Locarno Film Festival: Expeditionen ins Nachkriegskino (Teil 3) - Die Retrospektive beim Filmfest Locarno

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Locarno Film Festival
Rosen blühen auf dem Heidegrab

Genre im Nachkriegskino

Spricht man vom Kino in den Nachkriegsjahren, denkt man unweigerlich an den Heimatfilm, das von Kritik und Nachkommenden oft geschmähte, vom zeitgenössischen Publikum aber geliebte Genre. In der Anfangszeit der Bundesrepublik war das Kino ein populäres Medium, es gab keinen Fernseher und die Menschen gingen regelmäßig ins Lichtspielhaus. Zwischen Filmidee und Premiere vergingen nur ein paar Monate, über Projekte entschieden Filmproduzenten, Verleiher und Kinobesitzer. Die Filmproduktion wollte dem Publikum geben, was es wollte, der Markt wurde von Angebot und Nachfrage geprägt. Hier passte sich das Kino einer Zeit an, in der Konrad Adenauer mit dem Slogan „Keine Experimente“ in den Wahlkampf 1957 zog. Es herrschte eine Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Bekannten, nach Kontinuität vor. Produzenten wie Arthur Brauner agierten unter der Prämisse des Risikoausgleichs und produzierten eine Mischung aus künstlerisch oder thematisch ambitionierten Filmen und sicheren Publikumserfolgen wie Heimatfilmen (vgl. hierzu ausführlicher Claudia Dillmann, Der Pakt mit dem Publikum, in: Geliebt und verdrängt. Hrsg. v. dies. und Olaf Möller 2016).

Sehnsucht nach heiler Welt

Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Heimatfilme, aber erst mit dem Erfolg von Schwarzwaldmädel (1950) erkannten die Produzenten und Verleiher das Potential dieses Genres. Mit ihm wurde der vom Nationalsozialismus missbrauchte Begriff „Heimat“ mit neuer Bedeutung aufgeladen; die Filme bedienten gewissermaßen die Sehnsucht nach einer unbefleckten, unschuldigen und idyllischen Heimat, die eine Flucht aus der Gegenwart ermöglichte. Überwiegend folgt der Heimatfilm dabei festgelegten Genre-Standards, in denen im Mittelpunkt meist bürgerliche Autoritäten stehen, Gut und Böse leicht zu trennen sind und die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau Hindernisse überwinden muss. Handlungsort ist das Gebirge oder die norddeutsche Tiefebene, am Ende steht stets ein Happy End. Dennoch sollte man nicht übersehen, dass innerhalb dieser schematischen Idylle neue Themen angesprochen wurden. Beispielsweise ist der mit 18 Millionen Zuschauern sehr erfolgreiche Heimatfilm Grün ist die Heide einer der ersten Filme, der Heimatvertriebene in die Filmhandlung einbringt.


(Olaf Möller, Kurator der Locarno-Retrospektive „Geliebt und verdrängt — Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949-1963“, über die Beliebtheit des Heimatfilms in den 1950er Jahren)

Insgesamt wurden von 1947 bis 1960 im deutschsprachigen Raum 300 Heimatfilme hergestellt, das entspricht einem Viertel aller in diesem Zeitraum produzierten Filme. Sie zeigen jedoch nicht alle friedfertige Idyllen, sondern durchaus konfliktträchtige Orte. Als sehenswerte Ausnahme innerhalb des Heimatfilmgenres gilt Rosen blühen auf dem Heidegrab von Hans Heinz König, über den vielfach zu lesen ist, er bringe die „Bedrohlichkeit“ der Heimat auf die Leinwand, zudem hat er die von Olaf Möller im Video angesprochenen Horrorelemente.


(Nachkriegskino im Selbstversuch – Frau Behn und Frau Hartl gucken Rosen blühen auf dem Heidegrab)

Kriminalfilm und Melodram

Der Heimatfilm ist somit ein bestimmendes Genre dieser Zeit, daneben gibt es Kriminalfilme sowie Melodramen und Lustspiele. Für den Kriminalfilm gilt hier – ebenso wie für den Heimatfilm –, dass sich innerhalb einer frühen Periode (zwischen 1950 und 1952) einige bemerkenswerte Produktionen befinden, in denen das Leben in der Großstadt und die kaum vorhandene Grenze zwischen Kriminellen und Kommissaren (vgl. Der Fall Rabanser) thematisiert wird. Schmuggler- und Schieberbanden stehen im Zentrum dieser Filme, die als ein Hauptproblem der damaligen Zeit auch in Wer fuhr den grauen Ford? behandelt werden. In František Čáps Die Spur führt nach Berlin gerät ein amerikanischer Rechtsanwalt in Berlin durch eine Geldfälscherbande zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Der Kriminalfilm verwebt „Unterhaltung und Gesellschaftsreflexion“ (Peter Ellenbruch: Verbrechen lohnt sich. In: Dillmann/Möller 2016), wird dann aber trotz einer Phase des Wiederauflebens von 1957 bis 1963 zusehends von populäreren Genres aus dem Kino und ins Fernsehen gedrängt.

Im Kino als Ort der Unterhaltung waren zudem Melodramen und Komödien zu sehen, die neben dem Heimatfilm als besonders typisch für die Nachkriegszeit gelten.


(Olaf Möller über andere populäre Genres im BRD-Kino der 1950er und frühen 1960er Jahre)

Mit dem Melodram machte das Kino glücklich durch Tränen, es brachte bittersüßen Herzschmerz und tragische Schicksale, dort waren die Traumpaare der Nachkriegszeit zu finden (vgl. Teil 2). Maria Schell, Ruth Leuwerik, O.W. Fischer und Dieter Borsche sorgten in verschiedenen heterosexuellen Paarkonstellationen für schönes Leiden, sie kämpften gegen unheilbare Krankheiten an und trafen aus reinem Herzen falsche Entscheidungen. „Im wirklichen Leben gab es den Ehrgeiz, wieder ein Leben zu führen ohne Hunger, ohne Wohnungsnot und Angst vor dem nächsten Tag. In dem Wunsch, zu vergessen, verbergen sich auch die Abwehr von Schuld, die den Neuanfang belastet, und die uneingestandene Scham, die Grenze zwischen Glauben und Fanatismus überschritten zu haben“, schreibt Werner Sudendorf (Umwege zum Melodram, in: Dittmann/Möller, 2016), und in den Melodramen der Nachkriegszeit gab es wieder Erhabenheit, Vergebung und Edelmut. Jedoch blieb es bei der Vergebung auf der Leinwand: Als Veit Harlan (Jud Süss) mit Unsterbliche Geliebte ebenfalls ein Melodram drehte, kam es zu Boykottaufrufen und Demonstrationen, der Film startete zur Premiere mit nur 65 Kopien. Seine Schuld war dann doch zu groß.

Den ersten Teil zur Retrospektive „Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland“ gibt es hier, den zweiten hier. Der vierte und letzte Teil folgt voraussichtlich am Samstag (13.08.2016).

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