Kolumnen: Das verblüffende Kino von Pablo Larraín

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Kolumnen

Ein Beitrag von Verena Schmöller

Gegenlicht, reduzierte, dissonante Musik: Mit seinen Biopics Jackie und Neruda verblüffte Pablo Larraín 2017 das deutsche Kinopublikum.

Jackie - Trailer (deutsch)

Es scheint schon schwierig genug, einen guten Film zu machen. Einen wirklich guten, der etwas Neues probiert, der intelligent, witzig und nachdenklich zugleich ist. Einen Film, der eben nicht die herkömmlichen Schemata benutzt, um eine Geschichte zu erzählen. Innerhalb eines Jahres gelingt das nicht vielen Filmemachern. Pablo Larraín hat 2017 mit Neruda und Jackie gleich zwei solcher Coups in den deutschen Kinos gelandet — das ist mein Phänomen des Jahres 2017.

Pablo Larraín war für mich schon zuvor ein Ausnahmeregisseur: Sein Debütfilm, Fuga (2006), hat sofort meine Aufmerksamkeit geweckt, als ich mich durch das chilenische Filmschaffen nach 1990 schaute — weil er so stimmig war: Die Atmosphäre, die v.a. die Musik erreicht und die ebenso erzählt wie der Verlauf der Handlung. Das war nicht nur für die Filme des Andenlands eine Ausnahme, sondern ein gänzlich neues Filmerlebnis für mich. Fuga lief nur auf kleineren Festivals und wurde dementsprechend kaum wahrgenommen. Erst mit seiner Trilogie über die Diktatur unter Pinochet wurde man aufmerksam auf den chilenischen Filmemacher: Tony Manero (2008) feierte Premiere in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes. Seitdem ist Larraín ein gerngesehener Gast auf den Festivals der Welt: Post mortem (2010) lief in Venedig, No! (2012) wieder in der Quinzaine des Réalisateurs, Jackie (2016) in Venedig. 

In No! gelingt Larraín vieles von dem, was seinen Debütfilm wie seine späteren Filme ausmacht: Form und Inhalt ergeben ein kongeniales Filmwerk. Da ist das unangenehme Gegenlicht, das aufblitzt, die Sicht verwehrt und deshalb so gut zur Geschichte passt. Denn No! gibt Einblick in das Funktionieren der Werbung, gleichzeitig bereitet er einen Abschnitt der Geschichte Chiles auf, wie man sie — abgesehen von Machuca (2004) — selten im chilenischen Film gesehen hat. Somit verwundert es nicht, dass No! als erster chilenischer Film eine Oscar-Nominierung erhalten hat.

Stimmig sind sie, seine Filme. Das gilt auch für Larraíns jüngste Werke, die Anfang des Jahres hierzulande in den Kinos liefen. Beide sind Biopics, arbeiten aber nicht die Konventionen des Genres ab, sondern erzählen auf außergewöhnliche Art aus dem Leben der Figuren. Neruda (2016) widmet sich dem chilenischen Nationalpoeten und Nobelpreisträger Pablo Neruda. Viel allerdings — das sei vorweggenommen — erfährt man in Neruda nicht aus dessen Leben. Larraín präsentiert vor allem eine Stimmung, ein Gefühl davon, wie das Leben von Neruda ausgesehen und was ihn als literarischen Geist beschäftigt haben mag.

Der Film funktioniert so, als würde man einen Text von Jorge Luis Borges lesen. Er ist anschaulich, versetzt einen in eine bestimmte Atmosphäre, versprüht Zeitgeist und kippt dann ins Unverständliche. Plötzlich funktioniert das Universum im Film nicht mehr so, wie man dachte, dass es funktionieren würde. Die Handlung spielt 1948 in Chile: Gabriel González Videla ist Präsident des Landes und stellt erneut das Kabinett um, einer der schärfsten Kritiker ist der Kommunist Neruda (Luis Gnecco). Deshalb muss dieser untertauchen, und Videla setzt Detektiv Oscar Peluchonneau (großartig gespielt von Gael García Bernal) auf Neruda an. So ernst der Bilderbuch-Ermittler seine Aufgabe allerdings nimmt, so tollpatschig zeigt er sich in seinem Tun. Er kommt zu spät, jedes Mal entwischt ihm Neruda knapp. Oder er sitzt sogar im selben Raum, doch Peluchonneau erkennt ihn nicht. 

