Kolumnen: Kreativität ist Arbeit

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Kolumnen

Ein Beitrag von Alexander Matzkeit

Wenn auf der Leinwand gezeigt werden soll, dass Musikerinnen oder ihre Werke etwas Besonderes sind, greift Hollywood auf die immer gleiche, langweilige Formel zurück. Dabei kann Kreativität so schön sein, wenn man ihr Raum gibt.

Bohemian Rhapsody
Bohemian Rhapsody

Zu großen Hits gehören große Anekdoten. Die zu Bohemian Rhapsody lautet: Um den operatischen Teil in der Mitte des Songs zu perfektionieren, nahmen die Mitglieder von Queen ihre eigenen Stimmen so oft übereinander auf, dass das Tonband am Ende durchsichtig war. So oft war es überschrieben worden.

Alle Elemente, die Bohemian Rhapsody enthält, waren bereits in vorausgehenden Queen-Songs aufgetaucht. Gefühlvolle Pianopassagen, singende Gitarrensolos, Anleihen aus der klassischen Musik, vielstimmiger Harmoniegesang, rockende Finale – diese Stilmittel gehörten spätestens mit dem Album Sheer Heart Attack (1974) zu den Queen-Markenzeichen. Bohemian Rhapsody verknüpft sie nur auf eine Art und Weise, die irgendwie lightning in a bottle einfing und das Lied zu einem gigantischen Hit werden ließ.

Wenn Menschen über Bohemian Rhapsody sprechen, erzählen sie dennoch vor allem die Geschichte mit den Overdubs. Auch im Film, der den Namen des Hits trägt. „Wie viel Tonband haben wir eigentlich noch?“, fragt Gitarrist Brian May, während Freddie Mercury seinen Schlagzeuger Roger Taylor anweist, immer noch ein „Galileo“ einzusingen. „Höher!“, ruft Freddie, „Mehr! Ich liebe es!“ Als Publikum bekommen wir klar signalisiert: Erst durch solche Gesangssuperlative wurde dieser Song so verdammt gut.

 

Bester Film = Meister Film

Das passt zu Hollywood. Nicht umsonst wird dort jedes Jahr aufs Neue der Scherz wahr, dass man für eine erfolgreiche Vorhersage der Academy Awards das Wort „Beste“, etwa in „Beste Schauspielleistung“ oder „Beste Kameraarbeit“, einfach nur durch „Meiste“ ersetzen muss. Subtilität wird im amerikanischen Kino selten ausgezeichnet. Man muss die Arbeit schon sehen können, etwa bei Hauptdarsteller Rami Malek, der für seine Mercury-Mimikry voller großer Gesten und falscher Zähne dieses Jahr den Oscar mit nach Hause nehmen durfte.

 

Es passt aber auch zu dem generellen Problem, dass es sehr schwierig ist, kreative musikalische Qualität und den Weg dorthin auf der Leinwand adäquat abzubilden. Wie, außer mit Mercurys manischer Energie im Studio, hätte man ausdrücken sollen, was Bohemian Rhapsody besonders macht? Vor allem, wenn man als System gleichzeitig davon besessen ist, kreativen Erfolg vor allem als die Geschichte einzelner Genies zu erzählen.

Der Kritiker Patrick H. Willems hat vor kurzem in einem Videoessay gezeigt, wie formelhaft und kaputt Musikbiografie-Filme geworden sind. Fast alle beginnen sie mit dem Moment vor einem ikonischen Auftritt und springen dann zurück zu einem wichtigen, oft traumatischen Ereignis in der Kindheit der Protagonist*innen. Es folgen die Momente, in denen die Hauptfigur als Musiker*in entdeckt wird, als Performer*in erfolgreich ist, das erste Album aufnimmt, auf Tour geht, Drogen- oder andere Probleme bekommt, abstürzt und schließlich rehabilitiert wird.

