Kolumnen: Zeit für Veränderungen

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Kolumnen

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Bislang hat der Ruf nach mehr Diversität in den Academys die Filmpreislandschaft nicht verändert. Es ist Zeit, für größere Schritte. Sonja Hartl zeigt in ihrer Kolumne, wie es gehen könnte.

Bild zu The Farewell von Lulu Wang
The Farewell von Lulu Wang - Filmbild 1

Es gibt keine Filme von Frauen. Diesen Eindruck vermittelt die diesjährige Award Season. Eine Ausnahme ist Greta Gerwig, aber sogar sie – obgleich sie als junge weiße eloquente Amerikanerin alle Attribute für Hollywoods neue Lieblingsregisseurin hat – erhält lediglich Drehbuchnominierungen. Gerwig ist wie Sofia Coppola und Kathryn Bigelow vor ihr allenfalls das Alibi, das sagen soll: seht her, wir kennen doch Filme von Frauen; also zumindest von einer Frau.

Doch im Grunde genommen sagt die Oscar-Academy wie die gesamte Award Season, dass die Filme, die in diesem Jahr wichtig waren, die Filme sind, die von Männern, gerne auch misogynen Männern, erzählen und gemacht werden. Das sind Themen, die relevant sind, das ist die Arbeit, die etwas zählt. Die einzige Schwarze Schauspielerin, die nominiert ist, spielt eine Sklavin – denn das ist das einzig zulässige Narrativ. Und während Tarantinos Once upon a time in Hollywood (2019) für seinen All-Star-Cast abgefeiert wird, wird Gerwigs nicht minder prominent besetzter Little Women (2019) gar nicht erst in diese Kategorie eingeordnet. Sind ja auch alles Frauen. 

Bei den Golden Globes hat Boong Jon-Hoo in seiner Dankesrede das Publikum dazu aufgefordert, Untertitel lesen zu lernen, damit es Filme aus anderen Welten kennenlernt. Und seither stelle ich mir die Frage, was wohl schwieriger ist: Zu lernen, Filme mit Untertiteln zu sehen oder Filme, in denen Frauen spielen, als ebenso universell zu betrachten wie Filme mit Männern. Mir gelingt beides. Untertitel sind wirklich eine Frage der Gewöhnung; zudem hatte ich die typisch weibliche Sozialisation, in der ich Romane und Filme mit männlichen Hauptfiguren mühelos rezipiert und auf mich bezogen habe (was wäre mir auch übrig geblieben?).

 

Wie sehr meine filmische Sozialisation hingegen von Filmen von Männern geprägt ist, wurde mir vor kurzem erst wieder sehr schmerzlich bewusst, als mich eine Kollegin fragte, welcher Film mit weiblicher Hauptrolle von einer Regisseurin mich geprägt hat – und ich konnte nicht wirklich einen nennen. Das liegt an der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, dem damals verbreiteten Glauben, dass der Feminismus bereits etwas erreicht habe usw. Aber das bedeutet auch, dass ich an meiner Rezeption arbeiten muss. Sozialisiert mit einem männlichen Kanon erfordert es Arbeit, Zeit und Mühe, dem etwas entgegenzusetzen. Und diese Arbeit macht sich schon kaum jemand, der sich beruflich mit Filmen (oder auch Literatur) beschäftigt. Werden Oscar-Academy-Mitglieder sie wirklich machen? 

 

Altbekannte Mängel

Es gab und gibt Bemühungen, Preisverleihungen diverser zu gestalten. Aber bisher zeigen diese Veränderungen kaum Auswirkungen. Natürlich brauchen Veränderungen Zeit, aber: dass beispielsweise Frauen bei den Oscars nicht in der Regie-Kategorie nominiert werden, reicht weit zurück. Meine erste Erinnerung daran ist das Jahr 1992, in dem sogar Billy Crystal in seiner Eröffnungsnummer danach fragte, ob The Prince of Tides (1991) – insgesamt immerhin siebenmal nominiert – bei sich selbst Regie geführt hat.

