Kolumnen: Orte des Untergangs, Orte der Hoffnung

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Kolumnen

Ein Beitrag von Lars Dolkemeyer

Filmbild Okja
Okja

Eine meiner liebsten Kino-Traditionen ist alljährlich im April der Besuch der Fantasy Filmfest Nights. Vor dem großen Fantasy Filmfest im Sommer präsentiert das Festival dort an einem Wochenende bereits eine Auswahl von zehn Genre-Highlights, die selten ihren Weg ins Kino und mitunter nicht einmal auf DVD oder Blu-ray finden. Seit zwei Jahren gibt es mit den White Nights sogar noch ein weiteres Festival-Wochenende im Winter. Auch andernorts blüht die Landschaft der Genre-Festivals – doch irgendetwas war in diesem Jahr anders.

Wie gewohnt boten die Nights eine sorgfältig zusammengestellte Mischung verschiedener Formen des Fantastischen abseits des Mainstreams. Doch die Begeisterung, die leuchtenden Augen bei der Entdeckung einer Genre-Perle, die helle Freude nach einem besonders aufregend-eigenwilligen Film blieben aus. Das Programm war seltsam durchschnittlich. Und das ist völlig in Ordnung: Nicht in jedem Jahr kann ein Festival, genauer: ein kleines Festival-Wochenende, ein Highlight nach dem anderen präsentieren. Und nicht immer trifft die Auswahl der Filme so sehr meinen Geschmack wie in den vergangenen Jahren etwa mit The Guest (Adam Wingard, 2014) oder The Witch (Robert Eggers, 2015).

Irgendwann zwischen den eng getakteten Vorstellungen des Wochenendes bekam der Schatten über dem Programm jedoch einen Namen: Streamingdienste. (Hier blitzendes Donnergrollen einfügen.) Statt wie üblich vor einzelnen Screenings mit Stolz und Leidenschaft von den Umwegen und Anstrengungen zu berichten, die es gekostet hat, einen Film im Programm zeigen zu können, gab es in diesem Jahr plötzlich eine Entschuldigung, unerwartet und zaghaft: Es sei schwierig geworden, Filme für das Festival gewinnen zu können, die nicht gleichzeitig schon bei Streamingdiensten starten oder von diesen gekauft wurden. Es herrscht offenkundige Ratlosigkeit im Umgang mit den neuen Riesen der Film-Auswertung.

Ähnliches wenige Wochen später im Mai bei den Filmfestspielen von Cannes: Dürfen Filme wie Bong Joon-hos grandioser Okja (2017) überhaupt ohne regulären Kinostart im Wettbewerb des Festivals laufen? So kurz die Diskussion kochte, so schnell war das Thema zwar wieder erledigt (ja, dürfen sie), doch beide Fälle zeigen die große Angst des Kinos, die auch die Angst der Festivals ist: Was tun im Angesicht einer scheinbar neuen, unbezwingbaren Bedrohung? Was ist die Aufgabe des Festivals, wenn nicht Exklusivität? Wie kann das Kino-Publikum gehalten werden, während es doch schon in Massen auf das Sofa zu Netflix abwandert?


Trailer zu Okja

Diese Untergangsvision, das Kino und die Festival-Kultur seien in ihrem Kern durch das Angebot der Streamingdienste bedroht, ist jedoch kaum begründet. Dahinter steht vielmehr eine seltsame Fehleinschätzung: Die einzigartige Energie des Festivals liegt in der gebannten Erwartung vor dem Film und der hitzigen Diskussion danach, in der freudigen Entdeckung jener Perlen, die im regulären Programm untergehen. Das hat wenig damit zu tun, einen Film besonders früh oder exklusiv sehen zu können. Es geht um den magischen Ort des Kinos selbst, der für ein paar Stunden oder Tage erfüllt ist vom pulsierenden Herzschlag der Cinephilie. Es ist dann ein Ort, an dem Filmleidenschaft gerade deswegen so lebendig ist, weil sie eben nicht in der Sofaritze versickert, sondern sich entfalten kann und mit anderen geteilt wird. Es geht nicht um den Film, den ich auch anders sehen könnte, sondern um die einzigartige Erfahrung, ihn genau hier und jetzt, auf diesem Festival, auf dieser großen Leinwand und mit diesen Menschen zu sehen. Das wünsche ich mir für das kommende Jahr: Festivals, die den Mut haben, sich nicht bloß als Gegner von Streamingdiensten zu verstehen, sondern als Orte der Hoffnung für die gemeinsame Liebe zum Film.

(Lars Dolkemeyer)

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