Not quite Spielberg – Jurassic Park und seine Nachahmer

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Mit tricktechnisch perfektionierten Urzeittieren entfachte Steven Spielberg vor 25 Jahren einen Dino-Hype, der auch viele kuriose Trittbrettfahrer auf den Plan rief. Zum Start von „Jurassic World 2“ widmet sich Rajko Burchardt den alten und neuen Saurier-Ripoffs.

Szene aus "Jurassic Park"
Szene aus "Jurassic Park"

Im Rückblick wurden kulturkritische Befürchtungen über die 1993 anrollende Dino-Welle zugleich bestätigt und widerlegt. Jurassic Park war bahnbrechend: Die unwiderrufliche Installation des postmodernen Blockbusters, das stolze Triumphieren digitalen Filmemachens, der letzte Pinselstrich an einem Landschaftsbild voller Amblin- und Lucasfilm-Produktionen. Den Architekten des Tentpole-Kinos aber ist dieses Erbe offenbar unangenehm. Steven Spielberg, George Lucas und James Cameron warnen abwechselnd vor Implosion und Übersättigung durch Marvelwood, obwohl ihre Vier-Quadranten-Spektakel die heutige Dominanz der Superhelden- und Sternenkriegsfilme erst möglich machten.

Andererseits wirken solche Kinoevents eher mickrig, wenn man das Relevanzgetue um kommerzielle Bestmarken ins Verhältnis zum kollektiven Phänomen der Spielberg-Saurier setzt. Avengers und Co. mögen Einspielrekorde brechen, doch selbst in Branchenkreisen taugen sie kaum als längeres Gesprächsthema. Jurassic Park war Gegenstand filmischer und pädagogischer Diskurse. Ein Film nämlich, den tatsächlich jeder sah und scheinbar auch sehen musste, der kindliches Sehnsuchtsobjekt und elterliches Schreckgespenst wurde. Er brachte TV-Sondersendungen auf den Weg sowie eine ziemlich deutsche Debatte um Altersfreigaben. Und natürlich wollten alle was vom Kuchen abhaben. RTL passte damals sein gesamtes Programm der „Dino-Mania“ an.

Findig waren jene, die den Hype antizipierten. Produzent Roger Corman brachte mit Carnosaurus das erste Ripoff drei Wochen vor Jurassic Park in die US-Kinos, gedreht wurde der ungleich blutrünstigere Dino-Slasher für ein Achtzigstel des Spielberg-Budgets. Hemmungslos knabbert sich darin ein genmanipulierter T-Rex durchs Knallchargenensemble, als wolle der Film nur die eigentliche dramaturgische Struktur des Vorbilds offen legen. Auch Carnosaurus greift auf das Mad-Scientist-Motiv zurück, präsentiert jedoch eine von Misanthropie angetriebene Wissenschaftlerin, deren Plan die Rückeroberung des Planeten durch Saurier ist. Frauen werden zu Dino-Gebärmaschinen, Männer zu Nahrung der Jungen. In den Fortsetzungen ging es sogar noch wüster zu.

(Trailer zu Carnosaurus)

 

Corman besetzte die Hauptrolle mit Diane Ladd, Mutter der im Jurassic Park gefangenen Laura Dern. Es war ein bewusster, auf sympathische Weise großkotziger Link, der später mutmaßlich unbewusst neu gesetzt wurde – sofern die Verpflichtung von Bryce Dallas Howard für Jurassic World tatsächlich nicht an Carnosaurus erinnern sollte, in dem ihr Onkel Clint Howard einen schönen Tod starb. Frühzeitige Querverbindungen zum großen Dino-Franchise organisierte vor allem Steven Spielberg selbst. Die erste von bislang 14 (!) Fortsetzungen zu In einem Land vor unserer Zeit erschien 1994, kurz nach Kinostart des ebenfalls von ihm produzierten Animationsfilms 4 Dinos in New York. Am Trittbrettfahrergeschäft verdiente der Initiator doppelt mit.

