Kolumnen: Langsame Filme für schnelle Kinder

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rochus Wolff

Neulich haben wir „Rasmus und der Vagabund“ angesehen, die Astrid-Lindgren-Verfilmung von 1981, auf drei Tage verteilt, weil sich die doch sehr langen 90-Minuten-Filme nicht so richtig in einen Familienalltag einfügen wollen, in dem Platz sein soll für Schule, Bewegung, Nahrungsaufnahme und genug Schlaf.

Charlie Chaplin
Charlie Chaplin

Der Film lässt das gut mit sich machen, die Handlung schreitet gemächlich voran, nur im letzten Drittel darf man nicht unterbrechen, da wird es dann einfach zu spannend.

In solchen Momenten (Erwachsene merken das zwanglos am Erzähltempo etwa eines Billy-Wilder-Films) wird mir erst wieder richtig bewusst, mit welchen Schlagfolgen und Rhythmen aktuelle Filme — gerade auch Kinderfilme (vom Fernsehen zu schweigen) heute agieren. Das ist, wenn’s gut eingesetzt wird, gar kein schlechteres, aber es ist eben ein anderes Erzählen, das dem Tempo der Ereignisse meist auch ein entsprechendes Tempo der Bilder beifügt und das dann oft genug zu actionreichen Abenteuerstories verbindet.

Aber es müssen eben nicht alle Geschichten so erzählt werden — und vielleicht ist es mir deshalb so wichtig, dass die Kinder auch ältere und ganz alte Filme zu sehen bekommen. Ein bestimmtes Kino im Filmparadies Paris richtet am ersten Sonntag jedes Monats speziell für Kinder eine sogenannte „Pochette surprise“ aus, was man lose als „Überraschungstäschchen“ übersetzen kann, vor allem aber eine Wundertüte ist — denn die jungen Zuschauer_innen bekommen dort eine gute Stunde lang alte, zum Teil sehr alte Kurzfilme vorgesetzt. Nur selten ist einmal ein Farb- oder auch nur Tonfilm dabei, weshalb die Veranstaltung von einem Musiker live begleitet wird.“

Und das ist dann Kino: Vorne stolpert Charlie Chaplin in einen Teich, und ein ganzer Saal von Kindern, allesamt Gewächse des 21. Jahrhunderts, brüllt vor Lachen. Sie schauen atemlos den Spezialeffekten zu, die der Filmpionier George Méliès schon 1900 auf die Leinwand zu bringen verstand (der Mann hatte schließlich vorher als Zauberkünstler gearbeitet). Und natürlich sind sie von den ersten Zeichentrickfilmen nicht weniger hingerissen als von einem taufrischen Anime.

Wie gute Bücher, so altern auch gute Filme nicht wirklich. Sie mögen an Patina gewinnen, was die Bilder an Kratzern dazu gewannen (damals, als man noch mit Film arbeitete), aber ihre Geschichten sind zeitlos — so sehr sie immer auch den Stempel ihrer Zeit tragen. Aber das ist auch eine großartige Sache, denn wo sonst könnte ein Kind von heute zwanglos lernen, dass es früher kabelgebundene Telefone mit Wählscheibe gab? Oder noch früher sogar Apparate, bei denen man gar nicht wählen konnte?

Schöne alte Filme sind wie lehrreiche Museen — und idealerweise dabei noch brüllend komisch. Was anschließend dann alles an Fragen aufkommt! Stundenlang kann man anschließend über Geschichte reden, über Traditionen, Technik und Wandel, über alte Autos, Dampflokomotiven und die komischen Klamotten. Man kann mit den frühen Stummfilmen anfangen, Laurel & Hardy auferstehen lassen (aber, bitte, bitte! sie niemals, niemals „Dick und Doof“ nennen), sich das Berlin der späten 1920er/frühen 1930er Jahre in Emil und die Detektive betrachten oder Kinderkonflikte in der französischen Pampa im Krieg der Knöpfe.

Ausschnitt aus Krieg der Knöpfe

 

Zugleich bieten aber alte Filme in Schwarzweiß — zumal wenn man sie zuhause am Fernseher sieht und nicht im zwar besseren, aber eben auch intensiveren Erlebnisraum Kino — auch die Möglichkeit, ein wenig mehr Distanz zu halten zum Geschehen, und damit vielleicht eine elegante Tür in Gebiete, die ein Kind vielleicht noch nicht betreten mag.

So etwa — das Thema hatten wir hier schon einmal — hin zum Horror- oder wenigstens Gruselfilm. Natürlich sind da die großen Universal-Monsterklassiker von Frankenstein bis hin zu Die Mumie für jüngere Kinder noch immer starker Tobak, aber es gibt ja versteckte Perlen wie die wunderbare Parodie Dr. Pyckle and Mr. Pryde mit Stan Laurel (diesmal ohne Oliver Hardy) in der Titelrolle — schwarzweiße einundzwanzig Minuten Stummfilm, gerade gruselig genug, um Achtjährige spüren zu lassen, wie schön es sein kann, wenn man nur ein kleines bisschen Angst hat.

Und dann am besten einen wirklich ausgelassenen Chaplin hinterher, bevor es ins Bett geht.

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