Specials: Freiheit und Isolation: Der Corona-Boom der Autokinos

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Die Kinos sind dicht, Cineasten können derzeit nur in den eigenen vier Wänden dem Filmgenuss frönen. Doch es gibt eine Alternative: Überall in Deutschland sprießen derzeit Autokinos aus dem Boden. Mehr als 100 Jahre nach seinem Entstehen erlebt diese Kinoform gerade eine Renaissance. Eine Zeitreise.

Autokino Schrottplatz
"Autokino"

Krisen kennen nur wenige Gewinner. Während die Corona-Pandemie für Abertausende Betriebe massive wirtschaftliche Schäden zur Folge hat, profitieren nur wenige Branchen von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens: Mundschutzhersteller, Klopapierproduzenten, Netflix und Amazon etwa. Aber auch – und das sind die guten Nachrichten – eine Sparte, die bisher vornehmlich als nostalgische Kuriosität wahrgenommen wurde: Autokinos.

Wie Pilze sprießen sie derzeit deutschlandweit aus dem Boden: Freiluftlichtspielstätten für den Personenkraftwagen. Knapp 20 Autokinos gab es in Deutschland vor Corona – weit mehr sind allein in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Wochen entstanden. Im März und April seien 64 Frequenzzuteilungen für Autokinos bewilligt worden, teilt die Bundesnetzagentur mit; zahlreiche weitere befinden sich in Bearbeitung. Und die Menschen strömen – pünktlich zum Beginn der klassischen Autokino-Saison – in Scharen auf die Parkplätze vor den gewaltigen Leinwänden.

Die Gründe des neuerlichen Aufstiegs des Autokinos – die Isolation im Metall- und Glaskasten auf vier Rädern – könnten kaum weiter von jenen entfernt sein, die den einst kometenhaften Aufstieg der Freiluftkinos beflügelten. In den 1950ern war das Autokino eine Eventlocation, gleichermaßen Treffpunkt von Jugend und Familien. Sie vereinten Individualismus und Bequemlichkeit mit Unterhaltung. Ihre Geschichte begann bereits 1915 in Las Cruces, New Mexico, wo das erste Freiluftkino öffnete, das auch Autostellplätze bot. Als offizielles Geburtsdatum gilt jedoch der 6. Juni 1933: Richard M. Hollingshead, der zuvor ein entsprechendes Patent anmeldete, eröffnete sein Autokino in Camden, New Jersey. Allerdings nicht aus cinephilen Beweggründen: Der Erbe einer Firma für Autozubehör nutzte sein Kino als Werbe- und Verkaufsplattform.

 

Autokino – ein Lebensgefühl

Nach dem Krieg kam der Boom. Parallel zur massenhaften privaten Motorisierung der US-amerikanischen Mittelschicht und der zunehmenden Suburbanisierung boten die Drive-In Theatres auch jenen Unterhaltung, die nicht im Zentrum der großen Städte, nahe den edlen Lichtspielhäusern lebten. Land war billig und die Menschen dürstete es nach Unterhaltung. Bis 1958 wuchs die Zahl der Autokinos in den USA auf 4000 an. Was auf der Leinwand lief, war dabei zweitrangig. Die großen Studios gaben ihre Produktionen nur selten heraus, stattdessen liefen vor allem B- und C-Movies: Horror, Krimis, Science-Fiction. Entscheidender war, was sich vor den Leinwänden abspielte. Und vor allem das damit verbundene Lebensgefühl.

Als romantische Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit mindestens als verpönt galten, wurde das Autokino, das ein Nebeneinander von Gemeinschaftlichkeit ermöglichte, für Jugendliche zum idealen Ort für erste, zweite und zehnte Dates. In der Isolation des Autos – damals noch mit durchgehender Frontsitzbank – und bei Dunkelheit konnte unbeobachtet gekuschelt und geknutscht werden. Gern auch mal mehr. Dazu ein Schluck Alkoholisches aus der unter dem Sitz hervorgezogenen Flasche. Wer es noch intimer wollte, buchte einen Platz in der letzten Reihe, den love lanes. Oben der Sternenhimmel, jenseits der Leinwand die Weiten des amerikanischen Kontinents: Autokinos waren Grenzland, frontiers, fernab von Gesetz und Moral. Ein Hauch John Wayne plus eine Prise James Dean – entsprechende Frisur und passendes Auto vorausgesetzt.

