Specials: Kitanos Kino der Kontraste

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Specials

Ein Beitrag von Christian Neffe

Wir feiern 75 Jahre Takeshi Kitano - laut New York Times die „produktivste gespaltene Persönlichkeit der Welt“ — und blicken dazu auf sein filmisches Werk. Samt all den Kontrasten, die sich zwischen seiner Tätigkeit als stilbewusster, subversiver Regisseur und seiner verrückten TV-Persona „Beat Takeshi“ auftun.

Hana-Bi von und mit Takeshi Kitano
Hana-Bi von und mit Takeshi Kitano

Zwei Seelen scheinen, ach, in seiner Brust zu schlagen. Und diese Seelen haben zwei Namen: Da ist einerseits Takeshi Kitano, der international erfolgreiche, stilsichere und -prägende Filmregisseur, -schauspieler, -autor und -produzent mit einem Hang zu stoischen Charakteren, subversiven Genre-Ansätzen und einer tief schlummernden Emotionalität. Andererseits ist da Beat Takeshi, der skurrile TV-Komiker, der Menschen durch Hindernisparcours jagt und auch sonst zu allerhand Scherzen aufgelegt ist. Während in Japan vor allem letztere Persönlichkeit bekannt ist, gilt das außerhalb Japans für die erste. Kitano ist ein Künstler der krassen Kontraste, eine kulturelle Lichtgestalt, die in den 90ern das wichtigste Gesicht des japanischen Kinos war. Und laut New York Times die „produktivste gespaltene Persönlichkeit der Welt“ ist. Nun ist er 75 Jahre alt geworden.

Sich dem Schaffen und der künstlerischen Identität Takeshi Kitanos zu nähern, ist alles andere als einfach. Beginnen wir am besten ganz von vorn: Berühmtheit erlangte Kitano in seinem Heimatland ab Mitte der 70er zunächst durch Auftritte als Komiker und in diversen Comedy-TV-Shows als Beat Takeshi, und auch international erlangte dieser Teil seiner Künstlerpersona spätestens mit Takeshi’s Castle eine beachtliche Popularität. Die TeilnehmerInnen hatten dabei scheinbar unüberwindbare Hindernisstrecke zu bewältigen, landeten regelmäßig im Wasser oder Matsch, was in ausladenden Zeitlupensequenzen und durch lautstarke Moderation wahrlich zelebriert wurde. Es war Klamauk der lauten, abgefahrenen, man könnte auch sagen: ur-japanischen Art, der im Westen bis heute zahlreiche Nachahmer fand. Mehrmals wurde Beat Takeshi zur seither beliebtesten Figur des japanischen Fernsehens gewählt.

Im krassen Kontrast dazu steht Takeshi Kitanos filmisches Schaffen, sowohl als Regisseur als auch Autor und Darsteller. Tritt Kitano vor der Kamera in Erscheinung, dann in der Regel als stoischer (Ex-)Yakuza oder als Gesetzeshüter mit inneren und äußeren Narben, an der Grenze zur Selbstzerstörung und außerhalb alltäglicher gesellschaftlicher Strukturen agierend; gezeichnet von Jahren der Gewalt, aber immer noch bereit dazu; die schwermütigen Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Der Titel seines ersten Films spricht bereits Bände: 1989 drehte Kitano Violent Cop und spielte darin die Hauptrolle, einen für seine brutale Vorgehensweise bekannten Polizisten, der bei einer Mordermittlung ein ganzes Netz aus Verbrechen und Korruption aufdeckt. Großes Drama, viel Blutvergießen, und am Ende der Tod des Anti-Helden, der sich bis dahin so unverwüstlich und rücksichtslos gezeigt hat. Violent Cop bediente die Genre-Erwartungen, die sich spätestens mit Dirty Harry etabliert hatten, und untergrub sie im selben Atemzug dadurch, dass er sich einer finalen Heroisierung seines Anti-Helden verweigerte. Die Subversion einerseits von Genre-Konventionen, andererseits seiner eigenen Star-Persona Beat Takeshi, war von da an ein Markenzeichen Kitanos.

 

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Ursprünglich sollte Violent Cop von Kinji Fukasaku (Battle Royale) inszeniert werden, der dafür Kitano als Hauptdarsteller anheuerte. Da Kitano aufgrund seines Terminplans nur vereinzelt Zeit hatte, ließ Fukasaku das Projekt fallen, und Kitano sprang — infolge eines Scheres des Produzenten und ohne jede Erfahrung als Regisseur, dafür mit einem schon länger gehegten Wunsch, einen Film zu drehen — ein. In Japan ging der Film an den Kassen unter: Zu präsent und beliebt war die Figur des Beat Takeshi, als dass die Öffentlichkeit Interesse an den ernsthaften Filmbemühungen Kitanos fand. Doch Kitano machte weiter. Seine nächsten zwei Werke — Boiling Point (1990) und Das Meer war ruhig (1991) — fanden noch immer wenig Anklang in der Heimat. Der große Erfolg, zumindest auf internationaler Bühne, kam dann 1993 mit Sonatine.

