Kommentar: The Fan, the Nerd and the Films

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Kommentar

Ein Beitrag von Sebastian Seidler

Als hätten Sequel-Schleife und Retromanie nicht gereicht: Mit „Spider-Man: No Way Home“, „Matrix: Resurrections“ und dem neuen „Scream“ kommt nun die Meta-Melancholie. Verzaubert wird durch Anspielungen und Bezüge. Filme werden damit endgültig zum reinen Fanservice. Zeit für eine Polemik!

spidey

Scream macht sicherlich Spaß. Spider-Man: No Way Home auch. Darum geht es nicht. Gut. Nun, da wir das aus dem Weg geräumt haben, können wir alle mal zwei Schritte zurücktreten und dem Schlamassel in die Augen blicken: Reicht das wirklich aus? Ist dieser Spaß wirklich genug für das Kino? Und führt uns hier nicht jemand gehörig an der Nase herum, ohne dass wir das merken? In ihrer selbstbezüglichen Serialität verkommt dieser Spaß nämlich zur Plastik-Ware; und diese verstopft unsere Empfänglichkeit für Neues und Überraschendes. Schon Adorno, der große Gott der Kulturkritik, wusste es: „Fun ist ein Stahlbad.“ 

Starten wir also gleich mal mit einem Spoiler, dem gefürchteten Gespenst der filmbegeisterten Social-Media-Blase: Tobey Maguire und Andrew Garfield haben in Spider-Man: No Way Home ihren Auftritt. Mit Tom Holland springen somit drei Wandkrabbler durch die Gegend und geben der versammelten Schurkenriege eins auf die Ohren. Drei Fangenerationen wird hier das Bäuchlein gekrault und ob man das alles irgendwie schon mal gesehen hat, das spielt keine Rolle. That’s Entertainment. Die Maschine der Verführung läuft auf Hochtouren und befriedigt werden nostalgische Gefühle.

No Way Home: Doc Ock ist zurück und Alfred Molina spielt seine alte Rolle aus dem Film von Sam Raimi. (c) Sony

Im Grunde ist das auch nachvollziehbar. Filme können wie ein Zuhause werden, eine warme Decke, in die man sich einkuschelt. Aber die Sache ist komplizierter: Der geneigte Fan bekommt das, was er will oder hat das, was ihm aufgetischt wird, zu wollen. Der Unterschied ist nicht immer erkennbar. Gerade bei Comic-Blockbustern besteht eine große Dünnhäutigkeit, die zumindest verdächtig ist. Ahnen wir, dass es gar nicht um den Film geht, sondern um unsere eigenen Gefühle und Befindlichkeiten? Und weil es einem so nah geht, wird demjenigen, der es wagt, diese Filme zu kritisieren, die Pest an den Hals gewünscht. Schließlich sind ganz viele mit den Comics aufgewachsen und all das bedeutet einigen so viel, dass Anstand und kritisches Urteilsvermögen einfach mal an der Kinokasse abgegeben werden.

Um es auf eine Formel zu bringen: Bei diesen Filmen geht es um Identität, die am Ende konsumieren soll. Das mit den Universen ist aber auch eine verflucht gute Idee der Studios, das muss man schon zugeben. Mit jedem Film wird ein Versprechen abgegeben, dass die Geschichte im folgenden Teil noch verrückter werden wird. Dazu gibt es dann das neue LEGO-Set, ein Stickeralbum und Ghostface-Masken. All das ist mehr als Filmliebe. Hier wird ein Habitus definiert, eine Gemeinschaft mit eigenen Codes erzeugt. Der Ausgangspunkt ist nicht eine Geschichte, die eine Künstler_In erzählen will, weil sie das Bedürfnis hat. Die Idee für einen Film entsteht in der Marketingabteilung. Der Rest wird drumherumgebaut.

Dazu passt natürlich diese Serien-Dramaturgie, die das Kino erobert hat. Darüber wurde viel zu wenig diskutiert. Alle waren wir begeistert von der epischen Erzählkunst auf Netflix und Co. Das Ende von Infintity War ist die MutterVaterTante des Cliffhangers: Wir sind süchtig danach, dem narrativen Strom zu folgen, lassen uns gerne mitreißen, weil wir wissen wollen. Der Serienfan will wissen. Dieser erzeugte Wille lässt die Geldmaschine rauchen. Das MCU ist eine riesige Serie im Kino. Punkt.

