Kommentar: Veraltete Darstellungen

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Kommentar

Ein Beitrag von Rochus Wolff

Seit dem Start seines neuen Streaming-Dienstes Disney+ in den USA weist der Konzern bei einigen der Filmen im Angebot auf deren rassistische Darstellungen hin. Brauchen wir das, oder brauchen wir mehr davon? Ein Kommentar von Rochus Wolff.

Still aus Susi und Strolch
Still aus "Susi und Strolch"

This program is presented as originally created. It may contain outdated cultural depictions.“ Schon bald nachdem Disney+ in den USA verfügbar wurde, fiel Nutzer_innen des Streaming-Services auf, dass die Inhaltsbeschreibungen zu einigen wenigen Filmen um diese kurzen zwei Sätze erweitert waren.

Die User fanden die Formulierungen unter anderem bei Peter Pan und Geliebter Haustyrann, aber auch in den Inhaltsangaben zu den Klassikern Das Dschungelbuch, Susi & Strolch, Aristocats sowie Dumbo, der fliegende Elefant. Da alle diese Filme Szenen enthalten, die schon seit längerer Zeit als rassistisch diskutiert und kritisiert werden, liegt die Vermutung nahe, dass die Sätze präventiv auf diese rassistischen Darstellungen hinweisen sollen. Sie sind jedoch so vage gehalten, dass sich dies eben nur indirekt ableiten lässt. Bei anderen Filmen, die wie z.B. Aladdin in ihren rassistischen Stereotypen ebenso umstritten sind, fehlt die Formulierung; ein offizielles Statement von Disney gibt es bis heute nicht dazu.

 

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Still aus „Aladdin“ © 1992 — Walt Disney Studios



Wischi-Waschi-Distanzierung

 

Das Ende der Inhaltsangabe ist natürlich außerdem ein Ort, den die wenigsten Leute überhaupt zur Kenntnis nehmen – zumal bei längst bekannten Klassikern. Oder anders gesagt: Disney versteckt hier Wischi-Waschi-Disclaimer an einer Stelle, wo er von möglichst wenig Leuten wahrgenommen werden wird.

 

Die Beschreibung von Fantasia bei Disney+ beginnt laut Screenshots mit der Beschreibung des Films als „Walt Disney‘s timeless masterpiece“ und endet mit der oben beschriebenen vagen Distanzierung – nicht eben eine besonders überzeugende Zusammenstellung. Zumal genau dieser Film eben wohl nicht „as originally created“ präsentiert wird – hochgradig problematische Szenen hatte man im Haus mit der Maus schon vor längerer Zeit für Re-Publikationen bearbeiten und entfernen lassen, sie sind dem Vernehmen nach wohl auch in der Fassung auf Disney+ bearbeitet:

 

 

Wie interessant und konstruktiv wäre es doch, wenn Disney die Rassismen in seinen Filmen anerkennen und klar thematisieren würde! Mit dieser sehr verquasten, um den Kern der Sache herumscharwenzelnden Beschreibung drückt sich das Studio jedoch um jede klare Auseinandersetzung. So geraten die Sätze zum reinen Lippenbekenntnis aus Pflichtschuldigkeit.

 

Dass man es auch anders machen kann, zeigt das Haus Warner Bros., das zumindest in den USA vor älteren Cartoons in den Heimkino-Ausgaben eine Texttafel einblendet, die sehr klar ausspricht, was die Zuschauer_innen in den Filmen erwartet:

 

Die Inhalte, die Sie sehen werden, sind Produkte ihrer Zeit. Sie könnten ethnische und rassistische Vorurteile enthalten, die in der amerikanischen Gesellschaft verbreitet waren. Diese Darstellungen waren falsch und sind es auch heute noch. Auch wenn diese Filme nicht die heutige Gesellschaft repräsentieren, zeigen wir sie in ihrer Originalfassung. Anders zu handeln wäre, als würde man behaupten, diese Vorurteile hätten nie existiert.
 

Siehst du, Disney? Es tut gar nicht so arg weh.

 

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Still aus „Dumbo“  © 1941 — Walt Disney Studios

 

Kulturgeschichte darf weh tun

 

Warner Bros. beschreibt hier eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit: Filme sind Teil der Kulturgeschichte, und als solche sind sie Kinder ihrer Zeit. Entscheidend ist es aber, dies offen und klar zu thematisieren und zu benennen – nur so kann aktiv eine Diskussion darüber geführt werden, wie Rassismen entstehen, perpetuiert werden und gesellschaftlich getragen werden.