 

Mit einer Idee die Musikgeschichte verändern

Für die Darstellung von Kreativität ist in dieser Formel kein Platz, mit einer Ausnahme. Fast immer wird das künstlerische Genie des zentralen Charakters in einer einzigen Szene auf den Punkt gebracht, in der er oder sie eine riskante kreative Entscheidung trifft, die anschließend als Innovation in die Musikgeschichte eingeht. Mal wird ein Instrument auf ungewöhnliche Weise gespielt, mal eine ungeschriebene Performance-Regel gebrochen. Manchmal werden so viele Overdubs aufgenommen, dass das Tonband dünn wird.

Wer Kreativität auf solche Aha-Momente reduziert, vergeht sich an ihr. Jeder, der schon einmal etwas Kreatives geschaffen hat, weiß, dass die Realität anders aussieht. Sie besteht oft aus langem Herumprobieren und häufigem Scheitern, aus dem sich mit der Zeit Ideen herausschälen, die alle Beteiligten für gut befinden. Diesen Prozess in Echtzeit zu begleiten, kann für echte Nerds interessant sein, aber es ist nicht unbedingt besonders kinodramatisch. Die Szenen in Jean-Luc Godards Eins plus eins, in denen die Rolling Stones an Sympathy for the Devil basteln, sind in der historischen Rückschau spannend. Aber würden wir sie in einem klassischen dramatischen Film sehen wollen?

 

Noch häufiger sind große Teile des kreativen Prozesses komplett unsichtbar. Zur Illustration: Im Podcast Song Exploder haben bereits über 150 Musikerinnen und Musiker erzählt, wie ihre Songs entstanden sind. Nur wenige sind überhaupt in der Lage zu reflektieren und zu beschreiben, wie der kreative Pfad eines Liedes über eine reine Abfolge von Aufnahmeschritten hinaus aussah. Kunst zu schaffen ist für viele Menschen ein rein intuitiver Vorgang, der sich schlecht beschreiben lässt. Man tut einfach, was einem im gegebenen Moment als richtig erscheint.

 

Wie es auch geht

Es ist dennoch möglich, das Besondere an musikalischen Werken dramatisch auf der Leinwand zu erforschen – sogar in Hollywood. Willems nennt in seinem Essay das Beispiel Love & Mercy über Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson. Ein Teil des Films, der auf zwei Zeitebenen spielt, zeigt den Entstehungsprozess des ikonischen Beach-Boys-Albums Pet Sounds von 1966. Wie Willems beschreibt, nimmt sich der Film schlicht die Zeit, die Arbeit zu zeigen, die in das Album investiert wurde, und lässt Wilson, gespielt von Paul Dano, darüber sprechen, welche Gedanken ihm im Kopf herumschwirren, und warum es so anstrengend ist, sie in Musik zu verfestigen.

 

Eine zweite Möglichkeit ist es, andere Charaktere die Besonderheit des Kunstwerks plastisch beschreiben zu lassen, während das Publikum es wahrnimmt. Als prototypisch kann hier die Szene aus Amadeus gelten, in der Regisseur Milos Forman meisterhaft drei Ebenen miteinander verknüpft. Der junge Komponist Antonio Salieri steht vor einem Blatt mit Mozarts Musik. Auf seinem Gesicht ist zu lesen, dass er das Notenbild in seinem Kopf hört. Auf der Tonspur hören wir als Zuschauer die Komposition.

Zusätzlich kommentiert der alte Salieri, der den Film viele Jahre nach Mozarts Tod erzählt, was ihm beim Hören der Musik durch den Kopf ging. Wie die Serenade beinahe banal beginnt, sich dann aber zu einem wunderschönen Gesamtgefühl verdichtet. Wir müssen uns diesem Urteil nicht anschließen, aber zumindest bekommen wir eine Meinung vermittelt, die über eine reine Zurschaustellung von Leistung hinausgeht. Über Mozarts Tendenz, „zu viele Noten“ zu verwenden, macht sich der Film später sogar gutmütig lustig.

