Kolumnen: Nur ein Migrant

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Kolumnen

Ein Beitrag von Olga Galicka

Einen Monat nach dem rechtsextremen Anschlag in Hanau schaut sich Olga Galicka an, wie auch die deutsche Film- und Medienlandschaft zu der Tragödie beigetragen hat.

Filmstill zu Nur eine Frau (2019)
Nur eine Frau (2019) von Sherry Hormann

Der Terroranschlag in Hanau ist gerade einen Monat her und schon wird es still um die Tragödie. Doch während sich nun alles um Corona dreht, möchte ich lieber über eine andere Epidemie in unserer Gesellschaft reden. Die Angst, die immer mehr Menschen erfasst. Angst voreinander. Die einen fürchten das Fremde in ihren Nachbarn, die anderen fürchten als Fremde wahrgenommen zu werden. Doch nur für die einen ist die Situation wirklich lebensgefährlich.

Das Entfremden beginnt oft auf unseren Leinwänden. Eine Shisha-Bar ist nicht zufällig Ziel eines rechtsextremen Anschlags geworden. Migrationsexperte Massimo Perinelli hat nahegelegt, dass gerade dieser Ort, ein Symbol (post-)migrantischer Identitätenvielfalt, immer wieder gesellschaftlich “zum Problem ernannt, medial diffamiert und behördlich kriminalisiert” wurde und letztlich dadurch zum Abschuss durch Täter, wie den in Hanau, freigegeben wurde.

Und hier scheint der Täter, seinen größten Erfolg zu haben. Denn dieser “fremde” Ort der Tragödie macht einen Teil unserer Gesellschaft die Trauer um die Opfer unzugänglich. Die Opfer werden so zu den „Anderen”, ihre Familien zu „Fremden”. Dieses Fremdsein geht soweit, dass der Vater von Ferhat Unvar, eines der Opfer von Hanau, nicht bei der Trauerfeier neben Hanaus Bürgermeister und Frank-Walter Steinmeier sprechen durfte und stattdessen ins Publikum verwiesen wurde. Auf der Bühne sei kein Platz mehr.

Wir müssen uns dringend fragen: wer wird bei uns wie repräsentiert? Wer bekommt angemessene Sprechanteile? Wessen Trauer empfinden wir als echt? Wo fängt das Othering in unserer Gesellschaft an?

 

Eindimensionalität mit System

 

Auf deutschen Bühnen findet sich für die Opfer von Hanau und ihre Familien genauso wenig Platz wie im deutschen Fernsehprogramm und auf deutschen Leinwänden. Deutsche Film- und Medienproduktionshäuser tragen zu dieser Entfremdung bei. Denn blickt man auf die Liste deutscher Film- und Fernsehneuerscheinungen 2019 und 2020, so muss man lange nach Darstellungen (post-)migrantischer Erfahrung suchen. Und was man findet, arbeitet vielmehr daran, Orte wie Shisha-Bars oder migrantendominierte Viertel in deutschen Städten als Fremdkapital einzustufen, anstatt sie Teil unserer Gesellschaft sein zu lassen.

Die Abwesenheit von Schauspielern mit Migrationshintergrund geht beim Casting los. Dem Deutschlandfunk sagte die Casterin Daniela Tolkien noch 2017, dass Regisseure und Produzenten Schauspieler mit Migrationshintergund durch ihre Vorgeschichte als Belastung empfinden und sie nicht in alltäglichen Rollen von Kindergärtnern und Ärzten verorten können. Doch das Problem liegt noch tiefer: Denn es fehlen nicht nur Schauspieler, sondern auch Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren mit Migrationshintergrund. Und so überrascht es nicht, dass die Rollen und Geschichten, die (post)migrantische Erfahrungen darstellen sollen, meist lieber in die Klischeekiste greifen.

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Sherry Hormanns Nur eine Frau (2019) ist ein prominentes Beispiel dafür. Von Sandra Maischberger produziert, basiert der Film auf dem Leben Hatun Sürüncüs, die 2005 von ihrem Bruder in Berlin auf offener Straße ermordet wurde. Der Fall ging als der erste bekannte „Ehrenmord” in die deutsche Geschichte ein. Hatun Sürüncü kehrt nach einer gescheiterten arrangierten Ehe in der Türkei hochschwanger nach Berlin zurück und zieht wieder bei ihrer Familie ein. Nach und nach entfremdet sie sich von der Familie, zieht aus, legt das Kopftuch ab, begibt sich auf die Suche nach ihrer Identität. In Nur eine Frau ist Sürüncüs Tod im Moment ihres Auszugs, fünf Jahre vor der eigentlichen Tat, längst beschlossen und zwar im Familienrat. Beschäftigt man sich jedoch eingehender mit dem Fall, versteht man schnell, dass es komplizierter ist. Fast alle Familienmitglieder leiden an psychischen Krankheiten. Der schwerdepressive Vater zieht sich schon früh in die Türkei zurück, die Mutter, nur durch Psychopharmaka funktionierend, kann sich nicht selbstständig durch die deutsche Lebenslandschaft bewegen, ein Bruder radikalisiert sich, einer ist schizophren, auf den jüngsten wird noch minderjährig die Verantwortung für das längst verlorene Familienwohl auferlegt. Eine ganze Familie leidet unter einem Migrationstrauma. Doch das spielt im Film keine Rolle.