 

Diese Dinge mit in den Blick zu nehmen, ist für cinephile Zuschauer_innen auch nichts Neues: Nur wenn wir einen Film als Produkt seiner Zeit sehen, als Artefakt und Ausdruck gewachsener Vorstellungen, können wir die Gratwanderung machen, die die Qualitäten des Mediums, die Großartigkeit eines Films kontextualisiert, würdigt und zugleich kritisiert. Es gehört zwingend und notwendig dazu, um einen Film verstehen und einordnen zu können.

 

Die kulturelle Durchschlagskraft des Disney-Konzerns — nicht nur in den USA — kann gar nicht so recht überschätzt werden, die Filme, Fernsehserien von Disney (und Pixar, und Fox, und Marvel…) werden weltweit rezipiert – und das Unternehmen arbeitet ja aktiv daran, seine Position als Weltbildlieferant zu stärken und auszuweiten.

 

Vor allem ist Disney aber einer der weltweiten größten Player in der Kulturindustrie für Kinder – und zwar nicht nur in der Gegenwart, sondern gerade auch mit seinen Klassikern, angefangen mit Schneewittchen und die sieben Zwerge von 1937. Insofern hätte das Studio eigentlich eine gewisse Verantwortung, sich der Diskussion um rassistische Darstellungen in seinen Filmen zu stellen und sich an ihr zu beteiligen.

 

Eltern ist doch sowieso klar, dass ältere Kinderfilme Szenen, Themen und Darstellungen enthalten, die nach Erklärungen schreien, die gewichtet und für die Kinder eingeordnet werden müssen. Dass Disney sich hier nicht mal wenigstens dazu durchringen kann, das zentrale Problem Rassismus beim Namen zu nennen, ist vor allem erbärmlich. Zumal es bei anderen Themen auch direkter gehen kann: So enthalten andere Inhaltsangaben den Hinweis: „Contains tobacco depictions.“

 

Dieser Film könnte ein veraltetes Frauenbild enthalten

 

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Still aus „Arielle die Meerjungfrau“ © 1989 Disney Enterprises Inc.

 

Die doppelt windelweiche Formulierung „It may contain outdated cultural depictions“ ist so vage und unspezifisch, dass sie auch problemlos für andere Filme, nein eigentlich für alle Filme verwendet werden kann. Welcher Film könnte nicht veraltete Darstellungen enthalten? Das trifft ja schon auf Star Wars zu, mindestens die Filme Episode I-III, mit ihrer mindestens problematischen Figur Jar-Jar Binks. Oder wie steht es um Mary Poppins, übrigens durch und durch ein filmisches Meisterwerk, das aber  gespickt ist mit ganz und gar veralteten Darstellungen von Feminismus und Geschlechterrollen , während das Frauenbild in Arielle, die Meerjungfrau gleich so unerträglich sind, dass der Film dadurch für mich gänzlich ungenießbar wird.

 

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich fände es wirklich begrüßenswert, wenn Disney auch bei diesen Filmen darauf hinweisen würde, dass sie letztlich ideologische Positionen zeigen und verstärken, die, um Warner Bros. zu paraphrasieren, schon damals falsch waren und heute nicht richtig sind.

 

Dass man sich etwas schwertut, sich von den althergebrachten Geschlechterstereotypen loszusagen, die zum weltanschaulichen Kern vieler Disney-Filme gehören (nicht nur denen über Prinzessinnen), kann man ja vielleicht auch noch verstehen (wenn man‘s auch nicht gutheißen muss). Aber wenigstens seine Statements zum Thema Rassismus sollte das Haus einmal unmissverständlich formulieren und unübersehbar positionieren.

 

Zip-a-Dee-Doo-Dah, bitte gehen Sie weiter, es gibt hier gar nichts zu sehen

 

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Still aus „Song of the  South“ © 1946 — Walt Disney Studios

 

Dass das Studio sehr wohl weiß, um was es da geht, zeigt sich unter anderem daran, dass der Film Song of the South nicht zum Angebot auf Disney+ gehört. Der Film aus dem Jahr 1946 wurde in den USA zwar immer wieder in den Kinos gezeigt, aber nie auf Video oder DVD veröffentlicht – vermutlich, weil er als der Film aus dem Disney-Repertoire gilt, in dem am sichtbarsten rassistische Stereotype reproduziert und für die Erzählung genutzt werden. (Die Filmkritikerin und -historikerin Karina Longworth berichtet in der aktuellen Reihe ihres brillanten Podcasts You Must Remember This ausführlich über Entstehung und Geschichte des Films.)

 

Bei Song of the South würde ein kleiner Disclaimer am Ende der Inhaltsbeschreibung nicht ausreichen, das ist keine Frage. Die Frage ist, warum er bei den anderen Filmen ausreichen sollte.

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Emma Schweiger in "Conni & Co"
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