Oscars: "Colette" und der erste Oscar für ein Videospielstudio

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Ein Beitrag von Christian Neffe

Colette - Gewinner des Oscars für den besten Kurz-Dokumentarfilm 2021
Colette - Gewinner des Oscars für den besten Kurz-Dokumentarfilm 2021

Bester Film schön und gut, doch schon seit langer Zeit stellen drei spezifische Kategorien bei den Academy Awards für mich das eigentliche Highlight der Show dar: die Preise für den besten Kurzfilm, den besten animierten Kurzfilm und den besten Kurz-Dokumentarfilm. Die GewinnerInnen, die da im Freudentaumel auf die Bühne stürmen, sind in der Regel keine abgeklärten Medienprofis, sondern junge, ambitionierte Filmschaffende, die sich mit ehrlicher Ekstase über die Auszeichnung freuen und damit einen herrlich authentischen Kontrast zum sonst so gewollten Pomp der Show darstellen. Ganz abgesehen davon, dass man im besten Fall noch auf einige Perlen gestoßen wird, die im quantitativen Dickicht des Kurzfilm-Dschungels verlorenzugehen drohen.

Nun waren die diesjährigen Academy Awards in vielerlei Hinsicht eine Veranstaltung der Premieren: Erstmals wurden zwei Frauen für den Regie-Oscar nominiert. Erstmals ging er an eine nicht-Weiße Regisseurin. Erstmals wurde der Hauptpreis für den besten Film nicht am Ende verliehen (was in einem absurd antiklimatischen Showfinale mündete). Eine dieser Premieren gab es auch im Kurzfilmbereich: Mit dem Preis für Colette als beste Kurzdoku ging erstmals ein Goldjunge an ein Videospielstudio. Skurril wird die Angelegenheit aber erst durch den Entstehungskontext dieses 25-Minüter.

 

Zum Thema: Wo es die Oscar-Gewinner 2021 im Stream gibt

 

Zunächst aber zum Film selbst, denn der hat jedes bisschen Aufmerksamkeit verdient. Im Mittelpunkt steht Colette Marin-Catherine, ehemals Mitglied der französischen Résistance im vom Nazis besetzten Frankreich, deren Bruder ins Konzentrationslager Nordhausen deportiert und dort drei Wochen vor der Befreiung durch die Amerikaner starb. Marin-Catherine ist inzwischen über 90 Jahre alt und hat in all diesen Jahren keinen Fuß nach Deutschland gesetzt. Nun entscheidet sie sich dafür, es in Begleitung einer jungen Geschichtsstudentin doch zu tun und den Ort zu besuchen, an dem ihr Bruder ums Leben kam. Beide reisen nach Thüringen, derweil die geistig überaus vitale Frau von ihren Taten im Widerstand, ihrer Angst entdeckt zu werden und von der Trauer über den Verlust berichtet.

 

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In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers angekommen, entfaltet sich die emotionale Wucht des Films: Marin-Catherine bricht völlig überwältigt in Tränen aus, ringt um Fassung und Worte — und macht damit deutlich, wie wichtig die Berichte von Zeitzeugen für das Erinnern und das Mahnen an die damaligen Verbrechen sind. Keine Frage: Es braucht ebenso Archivbilder, doch die können nicht ansatzweise eine so effektive affektive Wirkung entfalten, wie dies durch eine Verknüpfung mit einem persönlichen Schicksal einhergeht. Kurzum: Colette ist ein must see und hat den Oscar verdient.

Seine Entstehungsgeschichte lässt Colette jedoch in einem anderen Licht erstrahlen: Verantwortlich für die Produktion zeichnete das Videospielstudio Respawn, ein Tochterunternehmen des Branchenriesen Electronic Arts. Ursprünglich aus ehemaligen Entwicklern der Call-of-Duty-Reihe entstanden, die auch außerhalb der Szene als Synonym für bleihaltige Ego-Shooter — Games in der Ego-Perspektive, die gern mal abfällig mit dem Begriff „Ballerspiel“ belegt werden — bekannt sein dürfte, ist Respawn seiner Linie seit Gründung im Jahr 2010 weitestgehend treu geblieben: Neben zwei Science-Fiction-Shootern sowie einem Star-Wars-Spiel sind sie vor allem für den Shooter Apex Legends bekannt. 2020 erschien schließlich Medal of Honor: Above and Beyond.

 

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Das versetzt SpielerInnen in den Zweiten Weltkrieg und wird per Virtual Reality bestritten, setzt also beim Kampf gegen die Nazis auf möglichst starke Immersion. Und muss sich wie jedes andere Spiel, das den Zweiten Weltkrieg als Kulisse für ein Action-Spektakel nutzt, den Vorwurf gefallen lassen, die Gräuel dieses realen historischen Szenarios für plumpe Unterhaltungszwecke auszuschlachten. Dass Colette ausgerechnet mit diesem Spiel in Verbindung steht, erscheint deshalb geradezu absurd.

Denn tatsächlich war die Kurzdoku ursprünglich Teil des „Bonus-Materials“ des Spiels und kann, neben einigen anderen Filmen, in einer virtuellen Galerie bestaunt werden. Der Guardian erwarb die Rechte und stellte den Clip auf YouTube für die Öffentlichkeit bereit — wofür man dankbar sein muss. Denn nicht nur kam das Spiel selbst eher schlecht an, auch dass es ausschließlich bei VR gespielt werden kann, grenzte die ursprüngliche Zielgruppe massiv sein. Ohne die britische Zeitung wäre Colette womöglich nur von einigen tausend Menschen im Spiel gesehen worden. Nun und auch dank der Oscars kommt der Film auf YouTube inzwischen auf mehr als 300.000 Abrufe. Der Film hat also inzwischen ein Eigenleben entwickelt, sich vom Spiel gelöst es in seiner Popularität inzwischen sogar überflügelt. Dass sich Respawn ausgerechnet dank eines VR-Shooters im Zweiten Weltkrieg aber das erste Videospielestudio nennen kann, das einen Oscar gewann, ist die wohl skurrilste Begebenheit der diesjährigen Academy Awards.

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