Kolumnen: Der neue alte Heimatfilm

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rochus Wolff

Im deutschen Kinderfilm feiert der alte Heimatfilm neu ein Revival. Sein Endgegner: die Zumutungen des modernen Kapitalismus.

Emma Schweiger in "Conni & Co"
Emma Schweiger in "Conni & Co"

„Karibik is‘ für Loser.“ In der Welt von Conni & Co. 2 – Das Geheimnis des T-Rex sind die schönsten Sommerferien die, die auf der Kanincheninsel verbracht werden können, direkt vor den Toren von Neustadt, das auf den Luftaufnahmen allenfalls Kleinststadt ist und sicher nicht neu -  alles schöne alte Häuser, feine Gassen und freundliche Menschen. Das inmitten eines weiten, grünen Waldes, die Anfangssequenzen des Films könnten der Werbung für eine bekannte Biermarke entstammen, wären sie dafür nicht ein wenig zu schnell geschnitten.

Das glückliche Leben ist natürlich in Gefahr: Ein „Gigantotel“ soll auf der Insel gebaut werden, es drohen Parkplätze und Massentourismus, vor allem aber ein Ende der ruhigen Ferienzeit. Dummerweise ist Connis Vater der Architekt, der die Pläne machen soll, und ihr Freund macht sich Hoffnungen, dass durch die Besucher der Buchladen seiner Eltern nicht schließen muss…

 

Schöne Landschaften, bedrohtes Idyll

Der Kitsch des friedlichen Neustadts und seiner glücklichen Bewohner ist nur einer der Gründe, warum der von Til Schweiger inszenierte Kinderfilm so grundlegend missraten ist. Zugleich aber ruft Conni & Co. 2 eine Konstellation auf, die der deutsche Kinderfilm sehr genau kennt: Das bedrohte Idyll. Genauer noch: Das Idyll von schönen, scheinbar unberührten Landschaften, das durch böse Geschäftemacher bedroht wird.

Besonders gerne zeigt sich das in verschiedenen Varianten im Pferdefilm, denn besonders idyllisch wird es doch immer noch dort, wo Menschen sich um ihre wehrloseren Mitkreaturen besonders kümmern. — Auch in den Conni & Co.-Filmen betreibt Connis Großmutter (Iris Berben) einen Gnadenhof, der im ersten Film akut bedroht ist. -  Die Details weichen ein wenig voneinander ab, die großen Linien bleiben die gleichen:

 

Ein Pferdehof, ein Gestüt, oftmals geerbt, wird von bemerkenswert wenigen Menschen betrieben. Geleitet von einer Frau, oft streng, immer im Herzen eigentlich gutmeinend, ist die Lage des Hofes prekär und wird im Verlauf des Films akut bedroht – und immer wird das böse Ende rechtzeitig abgewandt.

Hauptfigur ist im Pferdefilm fast immer ein Mädchen oder eine junge Frau – manchmal unfreiwillig auf den Pferdehof verpflanzt, dort aber den Weg zur Natur und zu sich selbst findend (Ostwind), manchmal dort schon verwurzelt und fest den Pferden von Anfang an verbunden, wie in Immenhof – Das Abenteuer eines Sommers.

 

Adenauers Kintopp grüßt freundlich

Gerade dieser Immenhof-Film, Anfang 2019 ins Kino gekommen, eine Fortsetzung ist schon geplant, bindet sich sehr explizit an eine ältere Tradition der Pferdefilme an, für die die Filme der Immenhof-Reihe stehen, die in der Nachkriegszeit kurz hintereinander abgedreht zu großen Kinoerfolgen wurden: Die Mädels vom Immenhof (1955), Hochzeit auf Immenhof (1956) und Ferien auf Immenhof (1957).

Schon im ersten dieser sechzig Jahre alten Filme finden sich die gleichen Motive wieder: Die alte Züchterin vom Ponyhof und ihre drei Enkelinnen Angela, Dick und Dalli (ach ja, die Spitznamen der Adenauer-Zeit!), die Geldsorgen, die erste Liebe, die Auflösung in allgemeines Wohlgefallen. Die Mädels vom Immenhof ist ein eher aufs junge Publikum gedrehtes Beispiel für den deutschen Heimatfilm der Zeit, zu dem Jürgen Heizmann in einem Sammelband zum Thema trocken zusammenfasst: Er gilt als „Tiefpunkt in der deutschen Filmgeschichte.“

Seinen schlechten Ruf hat der damalige Heimatfilm unter anderem natürlich deshalb, weil er so ein deutlich restauratives Weltbild vertrat: Die Schrecken und vor allem Verbrechen der Nazi-Zeit und des Zweiten Weltkrieges wurden einfach durch eine heile ländliche Welt übertüncht. Es gab zwar gelegentlich Flüchtlinge und viele abwesende Männer, aber die meisten Filme kümmerten sich da lieber nicht allzu genau um Details.

