Kolumnen: Macht und Ohnmacht des Dokumentarfilms

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Kolumnen

Ein Beitrag von Simon Hauck

Der Dokumentarfilm ist tot – es lebe der Dokumentarfilm! Worüber bisher nur in Branchenkreisen offen debattiert wurde, erreichte in diesem Jahr auch zunehmend die Öffentlichkeit. Zeit für einen kurzen Diskurs zur Kraft des Dokumentarischen – und eine ganz persönliche Rückschau auf die diesjährigen Glanzlichter des Genres.

Miss Kiet's Children von Peter Lataster
Miss Kiet's Children von Peter Lataster

Das (Kino-)Jahr 2017 neigt sich stetig dem Ende zu: Höchste Zeit also für eine kleine Rückschau auf die persönlichen Filmmomente des Jahres. Was blieb wirklich hängen aus all den Festivalprogrammen, Pressevorführungen, Programmersichtungen und Abschlussfilmen, deren Inhalte zigfach durch meinen Kopf wie durch meine Tastatur gingen? 

Miss Kiet`s Children lautet mein Film des Jahres: Was — den kennen Sie gar nicht? Oder wie ist es mit Untitled - Der Film ohne Namen, der mich bei der Premiere im Rahmen der Berlinale und lange darüber hinaus extrem beschäftigt hatte: Sagt Ihnen der vielleicht etwas? Oder haben Sie schon von Deportation Class, Machines und Nowhere To Hide gehört? Auch nicht — wie schade! Eventuell haben Sie ja irgendwo etwas zu Seeing Voices, Die Temperatur des Willens oder In den letzten Tagen der Stadt lesen können, was sehr schön wäre, falls nicht aber auch nicht sonderlich überrascht, sondern bezeichnend. 

 

Denn all diese Filmperlen sind hoch ambitionierte, formal brillant gestaltete und obendrein eindeutig politisch intendierte Dokumentarfilme! Und diese lassen sich leider oft nur im Umfeld (inter-)nationaler Filmfestivals und je nach Wohnort bei kleineren Special Events innerhalb der örtlichen Kinolandschaft aufspüren — oder besser gesagt: erhaschen. 

Auch die Tagespresse übergeht sie leider vielfach mit einiger Vehemenz, im öffentlich-rechtlichen Fernsehmonstrum — egal ob bei ARTE, in der ARD oder auf einem der weiterhin wirr bespielten Digitalkanäle — findet diese Art des Kinos erst zur Geisterstunde oder in reichlich lieblos zusammengekürzten TV-Fassungen statt. „Aus Angst, den Zuschauer zu überfordern oder ihm gar eine analytische Eigenleistung abzuverlangen“, raunt es da häufig — und außerordentlich zynisch im Sprachduktus — aus zahlreichen Redaktions- wie Förderinstitutionsstuben, was ich — gelinde gesagt — zum Kotzen finde! 

Und wie schlägt sich der künstlerische Dokumentarfilm demgegenüber an der Kinokasse? Dort existiert er — jetzt wird es hart für viele Filmemacher, die hier mitlesen — de facto überhaupt nicht: So gering (meist nur im niedrigen drei- bis vierstelligen Bereich) sind in der Regel die Einspielergebnisse an den deutschen Kinokassen (im Gegensatz etwa zum spannenden Kinomarkt in Österreich oder der Schweiz, wo traditionell deutlich mehr Dokumentarfilme gesehen und mitunter auch viel prominenter ausgestrahlt werden). 

Tja, die deutsche Kino- und Medienlandschaft auf der einen und der ambitionierte Dokumentarfilm auf der anderen Seite: Das beißt sich offensichtlich (immer mal wieder) — und wird im Jahr 2017 erstmals auch in einer breiteren Öffentlichkeitsdebatte sichtbar. Denn trotz immenser Zuschauerzahlen beispielsweise auf den bedeutendsten Dokumentarfilmfestivals der Welt und vielerlei Sonntagsreden aus dem Munde der mitverantwortlichen Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters, in denen unentwegt Aufbrüche verkündet und sogar neue Förder- und Auswertungsmodelle ins Spiel gebracht werden, haben in diesem Sommer zwölf renommierte Dokumentarfilmer während des erstmaligen SWR-Dokumentarfilmfestivals auf den Putz gehauen: Unerhört laut — und ungemein wichtig. Sie haben bei der Stuttgarter Verleihung des neuen „Deutschen Dokumentarfilmpreises“ den offiziellen Rahmen in einer beispiellosen Aktion dafür genutzt, öffentlich auf die miserablen Arbeitsbedingungen innerhalb der eigenen Fachbranche hinzuweisen, in der Autoren und Regisseure vielfach deutlich weniger als ihre parallel beschäftigten Kamera- und Tonleute verdienen und pro Projekt durchschnittlich über 400 Arbeitstage investieren (müssen). 

Völlig zurecht verwiesen diese engagierten — und im privaten Umgang nicht selten äußerst leisen — Filmemacher wie Andres Veiel oder Stefan Eberlein auf einen nicht mehr hinzunehmenden Status quo, der augenblicklich die gesamte Branche ins Wanken bringt und im selben Moment der jahrelang rasanten, vielfach sehr positiven Entwicklung dieses absolut solitären Filmgenres eine weitere, wesentliche Paradoxie hinzufügt. 

Der künstlerische Dokumentarfilm steht in Deutschland am Scheideweg, auch das ist eine grundlegende, ziemlich bittere Erkenntnis als Filmkritiker, wenn man im Geiste noch einmal das ganze Kinojahr Revue passieren lässt. Erdacht und kreiert haben ihn eine Reihe wunderbar artistisch veranlagter Filmemacher, die ihren eigenen Kunstanspruch niemals leugnen würden und doch im selben Moment außerhalb der üblichen Preisverleihungen und Branchentreffs eben nur äußerst selten eine größere Aufmerksamkeit für die Früchte ihrer Arbeit erfahren. 

Aber daran lässt sich etwas ändern, schon beim nächsten Kinobesuch: Wie wäre es jetzt zum Beispiel mit einem Ticket für Miss Kiet`s Children anstatt der üblichen Star-Wars-Sülze? Diese Art des Filmemachens überzeugt durch narratives Fingerspitzengefühl, solide Recherche, bezaubernde Protagonisten und anrührend-atmosphärische Bilder, die sich einbrennen. Jenes Wahrhaftigkeitskino ist geradezu ein Bollwerk gegen populistische Menschenhetzer oder „alternative Fakten“, ein funkelnder Diamant im täglichen Kampf um Meinungen, Reichweite und Aufmerksamkeit. Oder kurzum, ich versprech’s: Dadurch versteht man diese komplex gewordene Welt ein Stück weit besser, was in diesen besonders unruhigen Zeiten nicht die schlechteste Alternative ist. 

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