Specials: Kami, Yokai und die Magie von "Chihiros Reise ins Zauberland"

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Specials

Ein Beitrag von Christian Neffe

Im Juli vor 20 Jahren feierte mit „Chihiros Reise ins Zauberland“ ein Film seine Premiere, der den endgültigen Durchbruch für Animes bei einem breiten Publikum auch außerhalb Japans markierte. 

Chihiros Reise ins Zauberland
Chihiros Reise ins Zauberland

Auf die Frage, was der beste Film von Anime-Meister Hayao Miyazaki ist, fallen üblicherweise Namen wie „Prinzessin Mononoke“, „Ponyo“, „Mein Nachbar Totoro“ — und natürlich „Chihiros Reise ins Zauberland“. Letzteres ist allerdings die einzige Antwort auf die Frage, was denn, im Hinblick auf Anime-Filme im Allgemeinen, Miyazakis wichtigster Film ist. Denn nach dem bereits erfolgreichen „Akira“, der aufgrund seiner Gewalt und des Cyberpunk-Szenarios außerhalb Japans allerdings kein allumfassendes Publikum erreichte (die Überzeugung, Zeichentrick sei vornehmlich etwas für Kinder, existiert mancherorts noch immer), markierte „Chihiro“ den endgültigen Durchbruch für Animes im Westen.

Miyazaki gelang damit ein Geniestreich. Das gilt, natürlich, für viele seiner Filme. Hier jedoch ist es im Speziellen die Tatsache, dass sich Chihiros Reise ins Zauberland zahlloser mythologischer Motive aus Japan bedient und diese sowohl für Eingeweihte als auch Unwissende ebenso respektvoll wie verständlich kreativ aufarbeitet. Das betrifft allem voran die Grundlagen des Shintoismus, neben dem Buddhismus die wichtigste Religion Japans, oder eher religiöse Tradition, und den damit verbundenen Glauben an Kami (Götter und Naturgeister) und Yokai (Dämonen).

 

Shintoismus

Wo Geister und Dämonen in der westlichen Hemisphäre oft Projektionsflächen für Ängste, Fremdkörper und externe Bedrohungen unheimlicher Art sind, äußert sich der Glaube an Kami und Yokai im Shintoismus deutlich ambivalenter und ist verbunden mit der Überzeugung, dass die gesamte Welt von diesen Wesen bevölkert ist, dass sie sich vor dem Menschen verbergen und die Welt mit ihnen teilen. Dass alles auf dieser Erde auf spirituellem Wege miteinander verbunden ist und dass der Mensch deshalb nicht im Mittelpunkt des Geflechts steht, sondern eines von vielen Teilen darin ist.

Diese Erfahrung muss auch die anfangs sture und eigensinnige Chihiro machen, nachdem sie ins Reich der Geister gerät: Sie ist als Protagonistin zwar das Zentrum der Geschichte, nicht aber das der Aufmerksamkeit der Bewohner*innen dieser Welt, die sich zunächst kaum für sie interessieren. Stattdessen muss sich Chihiro ihren Ruf und ihre Rolle erst durch harte Arbeit und Adaption verdienen.

 

Tradition vs. Kapitalismus

Die Konflikte zwischen Mensch und Natur(geistern) sowie das Ziel einer gemeinsamen Harmonie zwischen beiden ist ein zentrales Motiv vieler Miyazaki-Filme: Mononoke, Nausicaä, Das Schloss im Himmel, etc.. In Chihiro tritt er jedoch hinter dem zwischen Tradition und Moderne, Spiritualismus und Kapitalismus zurück. Deutlich zu erkennen ist das bereits während des ersten Turning Points, an dem sich Chihiros Eltern in Schweine verwandeln, nachdem sie sich am reichhaltigen Büffet der Geisterwelt bedienen — eine unmissverständliche Metapher auf die Entwicklung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Boom der Wirtschaft die tradierten Werte massiv untergrub und das Selbstverständnis des Landes radikal untergrub.

Die damit assoziierte Gier, das Überfressen am materiellen Überfluss zeigt sich auch deutlich in der Figur des schwarzen Geistes mit der weißen Maske — dem Ohngesicht — wieder, der die Hauptfigur über weite Strecken der Handlung begleitet: Als er das Badehaus, in dem Chihiro arbeitetet, mit einer Wagenladung Gold betritt, wird ihm zunächst der rote Teppich ausgerollt. Immer und immer mehr schlingt er in sich hinein — bis er schließlich auch Angestellte, Gäste und Inventar verschluckt. Erst eine schlichte, traditionelle Speise — ein Knödel - bringt ihn wieder zu Verstand und Mäßigung.

 

Das Ohngesicht wird von Chihiro aus seinem Exzess befreit und wird daraufhin zum Freund und Begleiter. (c) Universum Film

 

Dem neoliberalen Exzess wird also mit Konvention begegnet. Allerdings ist Chihiro damit noch kein verbrämt-konservatives Werk, das jeder gesellschaftliche Öffnung zum Westen hin und jeden Fortschritt als etwas Fruchtbares inszenieren würde. Vielmehr betont er, wie wichtig es ist, sich trotz aller Veränderungen seiner Wurzeln, seiner Identität bewusst zu sein und diese nicht aus den Augen zu verlieren. Am deutlichsten wird das im Umgang mit Namen. Die Hexe Yubaba nimmt der Heldin Chihiro ihren Namen, ersetzt ihn durch Sen - japanisch für „Eintausend“, sie wird also zur Nummer gemacht — unterwirft sie so ihrer Kontrolle. Um diesem Bann zu entkommen, muss sich Chihiro an ihren ursprünglichen Namen erinnern, so wie auch ihr Begleiter und Freund Haku, der Wasserdrache.

