Kolumnen: Eine Stadt sieht einen Film! – Ein Erfolgsmodell zum Nachahmen

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Kolumnen

Ein Beitrag von Urs Spörri

Filmklassiker im Programmkino? Da kommt doch keiner. Anders jedoch in Hamburg, wo binnen eines Tages 2.300 Menschen Nordsee ist Mordsee von Hark Bohm in 15 Kinos ansehen wollten. Sogar der Sprung in die Arthouse-Charts war dadurch möglich. Ein Erfolgsmodell, das sich zu kopieren lohnt!

Nordsee ist Mordsee von Hark Bohm
Nordsee ist Mordsee von Hark Bohm

Programmkinos haben es nicht leicht in Deutschland. Schon gar nicht, wenn dort ein Filmklassiker gespielt werden soll. Doch in Hamburg hat man einen Weg gefunden, wie eine ganze Stadt mobilisiert werden konnte: „Eine Stadt sieht einen Film“ lautet das Modell. Das Konzept sah vor, dass sich 15 Kinobetreiberinnen und -betreiber an ein und demselben Tag zu unterschiedlichen Uhrzeiten alle denselben Filmklassiker zeigen. Dazu kommt ein ausgeklügeltes attraktives Rahmenprogramm, das in der gesamten Stadt für Aufsehen sorgte.

„Für einen Tag stehen die Kinos im Rampenlicht. Wir bewerben damit die Hamburger Kinoszene“, erklärt Organisatorin Manja Malz, die für das Metropolis und das B-Movie tätig ist. Dabei sei der Hamburg-Bezug am wichtigsten, damit das Konzept identitätsstiftend funktioniere. Und in der Tat: Auch in den vergangenen drei Jahren gab es schon mit Absolute Giganten von Sebastian Schipper, Fraktus von Lars Jessen und Der amerikanische Freund von Wim Wenders Glücksmomente bei „Eine Stadt sieht einen Film“ zu erleben.

 

15x Premieren-Feeling

„Meine größte Angst war, dass ich vor leeren Kinosälen stehe“, meinte Hark Bohm gleich bei mehreren Aufführungen. Eine Angst, die unbegründet war: Selbst zu unattraktiveren Uhrzeiten waren die 15 teilnehmenden Kinos prallgefüllt oder gar ausverkauft. Und viele Besucherinnen und Besucher waren jahrelang nicht mehr im Kino gewesen. „Aber das ist eine so tolle Aktion und den Film habe ich schon so lange nicht mehr gesehen“, war eine der häufigsten Antworten, warum man den Weg ins Programmkino auf sich genommen habe. Und enttäuscht wurde niemand: Jede Aufführung wurde behandelt wie eine kleine Premiere, überall waren Gäste aus dem Filmteam von 1975 mit dabei. Beim krönenden Abschluss wartete dann für den alteingesessenen Hamburger Hark Bohm sogar noch eine Überraschung bei dem Wohnzimmer-Kino FilmRaum, in dem das Publikum sich fast wie zuhause fühlen darf: „Das ist das eigentümlichste Kino, in dem ich jemals gewesen bin“, staunte Bohm, der im Mai seinen 80. Geburtstag feiert, und zeigte sich vom Engagement der Kinomacher begeistert.

Drehortrundgang mit Hark Bohm; Foto: Urs Spörri
Drehortrundgang mit Hark Bohm; Foto: Urs Spörri

 

Überraschungshit des Kinojahres 1976

Überhaupt gab es viel zu erzählen rund um den Film, der 1976 bundesweit ähnlich erfolgreich lief wie Taxi Driver oder Einer flog über das Kuckucksnest und zum Überraschungshit des Jahres wurde. Die Geschichte zeigt ein authentisches Hamburg der 1970er Jahre, in dem der 14-jährige Uwe (Uwe Bohm) in einer Vorortsiedlung lebt und Stress mit seinem Vater (Marquard Bohm) hat. Um an Geld zu kommen, knackt er Automaten, seinen Frust lässt er an Dschingis (Dschingis Bowakow) aus, den er verächtlich „Kanake“ nennt. Doch als ein Streit zu eskalieren droht, schließen die beiden Frieden und freunden sich an. Gemeinsam stehlen sie ein Segelboot, um zusammen abzuhauen, getrieben von gleichen Träumen und Hoffnungen in Richtung Nordsee und einer vermeintlich besseren Zukunft entgegen.