(Trailer zu In einem Land vor unserer Zeit)

 

Kuriose Ripoffs gab es seinerzeit viele, von Fred Olen Rays und Jim Wynorskis Die Insel der Riesen-Dinosaurier bis zum 34 Millionen Dollar teuren und trotzdem nur auf Video veröffentlichten T-Rex mit Whoopi Goldberg. Keines erreichte allerdings die deliranten Qualitäten von Tammy and the Teenage T-Rex, einem sonderbaren Gemisch aus High-School-Komödie, Splatterfilm und Romanze. Denise Richards und Paul Walker führen eine heimliche Beziehung, die eifersüchtige Ex-Freunde sowie verrückte Wissenschaftler auf den Plan ruft: Der Junge stirbt an einem Löwenangriff, die Leiche wird entführt und das Gehirn in einen elektronisch gesteuerten Tyrannosaurus verpflanzt. Es geht, kurz gesagt, um eine verunmöglichte Liebe zwischen Mensch und Dinopuppe.

(Trailer zu Tammy and the Teenage T-Rex)

 

Mittels Zeichensprache erklärt der Saurierjunge dem Mädchen in der verrücktesten Szene des Films seine Misere, was nicht zu ungläubigem Staunen, sondern rascher Erkenntnis über die Wichtigkeit innerer Werte führt. Um das jugendliche Publikum von Jurassic Park anzusprechen, wurden die meisten Brutalitäten aus Tammy and the Teenage T-Rex kurz vor Veröffentlichung entfernt (ein Blick auf die ungekürzte italienische Fassung lohnt sich), wodurch die verbliebenen, kurzerhand familienfreundlich gemachten Anzüglichkeiten noch mehr irritieren. Einmal stürmt der T-Rex eine Party und reißt sexhungrigen Teenagern die Gedärme heraus. Auf dem Höhepunkt des Dino-Hypes schien damals fast alles möglich.

Seine Wiederbelebung erfuhr das Geschäft mit Dino-Ripoffs durch den Erfolg von Jurassic World, dessen weltweite Kinoeinnahmen sich auf 1,7 Milliarden Dollar beliefen. Noch zu Beginn der 1990er Jahre organisierten die B-Movie-Produzenten Roger Corman, Charles Band und Menahem Golan ihre Unternehmen wie alte Hollywoodmogule. Sie kämpften um jede Kinoauswertung, obwohl der Videomarkt längst das einträglichere Business war, und investierten sowohl in Epigonentum als auch neue absonderliche Ideen. Heute dreht die auf „intendierten“ Trash spezialisierte Mockbuster-Schmiede The Asylum mit Budgets unter 500.000 Dollar ausschließlich für den Heimkinosektor. Sowohl billige als auch teure Saurierfilme veranschaulichen den Wandel der Produktionsökonomien in Hollywood.

Bei Jurassic World holten die Veröffentlichungstermine der ersten Nachahmer ihr Vorbild ebenfalls ein. Wichtig ist nicht nur die äußere Uneindeutigkeit bzw. mit fremden Federn geschmückte Etikettierung des Produkts, sondern das Timing – während die Originale noch in der Postproduktion stecken, müssen deren Kopien bereits internationale Vertriebskanäle fluten. So erschien Jurassic City in Deutschland und den USA vor Spielbergs eigenem Dino-Reboot, die Produzenten konnten dafür den Fernsehriesen Canal+ als Partner gewinnen. Es geht um militärisch hochgerüstete Velociraptoren, die in einem Gefängnis auf leicht bekleidete Studentinnen und Serienmörder treffen. Klingt natürlich super, aber der Film stellt damit leider nichts an.

