Kommentar: Quo Vadis, deutsche Kinos?

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Kommentar

Ein Beitrag von Christian Neffe

Die zweite Corona- und Blockbuster-Verschiebungs-Welle macht derzeit den Kinos zu schaffen. Erst recht jetzt, wo die finanziell wichtigste Saison der Lichtspielhäuser beginnt. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Droht uns 2021 ein Kinosterben?
Droht uns 2021 ein Kinosterben?

Die schockierende Nachricht kam am Montag: Cineworld, die zweitgrößte Kinokette der USA, wird am 8. Oktober seine 536 Niederlassungen in den Vereinigten Staaten sowie 127 Lichtspielhäuser im Vereinigten Königreich bis auf Weiteres schließen. Erneut. Nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr ein weiterer herber Schlag für Angestellte und Verleiher, aber auch für Kinofans – wobei manche schon seit Monaten auf die große Leinwand verzichten müssen, da in einigen Bundesstaaten, etwa New York, die Kinos nach wie vor nicht öffnen dürfen.

Es ist ein Teufelskreis, der sich da dreht: Geschlossene oder dank Hygienekonzept nur zu einem Fünftel besetzbare Säle sorgen für schwindenden Publikumsverkehr, was zur Absage großer Hollywood-Produktionen führt, was wiederum für noch weniger Besucher*innen sorgt. Eine Zeit lang ist beziehungsweise war das für die Kinos durchaus tragbar. Nun aber droht sich die mögliche Katastrophe an. Einerseits weil wir inmitten der zweiten Corona-Welle stecken, die Infektionszahlen weltweit zunehmen und mancherorts schon ein erneuter Lockdown droht oder gar im Gange ist.

Andererseits weil nun die kommerziell wichtigste Zeit der Kinos anbricht: Oktober, November und Dezember sind sowohl die Monate der (Weihnachts-)Blockbuster als auch die Jahreszeit, in der sich das öffentliche Kulturprogramm zunehmend in Innenräume verlagert. „In diesen Monaten machen wir die Hauptumsätze eines Gesamtjahres – statistisch manchmal mehr als in den neun Monaten davor – und nur dieses Jahres-Schluss-Geschäft ermöglicht es uns und unseren Betrieben, überhaupt wirtschaftlich zu überleben“, heißt es in einem aktuellen offenen Brief von 20 bayrischen Kinos an Ministerpräsident Markus Söder.

Volle Kinosäle werden wir auf absehbare Zeit nicht mehr erleben. (c) NASA Goddard Space Flight Center / CC BY 2.0

 

Zusammenrücken

In jenem offenen Brief fordern sie mit größter Dringlichkeit, den Mindestabstand in den Kinos von 1,5 Metern auf einen Meter zu verringern. Ein Anliegen, das der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) so vor einigen Monaten bereits formuliert hatte. Man blieb ungehört. Obwohl eine Studie der TU Berlin bereits im Juli ergab, dass die Gefahr einer Ansteckung mit Covid-19 im Kino nur 0,3 Prozent gegenüber der in einem Büro lege. Stattdessen gab es idealistische Beistandsbekundungen (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Kino ist […] unverzichtbar auch für eine lebendige Demokratie“) und je nach Bundesland unterschiedliche Finanzspritzen für allem für kleinere Lichtspielhäuser, die die Verluste aber bei weitem nicht kompensieren können.

Der Wunsch der Betreiber*innen auf einen geringeren Mindestabstand wird umso nachvollziehbarer, wenn man in Betracht zieht, dass bisher kein Kino als Covid-19-Hotspot bekannt geworden ist. Entsprechende Lüftungskonzepte (die Luftzufuhr erfolgt in den Sälen zumeist von unten und strömt nach oben) und die Tatsache, dass im Kino nicht gesprochen wird (zumindest in der Regel…) sprechen ebenfalls für eine Lockerung der Bestimmungen. Ein (wenn nicht gar der) Hauptgrund, der dagegen spricht, ist bürokratischer Natur: Sollte der Mindestabstand in Kinos auf einen Meter reduziert werden, könnten andere Branchen nachziehen und das gleiche fordern. Eine Klagewelle würde wohl folgen.

