Kolumnen: Ich schäme mich nicht – Über Krankheit & das Rampenlicht

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Kolumnen

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Stars des Showgeschäfts dienen den Medien als leichtes Schlagzeilenfutter. Inzwischen erobern sie sich die Deutungshoheit über ihre Geschichten jedoch oftmals zurück – etwa indem sie offen über ihre Krankheiten sprechen. Damit tragen sie auch dazu bei, dass diese weniger tabuisiert und stigmatisiert werden

Lena Dunham / Shannen Doherty / Selma Blair
Lena Dunham / Shannen Doherty / Selma Blair

Ich möchte diesen Text persönlich beginnen. Und zwar mit Shannen Doherty. Sie ist wohl nicht der größte Star, über den ich hier schreiben werde. Aber sie war und ist einer meiner größten Stars – und in ihrer Krankheitsgeschichte finde ich einiges von meiner eigenen. Dass mir Shannen so viel bedeutet, liegt vor allem an der Teenagerserie „Beverly Hills, 90210“, in der sie zwischen 1990 und 1994 die anfangs 16-jährige Brenda Walsh verkörperte. Was habe ich diese Serie damals geliebt! Und was habe ich insbesondere für Shannen beziehungsweise für Brenda geschwärmt! Die Erlebnisse einer jugendlichen Clique – und vor allem die Liebesdramen, in die Brenda stets verwickelt war – waren für mich nicht zuletzt deshalb so reizvoll, weil ich sie nach einem Lebensabschnitt sah, der von Krankheit, Schmerzen, Übelkeit, Ekel und Angst geprägt war: Ich hatte ein Lymphom, zwei OPs und eine Chemotherapie hinter mir.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, ob mir damals, im Alter von sechs bis sieben Jahren, klar war, dass ich an dieser Krankheit hätte sterben können. Aber ich weiß noch allzu genau, wie sehr ich es währenddessen gehasst habe, Dinge zu verpassen, weil es mir einfach zu schlecht ging. Irgendwann ging es mir dann – zum Glück – wieder besser. Und das war zugleich in etwa die Zeit, in der ich Beverly Hills, 90210 auf RTL für mich entdeckte. Auch wenn ich das erst deutlich später mit weitem Abstand begriffen habe: Diese Serie mit all ihren emotionalen Brenda-Dramen stand für mich für ein aufregendes, schönes Leben, von dem ich nun wieder hoffen konnte, es selbst führen zu können. Freundschaften schließen, sich verlieben, erste Male erleben, Spaß haben, mit persönlichen Herausforderungen konfrontiert werden – das verbinde ich tatsächlich bis heute irgendwie mit Beverly Hills, 90210 und mit Shannen Doherty.

 

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Shannen Doherty (r.) in „Beverly Hills, 90210“; Copyright: Fox Television Network

 

Als ich im Jahr 2015 las, dass Doherty an Brustkrebs erkrankt ist, habe ich diese Nachricht zunächst völlig beiseite geschoben, weil das für mich zwei Dinge waren, die ich gedanklich überhaupt nicht vereinbaren konnte und wollte. Möglich war mir dieses Beiseiteschieben wohl vor allem deshalb, weil ich die Nachricht in Form einer knappen Agenturmeldung (übernommen von der FAZ) erfuhr, die wiederum ganz dem Narrativ entsprach, das seit jeher herangezogen wurde, um über Doherty zu berichten. Bereits im zweiten Satz, direkt nach der Information, dass sie Krebs hat, erfährt man in der Meldung, dass Doherty nun ihr eigenes Management verklagt, weil es an der Erkrankung eine Mitschuld tragen solle. Auch im restlichen Beitrag stehen Dohertys Vorwürfe gegen eine Firma, die früher ihre Geschäfte regelte, im Zentrum. Das passte in das Bild, das von den Medien schon in den 1990er und 2000er Jahren unermüdlich von der Schauspielerin gezeichnet wurde: Doherty galt als schwierig, als Verursacherin von Konflikten, die sowohl das Set von Beverly Hills, 90210 als auch von ihrem anschließenden Serien-Hit Charmed nach vier beziehungsweise drei Staffeln im Streit verlassen haben soll.

 

Das Trauma in Worte fassen

Erst einige Jahre danach erfuhr ich, dass Doherty bereits nach Bekanntwerden ihrer Erkrankung – und als es später zwischenzeitlich zur Bildung von Metastasen sowie dann erfreulicherweise zum (vorläufigen) Abklingen kam – sehr offen und selbstbestimmt damit umgegangen war. Auf ihrem Instagram-Account hatte sie ungeschönte Bilder, die ihren Kampf gegen den Krebs einfingen, geteilt. „My life and journey told thru the art of photos. It’s not all pretty, but it’s mine“, ist dort bis heute zu lesen. Und sie hatte in Interviews ausführlich über ihre persönlichen Erfahrungen gesprochen – über die Behandlungen, die Chemotherapie und eine Mastektomie, über traumatische Momente und über die Ungewissheit, die bei allem das Schlimmste sei. Der große Unterschied zur früheren Berichterstattung über Doherty war, dass die Schauspielerin die Kontrolle darüber hatte: it’s mine!

