Es reicht noch lange nicht

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Kolumnen

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Katharine Graham war von zentraler Bedeutung für die Washington Post in den 1970er Jahren, allein in dem Film, der Generationen von Journalisten inspiriert hat, ist das nicht zu sehen. Wo sind sie, die Frauen in "All the President’s Men" und anderen Journalismusfilmen?

Die Verlegerin von Steven Spielberg
Die Verlegerin von Steven Spielberg

Hände hoch: Wer von Ihnen kennt Katharine Graham? Oder anders formuliert: Wer kannte sie vor Spielbergs Die Verlegerin? Ich hatte ihren Namen schon einmal gehört, mehr aber nicht. Und das, obwohl es zwei Themen gibt, mit denen Filme mich so gut wie immer kriegen: Watergate und Journalismus. Ja, ich würde sogar so weit gehen, dass „All the President’s Men es in einer potentiellen Liste der „Filme meines Lebens“, die ich niemals erstellen werde, recht weit nach oben schafft. Dieser Film verbindet Journalismus und Watergate, noch dazu hat er den 1970er-Jahre-Redford.

Dennoch war mir die große Bedeutung, die Katharine Graham nicht nur für die Washington Post, sondern für den Journalismus im Allgemeinen hat, nicht bekannt. Zunächst dachte ich, es läge an mir. Ich neige dazu, den Fehler bei mir zu suchen, zumal es damals, als ich jung und beeinflussbar war, noch kein Internet und damit keinen recht einfachen Zugang zu Informationen gab. Doch je mehr ich darüber nachdenke, je mehr ich von ihr und über sie in ihrer hochspannenden Autobiographie, die gerade von Rowohlt neu aufgelegt wurde, lese, desto betrogener fühle ich mich. Betrogen um eine Identifikationsfigur, die ich als Teenagerin gerne gehabt hätte. Betrogen um ein Vorbild, betrogen um ein Beispiel, wie weit man es im Zeitungswesen bringen kann.

Die Verlegerin von Steven Spielberg

“Katie Graham’s going to get her tit caught in a big fat wringer if that’s published.“ Dieser Satz, gesprochen von Carl Bernstein (Dustin Hoffman), ist die einzige Erwähnung von Katharine Graham in All the President’s Men von Alan J. Pakula. Einem Film, der für seine historische Genauigkeit gelobt wird. Einem Film, der von der Aufdeckung des Watergate-Skandals in der Zeitung erzählt, deren Herausgeberin und Vorsitzende des Verwaltungsrats Katharine Graham zu dieser Zeit war. Einem Film, der von dem außergewöhnlichen Mut der Entscheidung zur Publikation erzählt. Einem Film, der unzählige junge Menschen dazu inspiriert hat, Journalisten zu werden.

Nun könnte man meinen, Katharine Graham hat vielleicht keine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang gespielt, sie selbst spielt ihre Bedeutung in ihrer Autobiographie herunter. Aber als Herausgeberin hat sie die Entscheidung (mit)getroffen, die Geschichte zu publizieren. Sie war es, die Managing Editor Howard Simmons am Morgen des 17. Juni 1972 als erste anrief, nachdem er einen Tipp bekommen hat, unwissend, welches Ausmaß die Geschichte des Einbruchs in das Hauptquartier der Demokratischen Partei nach sich ziehen wird. Katharine Graham war am Tagesgeschäft beteiligt, sie nahm an Konferenzen teil, sie kam in die Redaktion, um zu schauen, woran gearbeitet wird.

Allein in dem Film, der Generationen von Journalisten inspiriert hat und noch heute als einer der Filme über Journalismus schlechthin gilt, ist das nicht zu sehen. Sicherlich ist All the President’s Men kein Film über Katharine Graham, sondern über die Recherche und Arbeit von Woodward und Bernstein – und es geht mir hier nicht darum, deren Arbeit oder Leistung zu schmälern. Aber der Film blendet Katharine Graham mit der nachgereichten Begründung aus, es wäre im Vergleich zu ihrer Bedeutung zu komplex gewesen, die Arbeit einer Herausgeberin zu erläutern. Grundsätzlich würde man ja meinen, dass in 138 Minuten dafür Zeit gewesen wäre ...

(Trailer zu All the President’s Men)

Also holt nun 44 Jahre nach All the President’s Men Steven Spielbergs Die Verlegerin (The Post) dieses Versäumnis nach und macht Katharine Graham einem breiten Publikum bekannt. Sicherlich gibt es auch hier historische Ungenauigkeiten, aber er verweist auf die Rolle von Frauen im Journalismus und setzt eine positive Identifikationsfigur in den Mittelpunkt. Das ist in erster Linie Katharine Graham, aber auch die anderen Frauen, die bei der Washington Post gearbeitet haben, sind wenigstens zu sehen. In Pakulas Film sind sie alle Sekretärinnen oder Reporterinnen, die den recherchierenden Männern mit ihren persönlichen und sexuellen Kontakten helfen. Hier aber ist die großartige Meg Greenfield (Carrie Coon) zu sehen, stellvertretende Chefredakteurin der Washington Post und die erste Frau, deren Name im Editorial der Zeitung erschien.