 

Eine Chance für Arthouse-Filme?

Die Schließung der Cineworld-Kinos erfolgte nur wenige Tage nach der weiteren Verschiebung des neuen James-Bond-Streifens Keine Zeit zu Sterben. Selbst wenn im offiziellen Statement des Unternehmens davon keine Rede ist, liegt ein Zusammenhang nahe. Auch die Verschiebung andere Blockbuster wie Wonder Woman 1984, The King’s Man – The Beginning, Black Widow oder zuletzt Dune (die Mitteilung dazu erfolgte nur einen Tag nach der Cineworld-Meldung — wie gesagt: ein Teufelskreis) sorgen beim Publikum für Ernüchterung – und bei Kinos für Verunsicherung.

Auf die erneute Verschiebung von „Keine Zeit zu Sterben“ folgte die Ankündigung der Schließung von Cineworld — und auf die weitere Filmverschiebungen. (c) Universal Pictures Germany

Das offenbart auf schmerzliche Weise aber vor allem eines: wie sehr die Kinos von solchen Produktionen abhängig sind – und wie sehr die breite Masse der Besucher*innen darauf geeicht ist, sich allein für solche Filme vor den großen Leinwänden zu versammeln. Mit Niemals Selten Manchmal Immer, Vitalina Varela, Futur Drei, Vergiftete Wahrheit oder Milla meets Moses, um nur einige zu nennen, sind dieser Wochen allerdings diverse großartige Filme gestartet oder stehen in den Startlöchern. Die Abstinenz vom großen Superhelden-Krachbumm (2020 ist das erste Jahr seit 2009, in dem kein MCU-Film im Kino anläuft) wäre eine Chance für mehr Diversität auf der Leinwand, ein Türöffner für kleinere, hochqualitative Arthouse-Perlen.

An Material mangelt es also nicht – sondern vor allem an Publikum. Niemand muss sich vorwerfen lassen, sich ob steigender Infektionszahlen nicht ins Kino zu trauen. Dennoch ist die Infektionsgefahr beim täglichen Gang in den Supermarkt, im Großraumbüro oder bei der Fahrt in der Straßenbahn um ein Wesentliches größer als in einem Kinosaal. Und wer zuletzt einen solchen besucht hat, wird dem Autor dieser Zeilen hoffentlich zustimmen, wenn er sagt: In keiner anderen Situation außerhalb der eigenen vier Wände fühlt man sich so wohl und (infektions-)sicher, wie im Kino.

 

Eine Infrastruktur geht zugrunde

Ohne Frage: Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 sind in anderen Branchen noch eklatanter, im Tourismus oder für Veranstaltungstechniker*innen etwa, von denen viele seit Beginn der Pandemie faktisch arbeitslos sind. Dass es an anderer Stelle noch größere Baustellen gibt, schmälert aber nicht den dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf Kinos. Zumal, sollten sich die Warnungen in dem offenen Brief vor einem Kinosterben im kommenden Jahr bewahrheiten, etwas Zusätzliches droht: der Verlust einer kompletten kulturellen Infrastruktur.

An der hängen tausende Jobs. Ganz direkt — Angestellte von Kinos, Vorführer*innen, Einlasser*innen, Verkäufer*innen -, aber auch indirekt: Filmverleiher etwa, von denen vor allem die kleineren und mittelgroßen seit Corona um ihre Existenz bangen müssen. Und auch wir: Film- und Kinoseiten und ähnliche Publikationen, denen Umsätze durch Werbeeinnahmen zunehmend wegbrechen. Alternative Finanzierungsmodelle wie digitale Leihangebote der Verleiher oder Crowdfunding, wie auch wir es Anfang des Jahres begonnen haben, können diese Lücke nicht mal ansatzweise stopfen.

Mögliche Abhilfe könnte, wie es Filmkritiker Wolfgang M. Schmidt fordert, beispielsweise eine vollumfängliche Subventionierung der Kinobranche sein, ähnlich der von Theaterspielstätten. So oder so: Es besteht unverzüglicher Handlungsbedarf, vor allem politischer.

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