Kolumnen: Größe spielt eine Rolle

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Kolumnen

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Aufregung über die Nominierungen und Forderungen nach einer epischen Show prägen den diesjährigen Countdown zu den Oscars. Es ist schlichtweg zu einfach, der Preisverleihung jegliche Relevanz abzusprechen, findet unsere Kolumnistin Sonja Hartl.

Melissa McCarthy in Can You Ever Forgive Me?
Melissa McCarthy in Can You Ever Forgive Me?

Es wäre unfassbar einfach zu sagen, die Oscars hätten keine Bedeutung. Aber ob wir es in unserer kleinen cinephilen, filmkritischen, arthousigen Blase wahrhaben wollen oder nicht: Vielleicht haben sie für uns keine Bedeutung, die vielen anderen Menschen da draußen, die hin und wieder ins Kino gehen, nehmen sie aber als das wahr, was die Oscars seit Jahrzehnten von sich selbst behaupten: als wichtigsten Filmpreis der Welt. Und sie sind die Mehrheit, sie sind es, die durch die Oscarverleihung auf Filme aufmerksam werden, die die Oscarverleihung und die dort nominierten Filme und Filmschaffenden als die Filmindustrie sehen.

Deshalb geht es auch nicht darum, dass die Oscars als besonders „woke“ gelten müssen; es geht nicht darum, dass die Filme, die ausgezeichnet werden, tatsächlich die „besten“ des vergangenen Jahres sind – das waren sie doch noch nie. Es geht vielmehr darum, dass eine Verleihung, die sich gerne als progressiv feiert, die glaubt, sie repräsentiere eine liberale, fortschrittliche Industrie, immer auch zeigt, was in der Gesellschaft möglich ist. Tatsächlich gibt es dafür Indizien: Als 2006 Crash und nicht Brokeback Mountain den Oscar als bester Film erhielt, deutete sich an, dass schwule Cowboys wohl doch ein wenig zu viel waren. Und als elf Jahre später Moonlight doch gegen La La Land gewann, zeigte sich, dass nun mehr geht. 

 

Deshalb lässt sich an den diesjährigen Nominierungen so manches ablesen: Vor allem dank des guten Abschneidens von Roma sind sie diverser als in vergangenen Jahren. Black Panther ist nominiert – und damit hat letztlich auch die Academy anerkannt, dass an Superheldenfilmen mittlerweile kein Weg vorbeiführt. Hannah Beachler ist als erste Afro-Amerikanerin für die besten Kostüme nominiert. Schaue ich aber genauer hin, wird das Bild ernüchternd: Von den 20 Schauspielnominierungen sind lediglich vier an People of Color gegangen – und das riecht doch ein wenig nach Alibi. Weiterhin sehr gute Chancen auf eine Auszeichnung hat mit Green Book ein Film, in dem die Schwarze Nebenfigur dazu da ist, den Rassismus der weißen Hauptfigur zu überwinden. Erinnerungen an 1990 werden wach – das Jahr, in dem Driving Miss Daisy gewann und Do The Right Thing weder für beste Regie noch besten Film nominiert war. Aber hey, 29 Jahre später könnte Spike Lee tatsächlich einen Regie-Oscar erhalten. 

Weiterhin auf einen Regie-Oscar muss indes jede Regisseurin warten. Offenbar war es einer Mehrheit in der Academy nicht möglich, auch nur eine Frau zu finden, die in dieser Kategorie nominiert werden könnte. Es ist für mich unvorstellbar, wie man diese Filme und Regieleistungen von Frauen übersehen kann. Ein oscarnominiertes Beispiel? Bei Can You Ever Forgive Me? sind die Hauptdarstellerin, der Nebendarsteller und das Drehbuch nominiert. Aber Marielle Heller hatte vermutlich an dem Film keinen Anteil, sie hat ja nur Regie geführt. 