Das ist die Grundkonstellation: Ein dummer Polizist sucht den großen Dichter, der ihm in allen Situationen überlegen erscheint. Bis deutlich wird: Das alles ist nur ein fiktives Spiel, Peluchonneau eine Figur im Kopf des Literaten. Neruda schreibt Romane und lässt sie für den Ermittler zurück, Peluchonneau liest seine eigene Geschichte. Gérard Genette hat diese Spielform des Erzählens Metalepse genannt — wenn Figuren Fiktionsgrenzen überschreiten. Das ist eine Form von Fantastik und passt so wunderbar zu Borges. Und doch handhabt Larraín seine fiktionalen Ebenensprünge anders als dies z.B. Woody Allen in The Purple Rose of Cairo (1984) getan hat: Er führt keine klar erkennbare Metalepse vor, sondern präsentiert sie als Möglichkeit, spielt damit. Das ist noch ein Stückchen mehr Borges.

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Trailer zu Neruda

Auch in Neruda arbeitet Larraín mit Gegenlicht, das den Zuschauer blendet. Außerdem ist es die Musik, die dem Film einen einzigartigen Tonus verleiht und Stimmungen heraufbeschwört, die über Spannung, Trauer oder Freude hinausgehen. Stärker noch setzt Jackie die Musik als emotionale Vermittlerin ein. Der Film beginnt mit einem Schwarzbild und dissonanten Tonfolgen von Streichinstrumenten. Gerade diese vermitteln Unwohlsein, Verwirrung, ein wenig Angst. Sie werden immer wieder auftauchen im Film, dann, wenn die Hauptfigur Jackie Kennedy (Natalie Portman) mit dem Unbegreiflichen des Geschehenen kämpft, wenn sie zwischendurch innehält, um sich zu vergegenwärtigen, was gerade passiert ist: Ihr Mann wurde erschossen, sie saß mit im Wagen, der Mann auf ihrem Schoß, dessen Kopf sie zusammenzuhalten versuchte. Jackie erzählt aus der Woche nach dem Attentat auf John F. Kennedy 1963.

Jackie ist ein Interview-Film, wie er nicht unüblich ist für Biopics: Er erzählt aus Jackies Erinnerung heraus von den Ereignissen danach. Dennoch schafft er es — v.a. durch das feine Spiel von Natalie Portman, eine unglaublich durchdachte Dramaturgie und die Filmmusik -, sich ganz in die junge Frau einzufühlen. Und ihr dabei zuzuschauen, wie sie die amerikanische Nation zu beeinflussen wusste und ihren Mann unsterblich machte — durch ihren Willen, ihre Entscheidungen, ihre Kunst zu erzählen. Im Gespräch mit dem Journalisten (Billy Crudup) gibt sie intimste Gefühle preis, nur um sie kurz darauf zurückzunehmen: das eben Gesagte dürfe nicht gedruckt werden. Ihre Kunst der Manipulation zeigt der Film auch durch den Rundgang durchs Weiße Haus, den Jackie als erste First Lady inszeniert hat — sie wusste, die Medien zu nutzen, so schüchtern sie sich vor der Kamera auch gegeben haben mag. 

Beide Biopics sind Ausnahmefilme, künstlerische Meisterwerke — auf der Ebene der Geschichte wie auch auf der Ebene des Erzählens. Selten habe ich so gut durchdachte, ja, eben Meisterwerke gesehen, die einfach von hinten bis vorne grandios sind. Und das innerhalb eines Jahres zu schaffen, ist noch einmal mehr eine Meisterleistung.

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