 

Was die Heimatfilme stattdessen auszeichnet: „ein einfach gestrickter Plot, schöne Landschaften, kauzige, aber liebenswerte Menschen, die mit dieser Landschaft verwurzelt sind, eine romantische Liebesbeziehung mit Happy End, lebendige Traditionen, die Betonung des Privaten und gleichzeitigem Ausblenden von sozialen Problemen.“

Seit den 1950er Jahren hat – das sollte man dem Genre zur Ehrenrettung durchaus zuschreiben – der Heimatfilm sich durchaus gewandelt, sei es als „neuer“ Heimatfilm oder Anti-Heimatfilm, jedenfalls als sich hochgradig fürs Lokale interessierender Film, der soziale Probleme und Verwerfungen beispielhaft offenlegt, kritisch, gar progressiv begleitet.

Viele der neuen Kinderfilme, auch deutlich über den Pferdefilm hinaus, wirken aber so, als wollten sie es sich in ihren Postkartenidyll-Landschaften so gemütlich einrichten wie einst der Kintopp zu Adenauers Zeiten mit Schwarzwaldmädel und Grün ist die Heide. Dass dabei die Schwerpunkte etwas verschoben werden, dem 21. Jahrhundert angepasst, muss nicht verwundern. 

 

Der Kapitalismus wird personalisiert

Wo man schaut, findet man ländliche oder kleinstädtische Rückzugsorte, die den jungen Protagonist_innen eine Heimat geben, die dann aber schnell bedroht wird: Sei es in Hanni & Nanni, wo das Internat Lindenhof von der Schließung bedroht wird, bei den Bibi & Tina-Filmen, wo der Bösewicht wahlweise Hans Kakmann oder Dirk Trumpf heißt, sei es die Kanincheninsel oder der Immenhof. Immer kommen Investoren, Hotelmagnaten oder einfach die Banken und drohen, mit ihrem Gewinnstreben das traditionell Gewachsene zu zerstören.

Interessant ist dabei, dass hier eher selten eine Stadt-Land-Dichotomie aufgebaut wird; die bösen Kapitalisten (es sind fast immer Männer) kommen nicht unbedingt aus der großen Stadt, obwohl darauf gelegentlich kurz angespielt wird – zu Beginn von Conni & Co. 2 etwa tritt Connis Vater in ein Bürogebäude, wo er in einem Stockwerk ganz oben sein Modell vorstellen wird.

 

Nein, die Bösewichte präsentieren sich eher als Menschen mit glänzend sauberen, schwarzen Autos (im Gegensatz zu den knarzig-verdreckten bunten Altkarren der Landbewohner_innen), die Anzüge tragen, stets gut frisiert und rasiert sind. Ihre Wohnungen, so man sie denn zu Gesicht bekommt, sind eckig und kantig, durch kühle Farben und Designstrenge geprägt, irgendwo zwischen Brutalismus und Bauhaus, aber jedenfalls weit weg vom Fachwerkhaus, das wie organisch aus dem Mutterboden gewachsen zu sein scheint.

Oder die Moderne tritt, wie in Benjamin Blümchen, als Projektmanagerin in Erscheinung, den Mund voller Floskeln der Leistungsgesellschaft und Agenturen, die Augen aber immer noch streng in Richtung Profit orientiert. In diesem konkreten Film wird die Handlung und Moral der Geschichte dadurch konterkariert, dass Heike Makatschs Zora Zack womöglich das Interessanteste am ganzen Film ist, aber diese Ironie wird das Genre eben auch nicht los: Wo das Gute nur als kitschige Gemeinschaft ohne echte Konflikte beschrieben werden kann, da wird das Böse auf einmal allein schon aus Langeweile interessant.

 

Die Revolte währt nur 90 Minuten

Es geht hier also nicht um Stadt gegen Land, es geht um Marktgesetze gegen Heimeligkeit, um die Sicherheit im Mitmenschlichen, die aber eben nur als kitschige Dorf- oder Kleinstadtgesellschaft gedacht werden kann. Die Filme beziehen sich, darin sind sie eben doch sehr modern und zeitgenössisch, allenfalls nur noch indirekt auf Traditionen und eine bessere Vergangenheit; die ist nur implizit relevant, weil der Hof, die Kleinstadt, die kleine Insel halt noch übrig sind für die Gegenwart.