 

Sind 28 Jahre nicht genug? Klar, es gibt auch viele Regisseure, die nie einen Oscar erhalten haben. Aber darum geht es nicht: Alfred Hitchcock wurde nie ausgezeichnet, aber immerhin fünfmal nominiert. Den Wert eines Werks nicht zu erkennen oder die Arbeit ganzer Bevölkerungsgruppen systematisch zu ignorieren, sind zwei verschiedene Dinge. Blickt man beispielsweise auf die Kategorie Bester Schnitt – also dem Filmgewerk, das traditionell als eher weiblich gilt – zeigt sich, dass 76 Frauen in dieser Kategorie nominiert wurden. In 92 Jahren – in denen es über 460 Nominierte gab. Spannend fände ich folgendes Experiment: Es gibt nur noch zwei Schauspielerkategorien, beste Hauptrolle und beste Nebenrolle. Wie viele Frauen da wohl nominiert werden würden? 

 

Veränderungsversuche

Damit sich daran etwas ändert, ist die Academy dazu übergangenen, mehr Frauen und People of Color aufzunehmen. Das ist zweifellos wichtig, reicht aber nicht. Denn es gibt einen Unterschied zwischen strukturellem Sexismus und Rassismus und unconscious bias. Das sieht man beispielsweise schon daran, dass es genug Frauen gibt, die sich von misogynem Dreck nicht abgestoßen fühlen, die mühelos verstehen, dass Little Women ein Frauenfilm ist, 1917 aber etwas über die Welt erzählt. Zudem kenne ich nur eine Preisverleihungsinstitution, der es gelungenen ist, etwas zu verändern: die BIFA (British Independent Film Academy). Bei ihr war die Aufnahme von mehr unterrepräsentierten Gruppen aber nur ein erster Schritt. Darüber hinaus haben sie ihre Regularien erweitert, damit mehr Filme berücksichtigt werden können und zudem festgelegt, dass die Mitglieder die Filme auch sehen und ihr Wertungssystem entsprechend ausgerichtet. 

 

Diese massiven Änderungen sind bemerkenswert – aber sind große Institutionen dazu bereit? Ich glaube, es ist nahezu unmöglich, dass eine Institution sich selbst verändert. Sieht man doch beim DFB, der FIFA, der Akademie in Stockholm, der Grammy-Academy usw. Mit Lippenbekenntnissen sind alle schnell dabei, aber tatsächliche Veränderungen sind Fehlanzeige. Denn diese Institutionen sind Teil eines Systems, das kaputt ist – lohnt es sich noch, es zu reparieren? 

 

Weg zur Veränderung I

Wenn sich also die Institutionen nicht verändern, dann müssen wir uns verändern: JournalistInnen, ZuschauerInnen, EmpfängerInnen ihrer jeweiligen Preisverleihungen und Shows. Als Filmkritikerin beginnt das für mich mit der Frage, ob ich mir weiterhin misogynen Dreck anschaue, damit ich hinterher darlegen kann, warum der Film misogyner Dreck ist – oder mich stattdessen auf die guten, feministischen Filme konzentriere, auf Filme, deren Welt nicht ausschließlich männlich, amerikanisch und weiß ist. Sicherlich weiß ich das vorher nicht immer, aber dennoch kann ich entscheiden, welchen Filmen ich in meiner Arbeit Aufmerksamkeit schenke. 

Ich ahne, welche Einwände kommen: Redaktionen, die nun einmal nur Texte zu bestimmten Filmen nehmen. Oder wie Kollege Patrick Heidmann vor kurzem twitterte:

Deshalb schlage ich ein weiteres Experiment vor: ein Jahr lang schreiben und reden alle JournalistInnen nur über diese Filme, Redaktionen berichten nur über sie. Festivals, in denen allen Lippenbekenntnissen zum Trotz (Cannes) oder sehr bewusst als Statement (Venedig) überwiegend Filme von Männern gezeigt werden, werden medial ignoriert. Ebenso die Globes, BAFTAs, Oscars usw., sie bekommen noch nicht einmal die oftmals einkalkulierte Empörung. Würden alle Medien mitziehen, würde das eventuell tatsächlich etwas verändern. Aber dafür müsste viel passieren; der ewige Empörungskreislauf müsste durchbrochen werden und auch in vielen Redaktionen sitzen Menschen, die nicht verstehen, was die Aufregung eigentlich soll. Das hat der Umgang mit dem Film eines Regisseurs, dem mehrere Frauen vorwerfen, sie in sehr jungen Jahren vergewaltigt zu haben, erst wieder bewiesen. 