 

Im Kopf der Kreativen

Die dritte Taktik gibt sich nicht damit zufrieden, nur zu zeigen, was die Protagonist*innen tun, sondern versucht, das Publikum direkt in ihre Köpfe zu verpflanzen. So lassen sich auch Prozesse auf der Leinwand abbilden, die unbewusst und intuitiv ablaufen. Das Ergebnis ist freilich reine Spekulation des Drehbuchs und daher bei „So ist es passiert“-Filmen über reale Personen selten gesehen, aber es bleibt die Lösung, die das Medium am besten nutzt. Ein gutes musikalisches Beispiel findet sich in Can a Song Save Your Life?. Mark Ruffalo spielt einen Produzenten, der eines Abends eine Sängerin (Keira Knightley) nur mit Gitarre in einer Bar singen hört. 

Aus Ruffalos Perspektive zeigt der Film, wie zunächst das Piano, dann andere herumstehende Instrumente wie von Geisterhand gespielt in den Song einsteigen, bis das Arrangement perfekt ist. Ruffalos Charakter scheint einer jener Typen zu sein, bei denen die kreative Arbeit vor allem im Kopf stattfindet und früh eine fertige Vision formt, die dann „nur noch“ umgesetzt werden muss. Hätte der Film vor allem die Umsetzung gezeigt, wäre das viel langweiliger gewesen, als die Zuschauer an dem Moment teilhaben zu lassen, in dem die Neuronen zu feuern beginnen. Auf die Spitze getrieben hat dieses Stilmittel wahrscheinlich die Serie Sherlock, die sich regelmäßig in Kopf und „Gedächtnispalast“ ihres Protagonisten begibt. Auch Brian May hat berichtet, dass Bohemian Rhapsody bereits voll ausgestaltet in Freddie Mercurys Kopf existierte, als die Aufnahmen begannen.

 

Allen drei Filmbeispielen, Love & Mercy, Amadeus und Can a Song Save Your Life, ist gemein, dass sie sich trauen, der Musik, von der sie erzählen, den Raum zu geben, den sie verdient. Sie sprechen diese Musik und den Geist, der sie entstehen lässt, direkt an, statt nur Anekdoten zu erzählen, die sich um ihre Entstehung ranken. Damit muten sie dem Publikum zu, selbst zu aktiven Rezipienten zu werden und das Geniale, das Besondere, selbst zu entdecken – vielleicht, wie bei Amadeus, mit einem kleinen Wegweiser im Handgepäck.

 

Die Behauptung von Genie

Wer kreative Leistung wertschätzen will, muss die Gelegenheit haben, diese Leistung zu erleben. Eine reine Behauptung von Genie ohne Beweis ist schwierig. Das gilt nicht nur für Musik. Wenn etwa in Die Frau des Nobelpreisträgers immer wieder Charaktere beschreiben, wie bahnbrechend die Bücher des von Jonathan Pryce gespielten Schriftstellers sind, ohne dass man als Zuschauer*in einen echten Eindruck von den (fiktiven) Werken und den Schreibprozessen dahinter bekommt, bleibt ein schaler Geschmack zurück.

 

Dass es anders geht, auch bei fiktiven Personen, zeigt zum Beispiel ein Film wie Once. Die musikalische Liebesgeschichte eines irischen Straßenmusikers und einer tschechischen Blumenverkäuferin spielt jeden seiner Songs aus, teilweise mehrfach. Natürlich werden auch hier kreative Prozesse verkürzt, nicht jede Sackgasse bis zum Ende verfolgt, aber die Rezipient*innen des Films bekommen die Gelegenheit, gemeinsam mit den Protagonist*innen in der Musik aufzugehen, die sie produzieren. Niemand muss sich auf eine Behauptung verlassen, dass das Ergebnis schon irgendwie genial ist, weil irgendjemand eine irre Idee hatte. 

Erstaunlicherweise hat diese minimalistische Herangehensweise, die Musik für sich sprechen zu lassen, sogar in Hollywood funktioniert. Falling Slowly, der wichtigste Song des Films, gewann 2007 einen Oscar.

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