Kolumnen: Die Schönheit des Scheiterns

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Kolumnen

Ein Beitrag von Andreas Köhnemann

Viele Filme scheitern. Weil sie langweilig oder mutlos sind, weil sie ihr Ziel verfehlen, witzig oder spannend oder emotional zu sein – oder weil Regie, Drehbuch, Kamera, Spezialeffekte und/oder Schauspiel einfach nicht zu überzeugen vermögen. Manchen Filmen gelingt es indes, in vollendeter Schönheit zu scheitern. Und dann wird’s interessant.

„The Death and Life of John F. Donovan“ / „Meine liebe Rabenmutter“ / „Cats“
„The Death and Life of John F. Donovan“ / „Meine liebe Rabenmutter“ / „Cats“

Nein, hier soll es nicht um mein Faible für Trash gehen. Natürlich liebe ich verkitschte Melodramen und unfreiwillig komische Low-Budget-Horrorfilme. Aber noch mehr liebe ich Filme, die auf ganz, ganz hohem Niveau scheitern. Die sich mit aller Kraft in höchste Höhen wagen – und in ihrem Übermut ein paar klitzekleine Schritte zu weit gehen, bis sie dann in tiefste Tiefen stürzen.

Schreckliche Menschen reagieren darauf allzu gerne mit Häme, prognostizieren Karriereenden und haben ja ohnehin schon vorher gewusst, dass das nix werden konnte. Hier soll diesen Filmen hingegen mit aufrichtiger Liebe begegnet werden. Also: Nehmt das, ihr Hater!

 

Groß gedacht und niedergemacht

Beginnen wir doch direkt mit Xavier Dolan. Denn größer könnte meine Liebe und fieser die Häme der internationalen Filmkritik gar nicht sein als bei Dolans erstem englischsprachigen Werk The Death and Life of John F. Donovan. Bei seiner Premiere auf dem Toronto International Film Festival im September 2018 wurde das im US-Entertainment-Business angesiedelte Drama brutal zerfetzt; in Deutschland gab es bis heute keine Veröffentlichung, obwohl Dolan in Arthouse- und insbesondere in queeren Kreisen seit einigen Jahren durchaus ein gewisses Renommee genießt. Ich hatte mich schon damit abgefunden, diesen Filmen niemals sehen zu können; inzwischen gibt es ihn aber immerhin als Import-DVD und -Blu-ray.

„The Death and Life of John F. Donovan“; Copyright: Shayne Laverdière / Mars Distribution
„The Death and Life of John F. Donovan“; Copyright: Shayne Laverdière / Mars Distribution

 

Funktioniert John F. Donovan als die große epische Erzählung, die Dolan und sein Co-Autor Jacob Tierney vermutlich im Sinn hatten? Nun ja, eher nicht. Bereitet es dennoch Freude, ihn zu sehen? Auf jeden Fall! Und zwar nicht auf diese So-Bad-It’s-Good-Weise, sondern weil Dolans (und Tierneys) Überambition wirklich sehr, sehr bewundernswert ist. Noch bevor der Vorspann vorüber ist, wurden bereits mehrere Schauplatzwechsel vollzogen und drei Zeitebenen etabliert – und es wurde mit Unschärfen, Zeitlupe und einem dramatischen Score gespielt. Der Vorspann-Song von Adele ist dabei für die rund zweistündige Laufzeit Programm: „Don’t underestimate the things that I will do!“ … „Tears are gonna fall!“ … „I’m gonna make your head burn!“

 