 

Weg zur Veränderung II

Greta Gerwig hat in einem Interview gesagt, dass sie glaubt, dass sich etwas verändert, weil nun mehr Frauen Filme machen und es deshalb immer schwieriger wird, diese Filme zu ignorieren. Doch schon allein dieses Jahr verweist darauf, dass es so einfach nicht ist: Es gibt so viele gut besprochene und viel gesehenen Filme von Frauen wie schon lange nicht mehr – und dennoch ist es der Academy mühelos gelungen, sie zu übersehen. Es ist ihr (und sehr vielen anderen Preisverleihungen) ja sogar gelungen, die Leistung von Lupita Nyong’o zu übersehen, weil sie einfach nicht in das Sklavennarrativ passt. Dass mehr Frauen Filme machen, ist sicherlich ein wichtiger Schritt. Aber er allein ändert das System nicht. Außerdem sollte gerade Greta Gerwig nicht übersehen, dass sie als Frau sicherlich Nachteile hat – es aber als weiße, cis-hetero Filmemacherin, deren erster Film bereits eine Oscar-Nominierung erhalten hat, immer noch einfacher hat als viele andere Filmemacherinnen. 

 

Bei jeder Veränderung muss man sich fragen, was eigentlich das Ziel sein soll: Wäre es ein Fortschritt gewesen, wenn eine Frau für die beste Regie nominiert werden würde? Reicht das aus? Oder ist es nicht an der Zeit zu fragen, von wem die Anerkennung eigentlich kommt? Es gab gerade im Zusammenhang mit Little Women (2019) einige Beiträge dazu, dass Männer diesen Film nicht gucken und natürlich untermauert das wunderbar die These, dass sich weit weniger Männer für Filme von und mit Frauen interessieren als Frauen für Filme von und mit Männern. Tatsächlich aber zeigt es noch etwas: Weiterhin streben Frauen vor allem nach der Anerkennung von Männern; weiße Frauen insbesondere nach der weißer Männer. Es gab nach meiner Beobachtung weder bei Hustlers (2019) noch The Farewell (2019) eine ähnliche Diskussion, wer diese Filme guckt oder nicht guckt. Und auch in den Diskussionen um die Academy zeigt sich, dass es hier vor allem darum geht, die Mehrheit der weißen Männer dazu zu bringen, doch endlich die Arbeit von Frauen und People of Color anzuerkennen.

Klar, wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, in der (weiße) Männer weiterhin das Sagen haben. Aber dennoch können wir damit aufhören, um ihre Anerkennung zu buhlen, denn dieser Gedanke entspringt der zutiefst neoliberalen Idee, dass das feministische Streben von Frauen dadurch belohnt werden, dass mächtige (weiße) Männer sie anerkennen. Darum geht es nicht – es geht um eine gerechtere, vielfältigere Welt. Hören wir also auf damit, diese Anerkennung von Menschen bekommen zu wollen, die nicht einmal bereit sind, ihre eigenen Privilegien zu erkennen. Hören wir auf damit, jedes Lippenbekenntnis insbesondere berühmter Männer abzufeiern und warten lieber erst einmal ab, was passiert. Machen wir doch unsere eigenen Preise – oder verabschieden die Idee, dass die Arbeit Einzelner ausgezeichnet wird grundsätzlich. Und lenken wir die Aufmerksamkeit und – falls vorhanden – publizistischen Möglichkeiten auf die Filme, die uns wichtig sind. 

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