 

Von Kami und Yokai

Aber inhaltliche Motive schön und gut, doch für Miyazaki steht am Anfang einer Filmproduktion kein Skript, keine inhaltliche Idee, sondern ein Bild, ein Design, eine visuelle Vorstellung. Insofern sind es weniger die Geschichte und die darin transportierten Botschaften, die Chihiros Reise ins Zauberland im Kern auszeichnen, sondern der Schauplatz, an dem sich all das abspielt: die Welt der Kami und Yokai. Oder eher: die Faszination, die diese Welt durch ihre Gestaltung und liebevolle Detailfülle ausstrahlt. Und für die sich Miyazaki reichhaltig von japanischer, teils auch nicht-japanischer Folklore inspirieren ließ.

Ganz zentral ist hier die Idee des kamikakushi (zugleich der Originaltitel des Films), der früher in Japan weit verbreitete Glaube daran, dass Menschen regelmäßig in die Welt der Geister entführt werden, womit das spurlose Verschwinden von vor allem Kindern erklärt wurde. Zugleich ist kamikakushi verbunden mit der Überzeugung auf ihre Rückkehr in vielen Jahren, und dann als bessere, gewachsene Menschen. Hier zeigt sich die starke Ambivalenz in der shintoistischen Vorstellung von Geistern und Dämonen: Angst vor und Trauer um einen Verlust gehen Hand in Hand mit der tröstenden Hoffnung auf ein Wiedersehen unter besseren Umständen.

 

Wasserdrache Haku gehört zu den gutmütigen Kami. (c) Universum Film

 

Diese moralische Ambivalenz, die auf eine klare Gut-Böse-Konstellation verzichtet, zeigt sich auch in der Charakterisierung der Nebenfiguren. Die Yokai können hier sowohl gefährlich, heimtückisch und boshaft sein — das Ohngesicht in seinem Exzess oder die Antagonistin Yubaba etwa -, aber auch überaus freundlich und dem Menschen wohlgesonnen, am deutlichsten wird das bei Wasserdrache Haku oder dem Spinnenmann Kamaji, der sich um den Ofen des Badehauses kümmert und Chihiro in ihrer Panik tröstet, ihr Sicherheit gibt und einen möglichen Ausweg beschreibt.

 

Japanische Mythologie

Der große Unterschied zu den beiden ähnlich gelagerten Geschichten Alice im Wunderland und Der Zauberer von Oz, in denen ebenfalls junge Mädchen in Fantasiewelten reisen und durch die dort erlebten Abenteuer persönlich reifen, besteht nun darin, dass deren Welten — so jedenfalls die offensichtlichste Deutung — jeweils der Fantasie ihrer Hauptfiguren entspringen. In Chihiro hingegen wird die Welt der Kami und Yokai deutlich als verborgener, aber ganz realer Teil der Welt inszeniert. Als etwas Echtes, das vom Menschen unabhängig und nicht wahrnehmbar ist, zumindest bis er oder sie Teil von ihr wird.

Fundiert wird dies dadurch, dass ein Großteil der Figuren keine Neuschöpfungen sind, sondern eben auf Sagen und Erzählungen beruhen. Kamaji etwa ist stark von der Legende um die Tsuchigumo genannten Yokai-Riesenspinnen inspiriert. Die Bathausbesitzerin Yubaba von der Berghexe Yamauba (und wohl auch der slavischen Hexengestalt Baba Jaga). Ihr Baby Boh vom legendären Sagen-Krieger Kintaro. Und der Faulgott, der zur ersten Bewährungsprobe für Chihiro wird, vom Dorotabo genannten Yokai. Für fast alle kleinen und großen Gestalten in diesem Film gibt es eine Vorlage, weitere Beispiele werden in einem Video des YouTube-Kanals StoryDive erläutert.

 

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Die Vielfalt der japanischen Folklore, der Kami und Yokai — es gibt tierische, menschliche und sogar gegenständliche — ist für Außenstehende kaum zu überblicken. Doch Chihiros Reise ins Zauberland gelingt das Kunststück, diese Vielfalt und Komplexität ästhetisch wie auch moralisch abzubilden: Nichts ist ausschließlich gut, nichts ist ausschließlich schlecht. Das gilt für Yubaba, die am Ende schließlich beweist, dass auch sie ein Herz hat, das gilt für alle weiteren Yokai innerhalb des Films und auch außerhalb in den Legenden und Mythen. Das gilt für die Menschen und ihre Schöpfung (man denke an Miyazakis jüngsten Film Wie der Wind sich hebt über den Erbauer der japanischen Zero-Kampfflugzeuge). Alles ist verbunden und voneinander abhängig, Aktion und Reaktion sind in diesem Geflecht aus Mensch, Natur und Geisterwelt fest miteinander verknüpft.

Miyazaki kondensiert in Chihiro diverse Elemente japanischer Folklore und des Shintoismus auf familiengerechte, aber nicht minder faszinierende und ernst gemeinte Weise, variiert sie und verknüpft sie mit seinen typischen erzählerischen Motiven (der Faulgott etwa wir modern neu interpretiert und so zur Verkörperung der drastischen Auswirkungen von Umweltverschmutzung). Auf diese Weise spricht er einerseits stark ein einheimisches Publikum an, andererseits vermittelt er einem nicht-japanischen Publikum die Grundlagen und Faszination des Shintoismus. Der internationale Erfolg von Chihiros Reise ins Zauberland - unter anderem ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären 2002 und als erster Anime mit dem Oscar als bester Animationsfilm - ist umso beachtenswerter, weil er sich eben nicht anbiedert, sondern durch und durch japanisch ist, sich seiner (kulturellen) Wurzeln besinnt und bewusst ist. Genau das also, was Chihiro im Laufe ihres Abenteuers lernen muss.

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