Szene aus "Nordsee ist Mordsee"; Kinowelt GmbH
Szene aus „Nordsee ist Mordsee“; Kinowelt GmbH

 

Modernes Märchen über die Arbeiterklasse

Gedreht wurde der Film in Hamburg-Wilhelmsburg, wie Hark Bohm auf einer Drehortführung durch den Stadtteil berichtete. Und heute wirkt der Film wie ein Zeitdokument. „Viele Orte hätte ich kaum wiedererkannt. Wo damals grüne Wiese war, ist heute Beton“, erzählte Bohm den gebannt lauschenden Teilnehmern der Führung, die um 11 Uhr morgens begann und den langen Nordsee ist Mordsee-Tag einläutete. Der besondere Clou: Mitorganisator Thorsten Stegmann hatte stets großformatige Set-Fotos von Standfotograf Günter Zint dabei, die an der jeweiligen Location den Unterschied von damals zu heute aufzeigten. Die Fotos sind übrigens derzeit noch im Metropolis Kino in einer Fotoausstellung zu besichtigen. Wilhelmsburg sei für die Hamburger nördlich der Elbe damals quasi nicht existent gewesen, eine Trabantenwelt mit eigener Sprache. Die Dialoge hatte Bohm für den Film übrigens in Drehbuchform geschrieben, aber die mitspielenden Laien sollten alle Sätze in ihrem eigenen Slang sagen. Und alles wurde mit den schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen in den Ferien gedreht. „Es war wie ein großes Ferienlager“, erzählte Dschingis Bowakow bei einer Barkassenfahrt auf Elbe und Alster zu den Drehorten. Er und Uwe Bohm hätten selbst alle Stunts durchgeführt und segeln gelernt. Entstanden ist ein Film über die Lebenswelt der Arbeiterklasse, der aber weniger sozialrealistisch als ein modernes Märchen wurde.

 

Digitalisierung wurde durch das Event erst möglich

Wie im Märchen fühlte sich auch der Fortgang der Geschichte von Uwe Bohm im realen Leben an. Zum Zeitpunkt des Drehs lebte er im Heim, sein Schulabschluss war 7. Klasse Sonderschule. Er galt als verhaltensauffällig. Doch sein herausragendes Schauspiel und überhaupt sein Verhalten am und außerhalb des Sets führte dazu, dass Hark Bohm Uwe in sein Herz schloss und schließlich adoptierte. Und auf Bildebene gelang dem inzwischen verstorbenen Kameramann Wolfgang Treu, das Märchen in Bildsprache zu übersetzen – wobei auch dies nicht ungefährlich war. Treu und Bohm fielen bei einer Fast-Kollision mit einem Schlepper während eines Segel-Stunts aus dem Boot ins Wasser – die 35mm-Kamera war glücklicherweise so sicher angebracht, dass diese nicht zu Schaden kam. Den Film Nordsee ist Mordsee kann man nun auch als digital restaurierte Version auf der Leinwand sehen, da Hark Bohm den Film (auf Betreiben der „Eine Stadt sieht einen Film“-Organisatorin Manja Malz) so überarbeitete, wie sich Wolfgang Treu den Film damals gedacht hatte. „Wir haben auch das Bildformat angepasst. Denn Wolfgang hat schon damals fürs Kino kadriert, rausgekommen war er aber in 1:1,33. Jetzt hat er das Format, das er immer haben sollte“, strahlte Bohm bei einem Publikumsgespräch über dieses selbstgemachte Geschenk zum 80. Geburtstag.