Aber auch für Familien waren Autokinos ein perfekter Anlaufpunkt. Der Vater musste sich nicht erst umziehen, wenn er abends von der Arbeit kam, die Kinder konnten auf der Rückbank schlafen oder sich auf den angrenzenden Spielplätzen vergnügen. Dazu tuscheln, rauchen, Beine hochlegen, inklusive Vollversorgung per Bedienung direkt ans Fenster – all das boten traditionelle Kinos nicht.

 

Langlebige Nische in Deutschland

Als das Drive-In Theatre in Deutschland seinen Durchbruch feierte, hatte es in den USA bereits seinen Zenit überschritten. Schon 1954 gab es einen ersten Testlauf, doch stiegen die Menschen damals noch aus ihren Wagen aus und setzten sich auf die Motorhauben. Sechs Jahre später wagte der deutschstämmige Südafrikaner Hermann Franz Passage den großen Wurf: Er eröffnete ein Autokino in Gravenbruch nahe Frankfurt am Main für 1100 Autos und mit einer 540 Quadratmeter großen Leinwand. Das Experiment glückte: Passages Autokino war ein Erfolg – sowohl bei den in der Nähe stationierten GIs als auch beim deutschen Publikum. Bis Ende der 1970er Jahre gab es in der BRD etwa 40 Parkplatzkinos. Der Trend schwappte gar über die Mauer: 1977 öffnete im brandenburgischen Zempow das erste und einzige Autokino der Deutschen Demokratischen Republik.

Dennoch blieb das Autokino hierzulande ein Nischenphänomen – wenn auch eines mit besonderem Flair und treuer Stammkundschaft. Sie wurden zu einem nostalgisch aufgeladenen Symbol des American Way of Life (beziehungsweise Drive) der 1950er Jahre, äquivalent zu Rock’n’Roll, Haargel, Cadillacs. Lange bevor die ersten Fastfood-Ketten über den Großen Teich expandierten, gab es in deutschen Autokinos bereits Hamburger. Es war ein typisches US-amerikanisches Exportgut, im Guten wie im Schlechten.

In den USA flachte der Trend derweil ab, aus vielfältigen Gründen. Die Konkurrenz des Fernsehens nahm sukzessive zu. Land wurde teurer. Eine neue Generation suchte sich andere Status- und Freiheitssymbole, weichte die prüde Sexualmoral auf und beraubte das Autokino damit seines großen Reizes für die Jugend. Auch die Autobauer trugen ihren Teil dazu bei, indem sie verstärkt auf Knüppelschaltung setzten und die durchgängige Frontsitzbank verschwinden ließen (dem Vernehmen nach sollen die Kinobetreiber mit Petitionen dagegen vorgegangen sein). Was einst als Eventlocation für alle Klassen und races galt, war bald als altmodisch und schmuddelig verpönt. Bald sahen Autokino so aus, wie in Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood: Abgedrängt an die Ränder der Städte, da wo auch Cliff Booth (Brad Pitt) seinen Trailer vor den Augen der Welt versteckt; vor den Leinwänden zunehmend ausgedünnte Reihen. Heute existieren in den USA nur noch knapp 350 Autokinos.

Auch in Deutschland machte sich seit den 1980er der Schwund bemerkbar, verstärkt durch die Einführung der Sommerzeit. Die wenigen, die sich hielten, rettete vor allem die Nostalgie. Immerhin blieben sie hierzulande überhaupt existent: Im Rest Europas gilt das Parkplatzkino als ausgestorben.

 

Die große Renaissance

Und nun? Erlebt der Filmgenuss im Freien eine wahre Renaissance. Nicht nur in den USA, wo Autokinos zunehmend Austragungsorte von Gottesdiensten und Konzerten sind. Auch über Deutschland fegt dieser Tage eine wahre Welle von Eröffnungen hinweg. Weit mehr als 20 neue Autokinos sind allein in Nordrhein-Westfalen entstanden. In anderen Bundesländern ist der Trend ebenfalls spürbar oder rollt – dank zunehmend gelockerter Schutzverordnungen – langsam an. Auf freien Flächen oder Parkplätzen werden dann etwa kurzerhand aufblasbare Leinwände installiert; der Ton wird, wie schon seit Jahren üblich, per UKW direkt an das Autoradio gesendet. Einige der Initiatoren sind langjährige Kinobetreiber, etwa in Marl oder in Chemnitz. Vereinzelt sind auch andere Kulturschaffende aktiv geworden, zum Beispiel das Kammertheater Karlsruhe, das notgedrungen vom Bühnen- auf den Autokinobetrieb umgesattelt hat.

