Getrocknete Pflaumen, oder die seltsame Welt der Filmkritiker und Nicht-Kritiker

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Das klingt immer schön berufen: Filmkritiker. Auf Partys ist man da ganz schnell im Gespräch, wenn es zur unvermeidlichen Frage nach der Beschäftigung kommt. Die Reaktionen fallen recht selten gemischt aus - meist folgt ein zwar begeistert intonierter, aber letztlich etwas mitleidig klingender Hinweis, dass man also den ganzen Tag Filme schauen dürfe und das auch noch vergütet bekomme.

Ist natürlich Quatsch, erst recht die darin mitschwingende Annahme, man könne von so etwas gut leben. Zu den Voraussetzungen von Filmkritik gehört das Filmeschauen, oder besser -sehen, aber zweifellos, obgleich in unglamourösen Kontexten. Die Sichtungsverhältnisse können trist sein, und der gelegentliche Zwang, etwas sehen zu müssen statt zu dürfen, stellt die cinephile Begeisterungsfähigkeit schon auch mal auf die Probe. Pressevorführungen, jene von Verleihern organisierten Termine, zu denen die filmkritische Meute einige Wochen vor Filmstart ins Kino gebeten wird, sind dabei von ganz besonders eigenartigem Charakter. Professionelles Filmesehen in einem Vakuum, interessant und scheußlich zugleich.

Meine erste Pressevorführung stand unter keinem guten Stern. Gezeigt wurde ein Film, der es schließlich gar nicht erst in die Kinos schaffen sollte, dieser Kannibalen-Quatsch mit Thomas Kretschmann als Rotenburg-Mörder. Sehr genau kann ich mich noch erinnern, dass die ersten Pressevorführungen, im praktischen Fachsprech PVs abgekürzt, mir von erhabener und entsprechend einschüchternder Qualität erschienen. Das müssen ja nun rundherum alles richtige Journalisten gewesen sein, die da im Kino saßen. Leute mit Ahnung, die ganz genau hinschauten. Bevor sie dann eilig, den Beginn des Abspanns selig erwartend, heraus- und in die Redaktionen stürzen, um Beiträge und Texte und sonst etwas zu produzieren. Ich kam mir da beinahe etwas verloren vor. Schon die Namensliste, in die man sich und das zuständige Medium einzutragen pflegt (oder mit deren Hilfe die vorherige Anmeldung überprüft wird), wirkte einschüchternd.

Vor den Pressebetreuern, die nach dem jeweils gezeigten Film mit kleinen Schreibblöcken in den Kinofoyers auf erste Rückmeldungen warteten, hatte ich zunächst sogar Angst. Musste man denen nun quasi zwangsaffirmativ Honig ums Maul schmieren, ganz egal, ob der Film, den sie vertreten, etwas taugte? Oder waren sie mürrische, unmittelbar im Vorbeigehen ausgeworfene Geschmacksurteile gewohnt? Viel wesentlicher aber beschäftigte mich die Frage, ob sich die unterschiedlich freundlichen "Pressetanten", wie sie die Kollegen in spe denkbar unschmeichelhaft nannten, überhaupt für die Meinung eines Internetschreibers interessieren würden. "Und, hat's denn gefallen? Ein paar kurze Stichpunkte, bitte." Ja, hm, schon etwas spekulativ, die ganze Aufmachung. Um nicht zu sagen doof. "Verstehe, und ihr Name war noch mal? Wen beliefern sie?" Website namens so und so. "Ah ja, alles klar, das notiere ich mir mal." Und schon unten durch.