(Trailer zu Jurassic City)

 

Im Land der Dinosaurier wurde noch etwas früher als Jurassic City und mancherorts sogar im Kino ausgewertet. Regisseur Matt Drummond sammelte Erfahrungen als Visual-Effects-Artist verschiedener Saurier-Dokus (die seit Jurassic Park überall laufen) und setzt womöglich deshalb auf paläontologische Historizität. Die Dinos also erscheinen bunt, gefedert und vergleichsweise hübsch getrickst, die Geschichte über geologische Metamorphosen, magische Kristalle und zweckmäßige Zeitlöcher ist wiederum angemessen albern. Dem sympathischen Dilettantismus dieses Erstlings folgte dann eine Spielberg-Emulation der unangenehmen Art. In Drummonds Mein Freund, der Dino gerinnen Urzeit-Hype und Amblin-Touch zur Nostalgiehölle.

(Trailer zu Mein Freund, der Dino)

 

Gewissermaßen ist dieser Film das Stranger Things der neuen Saurierfilme. Drummond feiert die Rückkehr zum ursprünglichen Referenzvorbild mit einstellungsgenauen Zitaten von E.T. bis Unheimliche Begegnung der dritten Art, seine Dinos stampfen durch ein (australisches) Suburbia, in dem haufenweise altkluge Kinder wohnen. Solcher Pastiche mag ästhetisch weit entfernt sein von dreisten Mogelpackungen wie Jurassic Prey, einem Amateurvideo, das als Film verkauft statt auf YouTube gestellt wurde. Doch unansehnlich sind die Filme letztlich gleichermaßen. Mit der durchgeknallten Exploitation einstiger Saurier-Schnellschüsse haben weder streberhafte Nachstellungen noch liebloser Dilettantismus etwas zu tun.

Ausgerechnet The Asylum, das Studio hinter ironisch verkleideten Filmen wie Sharknado, beweist Mut zum Wahnsinn. Im Mittelpunkt des ziemlich unfassbaren Jurassic School steht abermals ein nerdiger Junge (für den Spielberg-Touch scheinbar unentbehrlich), dessen Dino-Kreation unerwünschte Aufmerksamkeit erregt. Unfassbar ist zum einen die Darstellung des kleinen Vogelbeckensauriers (kein animatronisches Modell, sondern eine bedeppert dreinschauende Handpuppe mit gelegentlich computergenerierter Vollansicht), zum anderen die Art, wie die Figuren mit der Schöpfung umgehen (die Schwester des Jungen macht Selfies und möchte dem Saurier die Nägel lackieren). In seinen besten Momenten erinnert Jurassic School somit tatsächlich an selige Corman-Zeiten.

(Trailer zu Jurassic World)

 

Zwischen Jurassic Park und Jurassic World lagen über 20 Jahre, in denen die tricktechnischen Errungenschaften des 1993er-Films sowohl weiterentwickelt als auch profan gemacht wurden. Photorealistische Leinwandsaurier sind seither eine Konstante des amerikanischen Blockbuster-Kinos: Von Peter Jacksons King Kong bis Roland Emmerichs 10.000 BC, vom lebendenden Dino-Skelett aus Nachts im Museum bis zu den Robotersauriern der letzten Transformers-Teile hat sich Spielberg darin eingeprägt. Filme wie Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (2008) oder Die fast vergessene Welt (2009) betonen, dass der bedrohliche erste Auftritt des T-Rex im Jurassic Park nicht wiederhol-, sondern allenfalls komödiantisch variierbar ist.

Vielleicht war Steven Spielbergs Film deshalb Urknall und Schlusspunkt in einem. Vom Dino-Park erzählen und selbst zum Dino-Park werden – diesem Kunststück der Selbstvermarktung und Selbstreflexion konnte eigentlich nur die Normalisierung der Saurier auf großen wie kleinen Bildschirmen folgen. An ewig staunende Kinderaugen glaubt Spielberg jedenfalls schon lange nicht mehr. Im popkulturellen Totalitarismus von Ready Player One inszenierte er die eigene Schöpfung als Sensation am Wegesrand: Auch in Spielbergs Augen ist der vor 65 Millionen Jahren die Welt und kurzzeitig auch das Kino beherrschende T-Rex nur noch eine Attraktion von vielen.

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