Ich wiederum wurde erst 2019 wieder so richtig mit dem Thema konfrontiert, als ich ein langes Interview mit Doherty in der Wochenzeitschrift People las. Sie schildert darin unter anderem, wie sie immer noch lernen müsse, ihren Körper zu akzeptieren: Das Seltsame an Krebs sei, dass die Leute denken, es gehe dir gut, sobald du keine Chemo oder Bestrahlung mehr hast. Was sie indes nicht erkennen würden, sei, dass dein Körper etwas so unglaublich Schwieriges durchgemacht hat, dass er sich nie gänzlich erhole. Gewiss haben schon andere Personen Ähnliches über Krebs und über ihre eigenen Erlebnisse damit geäußert – aber mich persönlich hat kaum je eine Aussage darüber mehr erreicht als diese. Weil sie so schonungslos ist – und leider auch so treffend.

Erst vor wenigen Tagen, Anfang Februar 2020, hat Doherty in einem TV-Interview verkündet, dass ihr Krebs zurück ist; die Diagnose habe sie schon vor circa einem Jahr erhalten. Und abermals sei ihr daran gelegen, selbst zu entscheiden, was und wie berichtet wird: „I’d rather people hear it from me“, erklärt sie. Sie wolle nicht, dass ihre Geschichte verdreht wird. Und sie sagt – um zu erklären, weshalb sie im vergangenen Jahr weitergearbeitet und etwa am Reboot von Beverly Hills, 90210 teilgenommen hat – einen großartigen Satz, der einer Erkrankung (egal, wie schwerwiegend sie ist) kurzerhand das Stigma raubt: „Our life doesn’t end the minute we get that diagnosis – we still have some living to do.“

 

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Shannen Doherty (r.) in „BH90210“; Copyright: Fox Television Network

 

Ebenfalls tief beeindruckt hat mich das Verhalten von Girls-Schöpferin Lena Dunham, als im November 2019 Paparazzi-Fotos von ihr auftauchten, die zeigten, wie die 1986 geborene Autorin, Regisseurin, Produzentin und Schauspielerin am Stock geht. Dunham teilte eines der Fotos via Instagram – und schrieb empowernde Worte über ihren gesundheitlichen Zustand: Sie könne sich für die Paparazzi-Bilder schämen – denn das sei vermutlich der Grund, warum jemand diese Bilder überhaupt erst veröffentlicht hat; aber das tue sie nicht. Auch werde sie nicht lügen und behaupten, es handle sich um einen Halloween-Look. Die Wahrheit sei vielmehr: „This is what life is like when I’m struggling most with chronic illness.“ Und sie erläutert: Bei einem Ehlers-Danlos-Schub brauche sie mehr als nur freundschaftliche Hilfe – „so thank you, sweet cane!“

 

Wir leben viele Leben

Dunham schildert, wie sie erst habe lernen müssen, mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom – einer Gruppe von genetischen Bindegewebserkrankungen – umzugehen, und wie sie sich jahrelang dagegen gewehrt habe, auf Hilfsmittel wie besagten Stock zurückzugreifen, um die Dinge nicht „weird“ erscheinen zu lassen. Überdies macht sie anderen Betroffenen Mut und lässt, ähnlich wie Doherty, erkennen, dass eine Teilnahme am Alltag durch eine Krankheit keineswegs ausgeschlossen ist. Eine Stunde, nachdem sie im Nachthemd und am Stock gehend abgelichtet wurde, sei sie schon in einem Meeting gewesen, um ihrem Job nachzugehen: „That’s the two-fold life of a woman with chronic illness; we still rock our dreams and goals and passions (and fashions) and we live many lives in one day.“

 

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Lena Dunham in „Girls“; Copyright: HBO

 

In der britischen Ausgabe des Lifestyle-Magazins Cosmopolitan, dessen Schwerpunkte laut Selbstdarstellung die Bereiche „Mode, Beauty, Liebe, Erfolg, Karriere und Trends“ sind, sprach Dunham im Januar 2020 über ihre Erfahrungen mit Krankheiten – und erreichte damit vermutlich (auch) ein Publikum, das sich auf anderem Wege vielleicht nicht mit diesen Themen auseinandergesetzt hätte.

 

Sehen und gesehen werden

Ein wichtiger Aspekt ist hierbei stets die Sichtbarkeit. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist deshalb auch die Art und Weise, wie die Schauspielerin Selma Blair (Jahrgang 1972, bekannt etwa aus den Filmen Eiskalte Engel, Natürlich blond! und Hellboy) auf dem Gesundheitsgipfel des Time-Magazins über ihre Erkrankung an Multipler Sklerose sprach – und wie sie im Allgemeinen mit dem Thema umgeht. Wie Dunham verbindet sie in ihren Aussagen radikale Ehrlichkeit mit Zuversicht – und macht uns allen deutlich, dass es dabei keinen Grund für Scham gibt.

 

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Selma Blair in „Hellboy 2 – Die goldene Armee“; Copyright: Universal Studios

 

In diese Richtung gehen auch die Schilderungen des britischen Schauspielers Christopher Eccleston (Doctor Who) – in diesem Fall in Bezug auf psychische Erkrankungen. Viele Male habe er offenbaren wollen, dass er an Essstörungen leidet und mit Dysmorphophobie (Missgestaltsfurcht) zu kämpfen hat; er habe sich allerdings lange Zeit nicht getraut: „I always thought of it as a filthy secret, because I’m northern, because I’m male and because I’m working class.“ Der offene Umgang mit physischen und psychischen Erkrankungen kann Klischees und Irrtümer beseitigen, vermag womöglich gar Leben zu retten. Er bietet öffentlichen Personen die Möglichkeit, ihre Geschichte(n) selbst zu schreiben. Und er verdient den größten Respekt.

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