Die Geschichte eines von Kitano verkörperten Yakuzas — gedreht ohne Skript und mit minimalem Budget -, der zwar erfolgreich, aber seines Jobs und Lebens müde ist, ist unverkennbar autobiografisch geprägt. Um ihn loszuwerden, schickt sein Boss ihn Okinawa, um einen Bandenkrieg zu schlichten. Dort stellt sich die Lage anders dar, als angenommen. Schließlich rechnet Kitanos Figur mit seinen Bossen ab und richtet sich am Ende selbst. Ein — typisch für Kitano — minimalistischer Film, in seinen Dialogen, seinen ruhigen Bildern, seinen erneut stoischen, emotional dem Anschein nach verschlossenen, aber doch so tragischen Charakteren, die ein existenzielles Drama durchleben. Weniger Gewalt, stattdessen webte Kitano dezenten Humor und vor allem Ruhe in seinen Film ein. In Cannes lief Sonatine in der Reihe Un Certain Regard.

 

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Nach der gefloppten Popkultur-Satire Getting any? (1994) war Kitano in einen schweren Motorradunfall involviert, von dem er sich erst nach langer Zeit erholte. Als Regisseur kehrte er 1996 mit Kids Return zurück — und lieferte ein Jahr später sein Meisterstück ab: Hana-Bi. Kitano war darin erneut als Hauptdarsteller zu sehen, diesmal als Polizist Nishi, dessen Partner im Dienst erschossen wird. Als Nishi den Mörder stellt, wird ein weiterer seiner Freunde so schwer verwundet, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen ist, von seiner Frau verlassen wird und sich — wie Kitano nach seinem Unfall — der Malerei widmet. Nishi wird suspendiert, verschuldet sich bei den Yakuza, überfällt eine Bank und tritt mit seiner todkranken Frau schließlich die Flucht an. Ohne Happy End — oder doch? Das hängt vom Standpunkt ab.

Hana-Bi einen ruhigen Film zu nennen, wäre noch übertrieben. Geradezu schleichend ist das Tempo, doch umso intensiver ist die Inszenierung. Wunderschöne Bilder und Figuren, die geradezu herausfordern, sie ob der wenigen Dialoge zu lesen, zu verstehen, zu interpretieren — Kitanos Faible für erzählerische Ellipsen wird in Hana-Bi noch deutlicher als in seinen anderen Werken. Hinzu kommt eine starke Ästhetisierung der Gewalt, die im visuellen Kontrast und doch im Gleichklang zu den Gemälden stehen, die Nishis Freund anfertigt (sie stammen von Kitano selbst). Der Film erlebte einen regelrechten Preisregen, unter anderem auch den Goldenen Löwen, und zementierte außerhalb Japans Kitanos Ruf als Auteur und Regisseur.

 

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Ein Jahr später direkt der nächste Schlag, jedoch in Form eines — wie sollte es bei Kitano auch anders sein — kompletten Kontrastes zu Hana-Bi. Kikujiros Sommer ist ein Feel-Good-Film par excellence, Kitano unternimmt in der Titelrolle einen Roadtrip mit einem kleinen Jungen aus der Nachbarschaft, um dessen Mutter zu besuchen, die die Familie vor Jahren verließ. Der Regisseur zeigte hier endgültig, dass er nicht nur der Dunkelheit, sondern auch der Helligkeit und Beschwinglichkeit des Sommers wunderschöne Bilder zu entlocken weiß. Die von ihm gespielte Hauptrolle blieb derweil seinen vorherigen grundlegend treu — ein älterer, störrischer, schrulliger Kerl mit Verbindung zum organisierten Verbrechen -, doch entwickelte im Laufe der Handlung zunehmend sympathische Züge. Kitano erfüllte hier einerseits die Konventionen des Roadmovies und Sommerfilms (das Zusammenschweißen zweier anfangs noch konträrer Charaktere) und unterwanderte sie andererseits, denn über alldem schwebte ein spürbarer Hauch Melancholie, und auch das typische Happy End blieb aus.

Beflügelt vom Erfolg drehte Kitano weiter. Dem Gangster-Streifen Brother (2000), seinem ersten Englisch-sprachigen Film, und dem Drama Dolls (2002) folgte 2003 Zatoichi – Der blinde Samurai, Kitanos erster Historienfilm. Als blinder, titelgebender Wander-Samurai befreit er ein Dorf von der brutalen Herrschaft eines Clans. So weit, so (Genre-)Standard. Allerdings hatte hier Kitano auch einer bekannten Literatur- und Filmfigur, dem Samuri Zatoichi, treu zu bleiben, wandelte ihn nur dezent, etwa durch eine neue Haarfarbe ab. Während der Kämpfe setzte er zum großen ästhetischen Schlag an und trieb die Gewalt dank CGI in völlig Überstilisierte.

 

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Nach drei Ausflügen ins Komödiantische dann die Rückkehr zu den Gangster-Wurzeln in der Outrage-Trilogie. Kitano verkörperte in Outrage (2010), Outrage Beyond (2012) und Outrage Coda (2017) erneut einen gealterten Yakuza, der von Rache und den Machtstrukturen seines Clans getrieben etliche Blutbäder durchlebt und anrichtet. Von der Kritik wurde das nur mäßig aufgenommen, doch Kitanos Intention hinter dieser Trilogie war vor allem eines: Unterhaltung, und das in einem Genre, das ihm liegt. Als Filmemacher (auch wenn Coda sein bislang letzter Film ist) ist Kitano auch nach all diesen Jahren also vor allem eines: sich selbst treu. Mit allen Konflikten und Kontrasten, die eine solch „gespaltene Persönlichkeit“ mit sich bringt.

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