Während die Älteren der Gewinnmaximierung, der vermeintlichen Alternativlosigkeit des Marktes nichts entgegenzusetzen haben – meistens haben sie nicht einmal mehr nennenswert Beharrlichkeit, wenn schon nicht Tradition –, sind es interessanterweise eher die Kinder und Jugendlichen, die sich gegen die Veränderung stemmen. Sie spielen die Bewahrer_innen, die – jugendliche Revolte! – nicht alles fraglos hinnehmend, was man ihnen vorbehauptet.

 

Man könnte das, ganz im Zeitgeist, als Teil der seit langem schwelenden Debatten um Ausbeutung der Umwelt und letztlich Klimakrise lesen, als filmische Variation auf Fridays for Future. Dafür wäre allerdings wenigstens ein Minimum an analytischem Hintergrund notwendig. Da aber der Kapitalismus, wie beschrieben, konsequent personalisiert wird, geht es immer nur um Personen, jeder Film ein Einzelfall.

Mit anderen Worten: Es wird in den Filmen niemals gegen die Struktur gekämpft, weil die Filme diese nie in Frage stellen – nein, weil sie sie nicht einmal sehen oder sichtbar machen. Es fehlt völlig an der inhaltlichen Tiefe, die die Wirtschaftsordnung grundsätzlich in Frage stellen würde oder dies auch nur denkbar machen würde. Und so sind die Gefahren, die dem Idyll drohen, immer ungerecht und schlimm und müssen bekämpft werden; die Rebellion aber bleibt harmlos, auf 90 Minuten begrenzt.

 

Versöhnung mit dem System

Stattdessen steht am Ende immer eine versöhnliche Geste, ein Glücks- oder Zufall: Ein Freund gibt mehr Geld als nötig, so dass der Kredit abgezahlt werden kann (Immenhof), das Internat wird mit Spenden gerettet (Hanni & Nanni), der Bürgermeister wird als korrupt entlarvt, die zufällig herumliegenden T-Rex-Knochen ermöglichen lokalen Tourismus, die Dino-Fans rennen dem Buchladen die Türen ein (Conni & Co. 2).

Die Zumutungen des realen Kapitalismus lösen sich auf diese Weise in Wohlgefallen auf, ohne dass sich etwas ändern muss: Nun ist ja alles gut, und die Richtigen verdienen wieder genug. Zum Ende reicht es, mit der Kamera noch einmal über weite grüne Felder zu fahren, ein paar Tierchen zu zeigen, dazu spielt aufputschende Musik. Und gerne wird dann choreographiert getanzt.

 

Die Pferdeflüsterinnen

Dass es in den Filmen fast durchweg Mädchen sind, die – zumindest in führender Rolle – den kleinstmöglichen Aufstand üben, kommt freilich nicht von ungefähr. Für den Kontext der Pferdefilme sind sie ja qua traditioneller Geschlechterrolle eh meist gesetzt, aber das reicht darüber hinaus: Während die Jungs noch eher auf Leistung und Anpassung getrimmt werden, darf der weibliche Nachwuchs des frühen 21. Jahrhunderts auch schon mal selbstbewusst dagegenhalten.

 

Vor allem werden die Mädchen und jungen Frauen aber gebraucht – fast als wäre es ein Naturgesetz -  haben sie fast immer (ja doch, es gibt Ausnahmen) ein engeres Verhältnis zu den Tieren, ob Pferde oder Kaninchen, ein engeres Verhältnis zur Natur insgesamt. So rekurriert der neue alte Heimatfilm auch wie selbstverständlich auf ganz alte Stereotype und trägt ohne großes Gewese zum großen Diskurs bei, der Geschlechtereigenschaften naturalisiert und als gegeben voraussetzt.

Dass die beschriebenen Filme das alles auf sehr unterschiedlich nuancierte Weise tun, dürfte klar sein; interessanterweise sind Detlev Bucks Bibi & Tina-Filme zum Beispiel bei allem um so viel selbstironischer, dass da immer auch Widerspenstigkeit durchscheint.

Aber im Großen und Ganzen hat der deutsche Kinderfilm, der die Zumutung der modernen Wirtschaftswelt zwar warhnimmt, aber nie wirklich angreifen will, ein Ideologie-Problem: Er macht es sich zu bequem. Er begnügt sich mit der Oberfläche. Und die schön zu halten, hat den reaktionären Geistern schon immer ausgereicht. Bloß nicht bohren, bloß keine Revolte über den Abspann hinaus.

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