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Kommentar

Splitter der Welt - Zur Diversität in "Strange World"

Ein Beitrag von Sebastian Seidler

Film ist Verführung, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Das muss nicht immer angenehm sein und vor allem nicht unserer Weltsicht entsprechen. Kino konfrontiert uns. Ein Plädoyer für mehr Ambiguitätstoleranz angesichts der Homophobie, die gerade „Strange World“ entgegenschlägt.

Meinungen
Filmstill zu Strange World (2022) von Don Hall
Strange World (2022) von Don Hall

Unter der Kritik zum Disney-Film Strange World, der ganz selbstverständlich mit der Vielheit der Welt umgeht, häufen sich derzeit Kommentare, die dem Film eine „woke Agenda“ unterstellen. Angeblich würde der Film die Kinder zur Homosexualität verführen. Es sammeln sich die üblichen Floskeln an: Jeder solle tun, was er will – aber doch bitte die Kinder, diese „reinen“, „unschuldigen“ Wesen in Ruhe lassen. Verflucht nochmal, bei den Kindern ist aber wirklich eine Grenze erreicht, sagt der „gesunde Menschenverstand“. Am Ende kommt das raus, was herauskommen muss: Homosexualität sei nicht normal, und folglich sind all jene Menschen, die irgendwann ihr Begehren für das gleiche Geschlecht entdeckt haben, pervers und vom rechten Weg der guten Sexualität abgekommen. Das ist eine Homophobie, der wir uns bei Kino-Zeit vehement entgegenstellen: Sexualität ist das Begehren, zu berühren und berührt zu werden. Welches Geschlecht man dabei begehrt, spielt keine Rolle. Darüber muss nicht diskutiert werden. Allerdings schwingt noch eine andere Annahme mit, ein Vorwurf gar, der gerne an die Kunst herangetragen wird: Sie würde etwas propagieren, den schwachen Geist verführen. Doch so einfach ist es nicht. 

Wenn Filmemacher*Innen nun zunehmend andere Lebenswirklichkeiten, Ethnien, sexuelle Identitäten und queere Ästhetiken in ihre Arbeit integrieren, folgt der konservative Backlash auf dem Fuße: Dieser schreckliche weltoffene Kulturimperialismus versuche die gute alte Welt umzustürzen. Die vergiftete Formel go woke, go broke fasst den Irrsinn dieser Welthaltung gut zusammen: Wenn Disney, Netflix und Co. wirklich glauben, sie könnten mit dieser Gehirnwäsche weiterhin ihr Geld verdienen, dann irren sie sich. Aber sowas von!

Welch ein Irrglaube. Wer so denkt, der hat die Kunst von Film und Kino nicht begriffen und ist bereits in die Falle einer reduktionistischen Weltsicht gegangen: Film ist die Freiheit der Identitäten und der Möglichkeiten. All das ist Science-Fiction und Wirklichkeit zugleich; ein Bildersturm, der uns andere Welten zeigt und uns gleichzeitig mit all den Welten in unserer eigenen Welt vertraut macht. Wir müssen Filme als Einladungen verstehen. Wir sind dazu eingeladen, ein Gespräch zu führen.

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Strange World ist nun ein ganz und gar bezaubernder Kinderfilm, der vor Kreativität und Warmherzigkeit übersprudelt. Die ganze Welt ist bunt, divers und von Anfang an als eine Utopie gezeichnet. Der pubertierende Ethan ist in einen anderen Jungen verliebt. Daraus wird allerdings kein großes Thema gemacht. In absoluter Beiläufigkeit wird hier eine Tatsache der Welt behandelt: Es gibt unendliche Varianten an Beziehungen und alle werden gleichberechtigt abgebildet. Man folgt Figuren, die man ins Herz geschlossen hat, weil sie tollpatschig sind, witzig oder einfach peinlich – so wie wir alle. Das homosexuelle Begehren einer Figur abzulehnen und dahinter eine woke Agenda zu vermuten, ist und bleibt Homophobie. Man solle doch bitte die Kinder raushalten, wie als seien diese unfähig, sich mit der Komplexität dieser Themen auseinanderzusetzen. Strange World erzählt von einer Welt, ist ein mitreißendes, farbenfrohes Abenteuer, das weitgehend unverkrampft mit gleichgeschlechtlicher Liebe umgeht.    

Kurzer Einschub: Es gibt durchaus Propaganda und Hetze. Es gibt also durchaus eine Grenze, die dann erreicht ist, wenn ästhetische Gewalt einsetzt: Diffamierung, Rassismus, Hass und menschenverachtende Gewaltexzesse sind Markierungen, die sich jedoch ebenso mit der Zeit verschieben. Gesellschaftliche Diskussionen sind notwendig, sie gehören zur Kunst. Dabei gibt es klare Grenzen (z. B. Kinderpornographie). Moral ist kein Besitz, sie ist nicht unverrückbar, nicht unveränderlich.

