. In den Nebenrollen sind Tessa Thompson als alkoholsüchtige Walküre, Jeff Goldblum als schrulliger Herrscher eines Schrottplaneten und Waititi selbst als in sich ruhendes CGI-Steinwesen mit Hang zu bitterbösem Sarkasmus zu sehen.

Verfügbar auf: Disney+ und bei allen gängigen VoD-Anbietern zur Leihe und zum Kauf

 

Jojo Rabbit (2019)

Mit Jojo Rabbit wagte Waititi 2019 den Sprung in ein schwieriges Genre: die Nazi-Satire. Erzählt wird die Geschichte des begeisterten Hitlerjungen Joachim Betzler (Roman Griffin Davis), der derart fasziniert vom Führer ist, dass er ihn sich als imaginären Freund herbeifantasiert — natürlich verkörpert von Waititi selbst. Doch Joachim scheitert an seinen eigenen Ambitionen: Im Camp der Hitlerjugend wird er gemobbt und fliegt schließlich raus. Als er dann auch noch eine junge Jüdin in seinem Haus entdeckt, die seine Mutter (Scarlett Johansson) dort versteckt hat, gerät sein Weltbild endgültig ins Wanken. Waititi setzt der menschenverachtenden Ideologie der Nazis hier eine konsequente Naivität entgegen, um darauf sein Fundament für ein Plädoyer gegen Hass und für Mitmenschlichkeit aufzubauen — und im entscheidenden Moment zum emotionalen Schlag in die Magengrube auszuholen. Dafür gab es 2020 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

Verfügbar bei: allen gängigen VoD-Anbietern zur Leihe und zum Kauf

 

The Mandalorian — Redemption (2019)

Man kann es schon als kleinen Ritterschlag begreifen, dass Waititi die letzte Episode des Disney+-Prestige-Projekts The Mandalorian inszenieren durfte. Bereits in der ersten Folge trat er in der Rolle des Kopfgeldjäger-Droiden IG-11 auf, für die achte schließlich nahm er auf dem Regiestuhl Platz. Das spürt man sofort: Der Dialog zwischen zwei Sturmtrupplern zu Beginn der Episode ist die humorvollste Szene der gesamten Staffel (auch wenn sie sich damit nicht ganz in die sonst sehr düstere Atmosphäre der Serie einfügen will). In den folgenden 40 Minuten beweist Waititi darüber hinaus, dass er auch Action und große Gefühle kann, wenn sich eine liebgewonnene Figur für den Rest der Truppe opfert.

Verfügbar auf: Disney+

 

Was noch folgt

Mit Thor 3 und seiner Oscar-Auszeichnung hat Waititis Karriere einen ziemlichen Schub bekommen. Der Neuseeländer wird geradezu mit Angeboten überschüttet. So wurde er jüngst als Autor für ein Serien-Reboot von Time Bandits (zusammen mit Terry Gilliam), eine Neuauflage von Flash Gordon, eine Netflix-Umsetzung von Charlie und die Schokoladenfabrik und einen neuen Star-Wars-Film (geplanter Start: 2025) engagiert. Und natürlich ist der vierte Thor-Film bereits in der Mache. Wir hoffen, dass Waititi nicht völlig bei Disney versumpft und auch fortan Zeit und Energie für Projekte abseits der Norm haben wird. Ansonsten könnte der Anarcho-Humorist womöglich viel von seiner eigenen Handschrift verlieren.

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