Geschichten ohne Erzählungen

Wer den neuen Scream sehen will, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit die alten Teile nachholen, die große Geschichte durchschreiten, damit auch alle Easter Eggs, alle Anspielungen verstanden werden können. Doch die Geschichte ist eigentlich allseits bekannt, und da das Neue und vor allem das Unbekannte den gemeinen Filmfan bekanntlich abschreckt, ist es immer besser, wenn alle vorher schon wissen, was sich da auf der Leinwand abspielen wird. Währenddessen tut der Film dann so, als wäre das irgendwie clever und der Metafilm eines Metafilms: Im Grunde war bereits Wes Cravens Ur-Scream von 1996 eine ziemlich konservative Veranstaltung für Horror-Nerds.

Scream (1996): Craven zititert Nightmare on Elm Street; (c) Kinowelt


Der Horror war, allen Gewaltspitzen zum Trotz immer schon in den Hintergrund gedimmt. Das Hauptinteresse bestand darin, das totgelaufene Slasher-Genre mit einem wilden Treiben aus  Horrorfilm-Referenzen aufzupeppen. Fertig war der Film, in dem sich in der Gestalt des Ghostface-Killers all die Internet-Trolls der Gegenwart ankündigen. Das Ziel in jedem Teil dieser Teile gleich: Die Killer wollen die ultimative Vorlage für einen Film im Film abliefern, damit die geliebte Reihe wieder zu den Ursprüngen zurückkehrt. Fanliebe kann eben tödlich sein. Wer es heute auch nur wagt, Dario Argento,  John Carpenter oder einen anderen Großmeister des Horrorfilms nicht abzufeiern, der riskiert seinen digitalen Kopf.

Damit wären wir beim Kern der Sache angekommen: Der Nerd wurde zum perfekten Konsumenten gemacht. Was ist nur aus den verpickelten Girls and Boys, Girlboys und Boygirls geworden, die in den Kellern ihrer Elternhäuser eine innige Liebe zu Pop- und Subkultur ausgelebt haben. Auch hier ruft bereits das Klischee, mit dem man vorsichtig umgehen muss. Dennoch, eine gewisse Tendenz gab es da durchaus. Zwar wurden die Nerds häufig gemobbt (Ausgangspunkt unzähliger Coming-of-Age-Dramen), was hier keinesfalls verharmlost werden soll. Doch gab es eben eine Gegenkultur und eine neugierige Offenheit gegenüber Anschluss. Jede Subkultur entwickelte sich, verwandelte sich und die Nerds waren immer auf der Suche nach dem neuen Wunder, der nächsten Überraschung und der ersehnten Sinnstiftung.

Das hatte wohl auch viel mit Verknappung zu tun: Als die Welle wüster Horrorfilme in den 80ern zu sogenannten Video Nasties erklärt und zensiert wurden, war die Suche nach unzensierten Versionen von George A. Romeros Zombie und Sam Raimis Tanz der Teufel ein schweißtreibendes Abenteuer. Heute läuft das Zeug auf Arte und vielleicht ist das gar kein Grund zum Feiern. Wir sollten darüber nachdenken.

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Der Nerd (immer noch hauptsächlich männlich) ist reinster Mainstream geworden, geatmete Ironie und wütende Distinktion, die deshalb wütend ist, weil sie sich im Grunde nicht mehr vom Mainstream unterscheidet. Merchandise gibt es jetzt an jeder Tankstelle und … ja, das haben uns die Hipster eingebrockt. Also das mit Ironie und Oberfläche. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Diese Filme sind die Gentrifizierung des Kinos und der Nerd lebt in diesen Bildern, die alle anderen, die sich nicht eingekauft haben, dann doch irgendwie kalt lassen.

Ach ja — da wäre natürlich noch Matrix: Resurrections. Aber darüber muss man nun auch keine Worte mehr verlieren. Wir brauchen weniger Fans und dafür mehr Kinoliebe, Lust auf Überraschung und eine unbändige Freude am Experiment. Davon haben wir zu wenig. Von den Nerd-Fan-Filmen definitv zu viel.

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