 

Also bleibt es dabei, dass in 91 Jahren fünf Frauen in der Regie-Kategorie nominiert wurden. Fünf. In 91 Jahren. Noch nie wurde eine Woman of Color nominiert. Aber ja, lasst uns stattdessen jammern, dass Bradley Cooper bei seinem Regiedebüt nicht berücksichtigt wurde. Es ist wirklich so schlimm, wenn ein privilegierter weißer Typ bei seinem allerersten Film „gesnubbt“ wird. Vielleicht hilft ihm Debra Granik, damit umzugehen – eine der wichtigsten Stimmen im amerikanischen Kino. Ihr aktueller Film Leave No Trace hat nach 209 Kritiken 100 Prozent bei Rotten Tomatoes, die ja in Hollywood gerne als Gradmesser genommen werden – und ist bisher noch komplett ohne Regie-Nominierung. Vielleicht sollte ich mich einfach damit zufriedengeben, dass die beiden Filme mit den meisten Nominierungen Geschichten von Frauen erzählen. Doch dahinter steckt nun einmal mehr als Befindlichkeiten oder Zufälligkeiten, dahinter steckt etwas Systemisches: Von den 15 Filmen, die es auf die Shortlist für den besten Dokumentarfilm geschafft haben, waren acht von Frauen (teilweise in Ko-Regie). Am Ende wurden zwei davon nominiert. 

 

Waren es also doch vorwiegend Lippenbekenntnisse, die gerade im Rahmen von #MeToo kamen? Wie kann es sein, dass ein Mann, dem wiederholt sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, nicht nur weiterhin arbeitet als sei nichts, sondern nun vielleicht einen Oscar erhält? Oh ja, all diese Karrieren, die von Vorwürfen zerstört werden! Vielleicht bin ich schlichtweg zu ungeduldig. Ich kann mir ja noch nicht einmal vorstellen, wie man If Beale Street Could Talk nicht für die beste Kamera nominieren kann, sofern man diesen Film gesehen hat. Vielleicht also gehen Veränderungen so langsam, vielleicht erkenne ich die winzigen Schritte nicht ausreichend an. Aber ich weiß, dass ich mich von der Müdigkeit, die ich immer wieder empfinde, nicht niederdrücken lasse. Oder um es mit Angela Davis zu sagen:

„You have to act as if it were possible to radically transform the world. And you have to do it all the time“. 

Aber dass die Oscars an Zaghaftigkeit leiden oder sogar an ihrer eigenen Abschaffung arbeiten, zeigt sich auch an den Änderungen, die dieses Jahr erwogen werden: Drei Stunden darf die Verleihung nur noch dauern, deshalb muss gekürzt werden. Immerhin wurde Abstand davon genommen, nur zwei der fünf nominierten Songs singen zu lassen, aber weiterhin wird diskutiert, dass die Preise in technischen Kategorien während Werbepausen verliehen werden. Beispielsweise der Oscar für die beste Kamera – denn wie wir ja alle wissen, ist deren Arbeit total unerheblich, wer braucht schon Bilder beim Film? Oder Spezialeffekte, Schnitt, Sounddesign? Offenbar haben die Verantwortlichen weder Ahnung noch Achtung vor den Menschen, die beim Film arbeiten, wenn sie ihnen noch diesen einen Moment im Rampenlicht nehmen. 

 

Hier ist es wie mit dem Nominierungen: so richtig traut man sich nicht. Vielleicht ist Los Angeles nicht mehr so weit weg wie in den 1990er Jahren, als ich in Hannover nachts wach blieb, um die Oscars zu schauen, aber es ist weiterhin ein nahezu mythisch aufgeladener Ort. Deshalb sollte die Show episch sein. Warum laufen die Trailer für Captain Marvel oder Avengers: Infinity War während des Super Bowl und nicht während der Verleihung? Warum gelingt es einer Sportveranstaltung, die Werbeblöcke zum Gesprächsthema zu machen, während bei einer Filmpreisverleihung darüber nachgedacht wird, Preise in Werbepausen zu verleihen? Was dort geschieht, wer dort geehrt wird, hat eine Wirkung. Als Oprah Winfrey 2018 den Cecil B. DeMille Preis bei den Golden Globes erhielt, begann sie ihre Dankesrede damit, wie es für sie war, die Auszeichnung von Sidney Poitier zu sehen. Sicherlich haben sich die Zeiten geändert, aber bei aller Kritik an den Oscars: Es gab und gibt sie, die Momente, die etwas bedeuten. Nicht für jeden, aber für viele Menschen. Und deshalb ist es zu einfach zu sagen, die Oscars spielten keine Rolle.

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