Onlinekritik, das war damals tatsächlich noch einigermaßen Neuland, gegenüber der etablierten Print-Journaille vernachlässigenswert. Josef Schnelle, ehemaliger Vorsitzender des Verbandes für deutsche Filmkritik, schrieb seinerzeit einen grässlich stupiden Text über imaginierte Gefahren von Blogs, die den vermeintlichen Qualitätsjournalismus zerstörten. Er glaubte, im Internet einen Schuldigen gefunden zu haben für die Krise gedruckter Filmkritik und ihrer reihenweise entlassenen Verantwortlichen. Und tatsächlich war es nicht einfach, als Onlineautor (ungleich Blogger) überhaupt in die Verteiler der Agenturen und Pressevertreter zu gelangen, noch heute wird da fleißig vorsortiert. Die Kritikerelite, vorrangig für Texte auf Papier zuständig, darf Filme mitunter deutlich früher sehen, im kleinen Kreis. Verleiher sprechen dann von Pressevorführungen für sogenannte Langplaner, weil es bei Internetmagazinen angeblich nichts zu planen gäbe, man deren Autoren also auch ein, zwei Wochen vor Kinostart noch bedienen könne. Glücklicherweise hat sich da den letzten Jahren einiges verändert, Onlinemedien werden heute ebenso umgarnt. Manche der damaligen Druckerzeugnisse gibt es ja schließlich auch nicht einmal mehr.

Zurück zum PV-Zirkus. Mir war damals nicht bewusst, dass es eigentlich keinen Grund zur Ehrfurcht gab. Diese Atmosphäre des Bedeutsamen, von der ich mich anfangs überzeugt glaubte, verflüchtigte sich rasch. Eine gewisse Routine stellte sich bereits nach der dritten Vorstellung ein - im Schnitt besucht man, je nach Auftragslage, vielleicht eine Handvoll PVs in der Woche - und alsbald öffnete sich der Blick für Details. Wenn man da Monat für Monat mit den immer selben Gesichtern im Kino sitzt, ohne zu wissen, wer diese Menschen eigentlich sind, für wen sie arbeiten oder welche Geschichte sie zu erzählen haben, ist Kreativität gefragt. Irgendwie wollen die Minuten bis zum Filmbeginn gefüllt werden. Und es ist nicht so, dass diese schneller als gedacht vertraut wirkenden Erscheinungen nicht mitunter von hohem Unterhaltungswert wären. Allein diese Gespräche, links, rechts, vorn und hinten. "Warst du heute Morgen auch in dem dänischen Film? Ich habe mich tödlichst gelangweilt. Weiß gar nicht, worum es da überhaupt ging."

Leider habe ich die Zeit, in der Berliner Pressevorführungen noch mit Schnittchenbuffet organisiert worden sein sollen, nicht mehr erleben dürfen. Freigetränke mussten genügen, wenigstens verdursten lassen wollte man die also nur noch eingeschränkt hofierte Kritikermischpoke nicht. Man sagte mir, der Wegfall kleinerer Snacks habe etwas mit einer älteren Dame zu tun, die sich Dank der angebotenen Auswahl an Brötchen, Gebäck und Köstlichkeiten mutmaßlich den Wocheneinkauf erleichterte. Ich wusste zügig, wer damit gemeint war. Unter Kollegen nannte man sie - wieder einmal: unschmeichelhaft - die "Krückenoma", manchmal auch "die Fliege". Als PV-Besucher war es unmöglich, nicht irgendwann einmal Notiz von ihr zu nehmen. Eisern kämpfte sie sich mit ihren Stöcken durch jede vollbesetzte Reihe, ging einen zuweilen auch harsch an, wenn ihr Lieblingsplatz schon besetzt war. Und sie amüsierte sich grundsätzlich bei einfach jedem Film. Das ließ sie den gesamten Saal wissen.