Tränen, Blitzlichter, Stars und Schaumbäder

Und tatsächlich brennt einem bald der Kopf (und das Herz). Etwa wenn Jacob Tremblay als kleiner Super-Fan vor Begeisterung beinahe zu hyperventilieren beginnt („Oh! My!! God!!!“), als er die neue Staffel einer extrem trashigen Fantasy-Teenager-Serie mit dem von Kit Harington verkörperten Nachwuchsdarsteller sieht. Oder wenn besagter Darsteller – der titelgebende John F. Donovan – mit seiner Alibi-Freundin (Emily Hampshire) seine sehr, sehr Dolan-eske Mutter (Susan Sarandon) besucht und plötzlich alles aussieht wie in einer gelb- und grünstichigen Sitcom aus der Hölle, deren betont hässliche Kulisse bald pathetisch zerdeppert wird. Wenn sich der kleine Rupert und seine Mom (Natalie Portman) tränenreich und lautstark streiten, wird mit Dialogzeilen um sich geschleudert, die Tennessee Williams stolz gemacht hätten („What’s the matter with you?! How much do you hate me?!“). Wenn irgendwo Journalist_innen auftauchen, gleicht das Blitzlicht-Gewitter einem Inferno. Wenn John tanzen geht, stellen die Clubbing-Bilder jedes MTV-Video in den Schatten. Und wenn es regnet, regnet es *in Strömen*. Etwa zur Hälfte des Films kommt es dann zu einem pompösen Mutter-Sohn-Happy-End ohne erkennbare Dringlichkeit, aber erneut mit sehr viel Regen, Zeitlupe und Florence + the Machine. Und all dies geschieht, noch ehe Kathy Bates und Michael Gambon ihre (vermeintlichen) Oscar-Momente haben und Kit Harington so sexy-rauchend im Schaumbad liegt, als wolle er Brigitte Bardot übertrumpfen. Das könnte natürlich alles entsetzlich posenhaft anmuten, wird von Dolan aber so ernst genommen, dass letztlich so etwas wie eine „echte Falschheit“ entsteht: Das übermäßig Artifizielle wirkt zutiefst aufrichtig, vom Viel-zu-viel kann ich hier gar nicht genug bekommen, weil einfach alles schrecklich schön ist.

„The Death and Life of John F. Donovan“; Copyright: Shayne Laverdière / Mars Distribution
„The Death and Life of John F. Donovan“; Copyright: Shayne Laverdière / Mars Distribution

 

Ein weiteres Beispiel für Scheitern in (äußerst eigenwilliger) Schönheit ist das Kino-Spektakel Cats (2019) von Tom Hooper. Das gleichnamige Bühnen-Musical von Andrew Lloyd Webber, basierend auf einem Gedichtband von T.S. Eliot, feierte im Jahre 1981 am Londoner West End seine Premiere – und avancierte zu einem weltweiten Hit. 1998 entstand eine Verfilmung, in welcher das Bühnengeschehen schlicht mit Kameras eingefangen wurde. Hoopers Werk verfolgte indes deutlich höhere Ziele: Mithilfe der Digital Fur Technology wurde dem Ensemble am Computer ein Fell erzeugt – und als Besetzung wurde ein Mix aus Schauspiel-Koryphäen wie Judi Dench und Ian McKellen, Hollywood-Stars wie Idris Elba und Jennifer Hudson, Comedy-Persönlichkeiten wie Rebel Wilson und James Corden, angesagten Pop-Größen wie Taylor Swift und Jason Derulo sowie jungen Talenten wie Francesca Hayward und Laurie Davidson gewählt.

 

Maximal künstlich

Das Ergebnis (beziehungsweise schon der erste Trailer) wurde bekanntermaßen mit Gespött und/oder Befremdung aufgenommen. Insbesondere die CGI-Effekte wurden ins Lächerliche gezogen und als gruselig bezeichnet; die Kritiken fielen recht vernichtend aus. Mein (ehrliches, nicht hämisches) Vergnügen kannte indes keine Grenzen: Während Hoopers Musical-Adaption Les Misérables (2012) denkbar konventionell und bieder geriet, ist seine Katzen-Show eine herrlich bunte, völlig abgedrehte und bizarre Erfahrung, die gerade deshalb so gut funktioniert, weil auch Hooper den Stoff so ernst nimmt und man der absonderlichen visuellen Umsetzung ihren absurden Aufwand ansieht. Die Kulissen, die das London der 1920er Jahre darstellen sollen, sind maximal künstlich – und ich könnte Stunden, Tage, ja Wochen in den in Neonlicht getauchten Straßen und Hinterhöfen, den menschenleeren (Milch-)Bars und Theaterräumen verbringen – weil sie sich endlich mal von den Schauplätzen unterscheiden, die mir sonst so in Mainstream-Produktionen geboten werden, in denen selbst die verrückteste Zukunft doch immer so aussieht wie schon vor fast 40 Jahren in Blade Runner. Mehr überbordender Irrsinn, mehr Wagnisse, bitte!