 

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Autokino in Tübingen, aufgenommen am 01.05.2020 © Public Domain via Wikimedia Commons (CC0 1.0 Universal (CC0 1.0))

 

Zumeist stammen die neuen Autokinobesitzer jedoch aus dem Bereich des Eventmanagements. Es sind Messe- oder Festivalbetreiber, die zu den ersten wirtschaftlichen Leidtragenden der Krise gehörten, kreative Lösungen suchten und den Trend erkannt haben. Zu ihnen gehört auch Toni Heide aus der Lausitz, der kürzlich Autokinos in Dresden, Görlitz und Bautzen eröffnet hat (weitere sind in Planung) und von einem enorm positiven Feedback der Besucher*innen berichtet: „Die Leuten sind sehr dankbar und glücklich, dass sie endlich wieder etwas unternehmen können.“ Bei Heide haben sie dazu vor bis zu vier LED-Leinwänden Gelegenheit, die im Gegensatz zum klassischen Projektor auch Filmvorführungen bei Tageslicht ermöglichen. 200 bis 300 Plätze stehen zur Verfügung, gezeigt werden sowohl Kultstreifen (Pulp Fiction, Forrest Gump) als auch jüngere Blockbuster (Spider-Man: Homecoming, ES). Und sogar für ein wenig Arthouse – im Autokino üblicherweise vernachlässigt – ist Platz, wenn Bong-Joon Hos Meisterwerk Parasite läuft.

 

Einst Freiheit, jetzt Sicherheit

Das Bedürfnis nach gemeinschaftlicher Unterhaltung im Freien, die Flucht aus der Isolation in den eigenen vier Wänden, ist nach zwei Monate langen Einschränkungen — darunter auch Kino-Schließungen – mehr als nachvollziehbar. Wenn das eskapistische Potential der Streaming-Dienste an seine Grenzen stößt, ist der Filmgenuss im Auto vor großer Leinwand etwas, das zumindest ein Stück weit an die Erfahrung Kino heranreicht. Dass der Bedarf danach vorhanden ist, geht aus einer jüngst veröffentlichten Umfrage hervor, welche sich nach den Freizeitaktivitäten erkundigte, die die Menschen vermissen. 93 Prozent sagten, dass ein Kinobesuch nach der Krise für sie „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“ sei. Das Kino landete damit auf dem Spitzenplatz – noch vor Restaurantbesuchen.

Ganz so gemeinschaftlich ist das Erlebnis Autokino derzeit gleichwohl nicht: Fenster und Türen müssen durchgehend geschlossen bleiben, Tickets sind nur online verfügbar und zwischen den Autos muss ein größerer Abstand als zuvor gewahrt werden, um Hygieneschutzmaßnahmen einzuhalten. In bereits bestehenden Autokinos wurde die Stellplatzzahl verringert, Getränke- und Speisenverkauf eingestellt. Das utopische Gefühl von Freiheit, das das Autokino einst verkörperte, wich erst dem nostalgischen Kult und ist nun, in Corona-Zeiten, zum verheißungsvollen Versprechen von Sicherheit geworden: Das Auto ist jetzt privater Schutzraum in der Öffentlichkeit, vereint Isolation und Entertainment mit einem Hauch von Mobilität.

Ob man das Erlebnis Autokino mag oder nicht, wird wohl maßgeblich von der Beinfreiheit abhängen, die das eigene Gefährt gewährt. Und wie lange das Phänomen anhalten wird, ob das Autokino seine gesteigerte Popularität also auch in Post-Corona-Zeiten bewahren kann, bleibt abzuwarten. Unbestreitbar ist jedoch, dass ausgerechnet das vernachlässigte Stiefkind der Kinokultur derzeit jene am Leben hält.

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