Jeder wird sich gefragt haben, für wen die ältere Dame eigentlich Filmkritiken schreibt. Oder ob sie das überhaupt je tat. Selbst die Pressebetreuung schien nichts Genaues zu wissen, sie wurde schlicht geduldet. Das hatte, bei aller Skurrilität, etwas sehr Rühriges. Nur ein einziges Mal saß ich direkt neben ihr, in diesem schlecht konvertierten Avatar-Film von M. Night Shyamalan. Von der ersten bis zur letzten Minute kaute sie auf für mich zunächst undefinierbaren Mitbringseln herum. Ich vermutete, sofern das der Blick über die 3D-Brille erlaubte, dass es sich um Nüsse handelte, da sie nach jedem Bissen bestimmte Reste gepflegt zu Boden fallen ließ. Tatsächlich aber handelte es sich um getrocknete Pflaumen. Manche waren vielleicht etwas zu hart, als dass es sich noch gelohnt hätte, sie herunterzuschlucken. Auf dem Saalteppich waren sie dann offenbar besser aufgehoben. In den letzten Jahren habe ich die "Krückenoma" nicht mehr gesehen. Ich hoffe, es geht ihr gut.

Nicht allein Gratisessen schien einst sehr begehrt, auch die damals noch regelmäßig ausgehändigten, recht liebevoll gestalteten Pressehefte waren es. Schon während meiner ersten PV-Besuche sollte ich beobachten, wie manch ein vermeintlicher Filmkritiker sich pro Vorstellung gleich zwei oder drei solcher Pressehefte in die Tasche steckte. Das konnte mir natürlich herzlich egal sein, war es auch. Aber schmunzeln musste ich dennoch, wenige Monate später bei einem Besuch dieser leicht befremdlichen Film- und DVD-Börsen: Dort sah ich sie plötzlich wieder, die mir geläufigen PV-Menschen, nunmehr als Händler verkleidet hinter Tischen und Ständen voll kostspieliger Kino-Memorabilia. Ganze Sammlungen an Presseheften, Aushangphotos und Postern boten sie an, augenscheinlich über Jahre gesammelt. Pressevorführungen als Geschäftsmodell, auch das fügte sich dieser sonderbaren Welt.

PV-Termine abgrasen, manche scheinen den lieben langen Tag nichts anderes zu machen. Jede Vorstellung, die ich seit Beginn meiner Aufnahme in diesen erlauchten Kreis besucht habe, ist nun eben von den immer gleichen Gesichtern bevölkert. Der vielleicht sonderbarste Typ unter ihnen, von dem jeder weiß, dass er mit Filmkritik wohl nichts am Hut hat, sondern möglicherweise ein professioneller "PV-Schmarotzer" ist, trägt Menjou-Bärtchen und, zumindest soweit ich das beurteilen kann, seit jeher auch die gleiche Kleidung. Angeblich, so will es der interne Tratsch, habe er es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Film zu schauen, der in den deutschen Kinos startet. Und nach Möglichkeit auch jeden solchen Film zu besitzen. Wenn man etwas früher als geplant im Kino eintrifft, kann man beobachten, wie er mit anderen Kollegen Datenträger tauscht. Er scheint bestens vernetzt, eine richtige PV-Institution.

Dann und wann gibt es in den Hauptstadtvorführungen auch mal Prominente zu sehen. Diesen leicht exaltierten Fernseh- und Radiokritiker, der lange auf der morgendlichen Studiocouch von SAT.1 herumhüpfte. Den recht bekannten Komiker, der deutsche Trashformate verulkt und zugleich Kinostar wie auch Kinokritiker ist. Ehemalige MTV-Moderatoren und ihre zumeist lautstarke Belegschaft, die sich in der Mittagspause den neuesten Hollywoodkrawall gönnen. Vor allem aber, wenn auch erst seit Neuestem, diverse YouTube-Erscheinungen, deren unmittelbar nach PV-Besuch in mitgebrachte Kameras krakeelte Einlassungen man anschließend gleich daheim bestaunen darf. Josef Schnelle lag damals natürlich falsch, von Zerstörung keine Spur. Verändert aber hat sich die Filmkritik, haben sich ihre Repräsentanten durchaus. Das dann zu beurteilen, zu verdammen oder auch einfach nur zu belächeln, überlasse ich gern anderen.

(Rajko Burchardt)

(Rajko Burchardt war Student und ist Menschenfreund. Für Online- und Offline-Magazine schreibt er Filmtexte. Sein Antrieb ist die Liebe.)

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