Strange World © Disney

Freiheit der Kunst

Aber kommen wir zurück zum Film und den großen Produktionsfirmen, den Plattformen, die nun angeblich eine woke Revolution vorantreiben. Das klingt verdächtig nach der großen Weltverschwörung, in deren Schatten bereits der strukturelle Antisemitismus aufzusteigen droht. Sicherlich ist Vorsicht geboten, wenn solch große Unternehmen plötzlich umschwenken und Diversität für sich entdecken, die für Jahrzehnte kaum stattfand. Es darf nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um die gute alte Kulturindustrie handelt, die am Ende des Tages eine Ware produziert. Insofern gilt es, die möglichen Rückschritte im Fortschritt immer zu reflektieren. Aber eine Verschwörung ist hier nicht am Werk. Vielmehr ist es der Markt, der sich ausdifferenziert. Im besten Falle stellt sich eine Freiheit ein, in deren Geschichten sich mehr und mehr Menschen wiederfinden können.

Und mir ist es nämlich lieber, wenn die Kulturindustrie ihr Geld mit Filmen verdient, in denen die Komplexität unserer Welt abgebildet wird. Die Welt ist nicht so langweilig weiß, so banal heterosexuell und so reduktiv männlich, wie sie lange Zeit im Kino Realität war. Der nächste James Bond kann gut und gerne von einer schwarzen Frau gespielt werden: Sie wäre immer noch eine Agentin. Das ist die Rolle, die sie spielt. Hinfort mit dem Frauenverführer. Wieso sollte sich nicht auch eine weibliche 007 das nehmen können, was ihr zusteht? Das ist die Freiheit der Kunst. Immer noch hätten wir ein Actionspektakel. Womöglich aber mit einer ganz anderen Story, in der völlig neue Perspektiven auf eine auserzählte Figur möglich werden.

Aber ja, ich verstehe schon: Es ist die Angst vor dem Fremden, dem Anderen. Dieses Andere, das arbeitet Cristian Mungiu in seinem hoffentlich bald in den deutschen Kinos startenden und erschütternd-düsteren R.M.N. heraus: Die Angst sitzt zuallererst in uns selbst. Unser innerer Wahn ist der Ort, wo sie wuchert, bis wir von Gefahren umstellt sind und in paranoider Weltflucht überall eine Agenda vermuten. Wir fürchten uns am Ende davor, dass wir uns selbst fremd werden, statt die große Güte der Gemeinschaft zu erkennen, die uns in Bewegung hält. Wir werden doch selbst jeden Tag andere. Oder warum fürchten wir alle den drögen Alltag, der aus nackter Wiederholung besteht?       

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Es passiert. Jetzt.

Unsere Städte tragen ganze Welten in sich, deren Geschichten bislang nicht erzählt worden sind. Aus einer ethischen Perspektive hat jede dieser Welten das Erzählen ihrer Geschichten verdient. Damit geht aber auch einher, dass es auch weiterhin Filme geben muss, die in einem toxischen, männlichen Umfeld spielen, und wo mitunter keine einzige Frau darin vorkommt. Denn auch diese Milieus gibt es noch. Wie funktionieren sie? Wie zeigen sie sich? Welche Gesten stützen Männlichkeit? Und welche Bilder stehen für toxische Geschlechterverhältnisse? Auch das muss gezeigt werden. Ebenso wie ein Kuss zwischen zwei Jungen. Es passiert da draußen, jetzt gerade, wo Sie diese Zeile lesen. Jetzt und jetzt und jetzt. 

Film erzählt von Dingen, von Zärtlichkeit und Begehren, von Gewalt und Tod, von Trost und Verzeihen – all das ist unendlich anders. Es kann uns fremd oder nah sein. Es ist spielt keine Rolle, weil all die divergenten Dinge ohnehin dazugehören.

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Filme können indessen auch subversive Provokationen sein. Die Filme einer Catherine Breillat oder eines Lars von Trier kreuzen eindeutige Perspektiven, erfreuen sich an der Grenzüberschreitung. Sind Filme wie Romance oder Nymphomaniac nun feministisch? Es ist mir buchstäblich egal. Gibt es in den Filmen einen männlichen Blick? Oder einen female gaze? Beides, womöglich gleichzeitig, sich überkreuzend. So wie es alle Formen der Liebe, der körperlichen und der platonischen geben muss, so verschiebt jedes Bild die Perspektive, verändert den Fokus. Wer damit nicht umgehen kann, der fällt der Propaganda anheim, die der Definition nach die Welt abschließen will, sie zur Erstarrung bringen möchte.

Und um den Bogen zu Strange World zu schließen: Die Kinder können mit dieser Vielheit des Begehrens wesentlich besser umgehen. Liebe Eltern, hört auf, eure Kinder als euren Besitz anzusehen. Überlasst ihnen die Freiheit des Kinos, das uns zunächst nichts anders zeigt, als ein mögliches Erscheinen: all die Splitter der Welt.

Meinungen

Jayjay · 07.01.2023

Ich habe den Film mit meinen Kindern angesehen und war kurz überrascht.
Der Film in sich ist stimmig - und es ist daher ein wirklich gut umgesetzter Film, der auch das Umweltthema sehr gut aufgreift. Er hat mich sogar an die alte Zeichentrickserie "Es war einmal ... das Leben" erinnert.
Das Problem an diesem Film ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung - es scheint das Disney sich von der "woken"-Bewegung treiben lässt und das ist, was einen wirklich vom Prinzip her schönen Film - die homosexuelle Beziehung spielt nur nebenher eine Rolle. Der Zeitpunkt wirkt falsch. Wäre der Film vor 5 Jahren oder in 5 Jahren veröffentlicht worden, denke ich, würde es weitaus weniger Kritik an dem Film geben.