Es ist schön, wenn eine starke Frauengeschichte aus der Perspektive ebendieser Frau erzählt wird wie in Hormanns Film. Doch hier greift diese Idee, die von Hormann in Interviews in den Mittelpunkt gestellt wurde, viel zu kurz. Sürüncüs Familie ist zentral für die Erzählung und bleibt doch eindimensional. Weder ihre Umstände, noch ihre Umgebung spielen eine Rolle. Und diese Eindimensionalität spiegelt deutlich das Verhältnis deutscher Medien zu Menschen mit Migrationshintergrund wieder: Weiße Täter werden psychologisiert, während migrantische Täter schablonenhaft bleiben. Ermordet ein biodeutscher Täter eine Frau, spricht man von der individuellen Schuld des Täters, von einer „Beziehungstat“ oder „Familientragödie“, bei migrantischen Tätern dagegen geht es stets um einen kollektiven kulturellen Mangel, um „Ehrenmorde“. Die sogenannten „Ehrenmorde” werden dabei nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs härter eingestuft als Morde an einer Partnerin. Indes kann man in den Kommentarspalten der über den Film berichtenden Magazine und Youtube-clips sehen, bei wem der Film besonders gut ankommt. Menschen, die sich einmal mehr darin bestätigt fühlen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Menschen, die sich fragen, wann endlich Deutschland wieder frei von Migranten sein wird. Vielleicht ist sogar der Täter von Hanau unter ihnen gewesen. Vielleicht sogar am 29. Januar, als der Film in der ARD ausgestrahlt wurde. Nur zwei Wochen vor seiner Tat.

 

Keine Geschichten über Liebe

 

Die beiden Hauptdarsteller des Films Almila Bagriacik (Hatun Sürüncü) und Rauand Taleb (ihr jüngster Bruder Nuri) hatten im Übrigen ihre ersten großen Rollen in der TNT-Serie 4 Blocks (2017), die vom Leben und den Machenschaften des libanesischen Hamady-Klans erzählt. Hier sieht man eine Shisha-Bar, neben Wettbüros und libanesischen Backwarenläden in Berlin Neukölln. Die Situation der Helden wird dabei etwas differenzierter dargestellt. Viele ihrer Beweggründe werden mit einer schlechten Integrationspolitik oder schlichter Benachteiligung begründet. Dennoch sind auch hier (post-)migrantische Geschichten, selbstverständlich geschrieben von deutschen Drehbuchautoren, im kriminellen Milieu verortet. Wäre 4 Blocks eine Serie unter vielen, wäre das nicht weiter schlimm. Doch man muss nur zu Netflix schauen, um in der Serie Skylines ein ähnliches Geschichtenkonzept zu finden. Wieder steht die (post-)migrantische Erfahrungswelt inmitten krimineller Machenschaften. Doch was, wenn es nicht genug andere Geschichten gibt? Was nimmt die deutsche Gesellschaft aus diesen Bildern mit? Wo bleibt der unaufgeregte Alltag dieser Menschen, ihr ganz normales Leben, ihre Wünsche und Sorgen, die sich kaum von denen ihrer nicht-migrantischen Nachbarn unterscheidet. Hier geht das Othering medial weiter. Menschen mit klar erkennbarem Migrationshintergrund werden nur in Ausnahmesituationen, nicht in Liebeskomödien gezeigt. Und so kann der deutsche Zuschauer sich getrost zurücklehnen und beruhigt feststellen: Nicht unsere, sondern ihre Kultur. Nicht unsere, sondern ihre Shisha-Bar. Nicht unsere, sondern ihre Trauer.

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Doch es geht auch besser. Hoffnung gibt es für die heranwachsende Generation an Konzepter*innen, Filmemacher*innen und Schauspieler*innen. Ein von mir schon einmal positiv erwähntes Beispiel ist die multimediale Serie DRUCK (2018) des ZDF Ablegers Funk, die sich Mühe gab, innerhalb einer Abiturklasse den Querschnitt der modernen deutschen Gesellschaft darzustellen. Viele der Darsteller wurden dabei über Aufrufe in sozialen Medien gecastet. Die letzte Folge von DRUCK lief letzten August. In dieser letzten Folge rauchen Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen und finanziellen Hintergründen zusammen im Park eine Shisha. Es bleibt zu hoffen, dass Funk, aber vielleicht auch andere Sender und Produktionsfirmen bald mit neuen spannenden und mehrdimensionalen Rollen und Geschichten aufwarten. Und bis dahin müssen wir die Bilder, die uns gezeigt werden, sehr gut hinterfragen. Und vor allem denjenigen, die was von diesen Geschichten verstehen, einfach besser zuhören.

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