„Cats“; Copyright: Universal Pictures
„Cats“; Copyright: Universal Pictures

 

Der Klassiker des schönen Scheiterns ist wiederum Faye Dunaways übersteigerte Verkörperung der Leinwand-Diva Joan Crawford in Frank Perrys Biopic Meine liebe Rabenmutter (1981). Wenn Dunaway unter anderem mit einer riesigen Gartenschere in einem Rosenbeet wütet oder mit unvorteilhafter Crememaske im Gesicht einen Tobsuchtsanfall bekommt, sollte dabei merklich großes Kino entstehen – und die Wucht der Performance verdient meiner Ansicht nach Respekt. Stattdessen wurde die Rolle für die New-Hollywood-Heldin Dunaway seinerzeit zum Karrierekiller. Ich mag damit ziemlich allein dastehen – aber ich fand Renée Zellwegers Interpretation von Judy Garland im einfallslosen Biopic Judy (2019) kaum weniger übertrieben und unsubtil – nur dass die Grandezza und der herrliche Wahnsinn von Dunaways Darbietung völlig fehlten. Für Wahnsinn gibt’s leider Spott und Anti-Preise, für gezähmtes Overacting Lob und den Oscar. Ja nun…

„Meine liebe Rabenmutter“; Copyright: Paramount Pictures
„Meine liebe Rabenmutter“; Copyright: Paramount Pictures

 

Das Scheitern von Filmen auf hohem Niveau funktioniert auch für mich nicht immer so gut wie in den genannten Fällen. So etwa bei 3 Engel für Charlie (2019). Als ich die bösen Verrisse las und von den schlechten Einspielergebnissen erfuhr, hatte ich eigentlich schon beschlossen, diesem Werk meine uneingeschränkte Liebe zu schenken. Schließlich macht Hauptdarstellerin Kristen Stewart auch aus furchtbar geschriebenen Rollen etwas Wunderbares… schließlich ist Sir Patrick Stewart mit an Bord… und schließlich hat das Engel-Franchise in den 2000er Jahren schon zwei herrliche Unterhaltungs-Knallbonbons hervorgebracht, nicht wahr? Überaus sympathisch war zudem die würde- und humorvolle Art und Weise, wie die Regisseurin Elizabeth Banks via Twitter auf den Kassenflop in den USA reagierte.

 

Schales Scheitern

Aber bei aller Vorab-Liebe und Sympathie: Der Film hat mich total enttäuscht – und dessen Scheitern habe ich nicht als schön, sondern als ärgerlich empfunden, weil mit dem vorhandenen Potenzial nicht (wie bei John F. Donovan oder Cats) mit verschwenderisch-großer Geste um sich geworfen wurde, sondern es schlichtweg unterging. Die großartige Chemie zwischen dem zentralen Schauspiel-Trio Kristen Stewart, Naomi Scott und Ella Balinska, die in jedem Interview zu spüren ist, lässt sich auf der Leinwand nicht erkennen – vielleicht weil die Figuren zu oberflächlich skizziert sind. Jeder Tweet von Banks hat mehr Witz als das Skript, das sie für 3 Engel für Charlie verfasst hat; kaum ein Gag vermag zu zünden. Die undynamisch montierten Actionsequenzen sind nicht mal halb so irre wie jene aus den rund 20 Jahre alten Filmen von McG. Und Patrick Stewart – doch, ja, der ist tatsächlich toll. Aber wenn bei einer Produktion so viel unter den Möglichkeiten bleibt, hat das Scheitern etwas Schales.

„3 Engel für Charlie“; Copyright: Sony Pictures Releasing GmbH
„3 Engel für Charlie“; Copyright: Sony Pictures Releasing GmbH

 

So steckt gewiss nicht in jedem Kino-Misserfolg etwas Reizvolles. Die Filme(macher_innen), die sich trauen, mit Aplomb nach den Sternen zu greifen, und dabei vielleicht mächtig danebenlangen, die all ihre kreativen Ressourcen ausschöpfen und dabei das Risiko eingehen, im Endeffekt mit Nichts dazustehen und verlacht zu werden, können sich indes stets meiner Bewunderung sicher sein. Den drei (laut Billy Wilder) wichtigsten Regeln beim Filmemachen – du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen und du sollst nicht langweilen – kommen Werke wie The Death and Life of John F. Donovan oder Cats jedenfalls eifriger nach als so manch öder Oscar-Kandidat und so manch formelhafter Kassen-Hit.

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