 

  • Drehortrundgang mit Hark Bohm
    Drehortrundgang mit Hark Bohm

    Drehortrundgang mit Hark Bohm

  • Drehortrundgang mit Hark Bohm
    Drehortrundgang mit Hark Bohm

    Drehortrundgang mit Hark Bohm

  • Barkassenfahrt zu den Drehorten mit Hauptdarsteller Dschingis Bowakow
    Barkassenfahrt zu den Drehorten mit Hauptdarsteller Dschingis Bowakow

    Barkassenfahrt zu den Drehorten mit Hauptdarsteller Dschingis Bowakow

  • Setfotograf Günter Zint
    Setfotograf Günter Zint

    Setfotograf Günter Zint

  • Abschluss der Aufführung im FilmRaum
    Abschluss der Aufführung im FilmRaum

    Abschluss der Aufführung im FilmRaum

 

Mit Udo in den Sonnenuntergang

Und natürlich durfte auch die Musik von Udo Lindenberg nicht fehlen. Der Panikrocker gestaltete den gesamten Soundtrack von Nordsee ist Mordsee und richtete sich per Videobotschaft und Musikvideo an das Publikum im Passage Kino. Dort trat dann das Udo-Double „Panik Lindi“ auf und performte Songs aus dem Film und gab Anekdoten von Udo aus der Zeit optisch und stimmlich perfekt von sich. Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen heißt der sehnsuchtsvolle Abschlusssong in Nordsee ist Mordsee, den Bohm und Lindenberg gemeinsam geschrieben haben. „Wir wussten nicht, wie wir die Geschichte zu Ende erzählen sollten“, gestand Bohm. „Und dann ließen wir die beiden einfach in den Sonnenuntergang segeln. Nach dem Motto: Wir segeln so lange, bis wir erwischt werden.“ 

 

Nachzuahmendes Erfolgsmodell für andere Städte

Alle 15 Kinos hatten eine gemeinsame Website gestaltet und einen gemeinsamen Flyer herausgebracht. Plötzlich wollten immer mehr Menschen dann den Film sehen – und manchmal auch ein bisher unbekanntes Kino in der eigenen Stadt entdecken. Vergleichbare Konzepte waren Theaternächte oder „Eine Stadt liest ein Buch“, aber für das Kino war das neu. Gerade im Hinblick auf die Digitalisierungsoffensive, bei der Filmklassiker digital aufbereitet und für den Kinoeinsatz zur Verfügung gestellt werden, und das mit jährlichen 15 Millionen Euro ab 2020 aufgelegten „Zukunftsprogramm Kino“ des BKM (Amt der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) sollte „Eine Stadt sieht einen Film“ als nachzuahmendes Erfolgsmodell gelten. Warum gab es in Berlin keine solche Aktion zum 20-jährigen Jubiläum von Lola rennt? Wieso gestalten München, Köln, Frankfurt und andere Großstädte keine vergleichbaren Aktionen? Aber auch im ländlichen Raum kann das funktionieren, wenn die Programmkinos zusammenarbeiten und einen passenden gemeinsamen Film auswählen, der mit der Region verbunden ist. Die Mobilisierung des Publikums, das das Kino als Gemeinschaftsort kaum mehr wahrnimmt, ist ein lohnendes Ziel.

 

Ulrich Matthes: „Kinos stärken!“

Dazu passt abschließend die nur zwei Tage vor „Eine Stadt sieht einen Film“ gehaltene Eröffnungsansprache des neuen Präsidenten der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, anlässlich der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2019: „Wir alle müssen die Situation der Kinos auch als Orte verbessern. Einmal die Politik, denn es geht ganz simpel auch um Geld. Dann wir Kreative, indem wir möglichst tolle Filme machen. Aber auch die Kinobetreiberinnen und -betreiber selbst und die Verleiher sind dafür verantwortlich. Kinos, zumal in kleineren und mittleren Städten, sollen noch mehr Orte des besonderen Gemeinschaftserlebnisses und des Austauschs werden. Nicht nur Stadttheater, nicht nur Bibliotheken, nicht nur Konzertsäle sind Orte der kulturellen Bildung. Kinos sind das auch. Kinos sind nicht nur Unterhaltungsorte, sondern auch Orte der kulturellen Bildung. … Also: Kinos stärken!“

 

Weitere Informationen zu „Eine Stadt sieht einen Film“ gibt es unter  https://www.eine-stadt-sieht-einen-film.de/

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