Die Verlegerin von Steven Spielberg

Zugleich macht der Film sehr deutlich, welchen Vorurteilen Frauen ausgesetzt sind, welche Grenzen sie beständig überwinden mussten: Immer wieder ist Katharine Graham die einzige Frau, immer wieder wird sie belächelt und es wird versucht, sie kleinzuhalten. Und irgendwie wird dann All the President’s Men doch wieder sehr beispielhaft: Der Film spiegelt die sexistischen Strukturen der damaligen Zeit wider, die Frauen ausgeschlossen haben, ja, er kann gewissermaßen als filmisches Äquivalent zu dem gewöhnlichen Sexismus gesehen werden, der in dieser Zeit Alltag war.

Aber damit ist es leider nicht getan. Vielmehr gibt es schlichtweg wenige Journalistinnen in Filmen. Klar, es gab 1940 schon Rosalind Russell in His Girl Friday, in dem sie ihrem Ex-Mann und Ex-Chef Walter Burns (Cary Grant) sagt, dass sie aufhört und wieder heiraten wird. „You’re a newspaperman“, sagt Burns zu ihr. „That’s why I’m quitting, I want to be a woman“. Zwar überzeugt er sie am Ende vom Gegenteil, aber der Widerspruch bleibt. In Network ist Faye Dunaway die quotengeile Nachrichtenfrau, die sogar nicht davor zurückschreckt, den Selbstmord ihres Kollegen auszuschlachten. In Never Been Kissed spielt Drew Barrymore eine Reporterin, aber dieser Beruf ist nur Anlass für eine Komödie über eine Frau, die ihre eigenen Unsicherheiten überwinden muss. Bleibt noch State of Play, in dem Rachel McAdams die Bloggerin Della Frye spielt, die zumindest der Hauptfigur helfen darf. Ähnlich ergeht es ihr auch in Spotlight. Sie spielt Sacha Pfeiffer, die einzige Frau in dem Investigativteam des Boston Globe, bekommt aber im Gegensatz zu ihren Schauspielerkollegen kaum starke Szenen, um ihr Können zu zeigen.

  • Faye Dunaway in "Network"
    Faye Dunaway in "Network"

    Faye Dunaway in Network (1976)

  • Rachel McAdams mit Michael Keaton in "Spotlight"
    Rachel McAdams mit Michael Keaton in "Spotlight"

    Rachel McAdams mit Michael Keaton in Spotlight

Denn das ist die Rolle, die Frauen in der Regel in diesen Filmen zukommt: Sie sind diejenigen, die helfen, die assistieren. Sie sind die Lois Lanes und Vicky Vanes. Zwei Ausnahmen fallen mir ein, beide Figuren werden von Cate Blanchett verkörpert: In Joel Schumachers Die Journalistin aus dem Jahr 2003 spielt sie die irische Journalistin Veronica Guerrin, die im Auftrag eines Drogenbosses erschossen wurde – und in Der Moment der Wahrheit ist sie Mary Mapes, deren Karriere endete, nachdem sie mit Dan Rather zum Militärdienst von George W. Bush recherchiert hat.

(Ausschnitt aus Die Journalistin)

Es könnte Zufall sein, dass es die beiden wahren Geschichten sind, in denen es starke Journalistinnen gibt – aber natürlich gibt es noch mehr Beispiele von Filmen wie Zodiac über The Insider bis zu Good Night, and Good Luck, in denen Frauen keine Rolle spielen. Denn letztlich ist es doch so: Das Bild von Journalisten im Film ist geprägt von Männern. Schaut man sich die ganzen Klassiker einmal an, findet man Männer. In Ace in the Hole, in The Front Page, in Citizen Kane. Auch aktuellere Filme sehen da kaum besser aus, noch nicht einmal das Fernsehen macht allzu viel Hoffnung. In der berühmten fünften Staffel von The Wire sind nicht allzu viele Reporterinnen zu finden. In House of Cards beginnt die von Kate Mara gespielte Zoe Barnes eine Affäre mit Francis Underwood, um an Informationen zu kommen – denn offenbar ist ihre Attraktivität für diesen Mann entscheidend. Bleibt also nur Good Girls Revolt, leider abgesetzt nach einer Staffel. Zu viele Frauen.

Und wenn ich jetzt wieder allenthalben lese, dass es ja nun langsam reicht mit den Forderungen nach Gleichstellung und Repräsentation, dass es ja nun schon besser geworden ist, dass mehr Geschichten von und über Frauen erzählt werden, dann denke ich fortan an Katharine Graham. Denn niemand will mir ernsthaft erzählen, dass die Geschichte eines Mannes, der 1963 nach dem Selbstmord seiner Frau deren Zeitung übernimmt und sie zu einem erfolgreichen Medienunternehmen aufbaut, indem er u.a. in den 1970er Jahren mehrfach im Kampf für die Pressefreiheit riskiert, ins Gefängnis zu gehen, erst im Jahr 2018 verfilmt worden wäre. Ja, es mag ermüdend sein, immer darauf hinzuweisen, aber es kann einfach nicht sein, dass weiß und männlich die Default­-Einstellung fürs Leben ist und Frauen auf die Nebenplätze verwiesen werden.

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