Kolumnen: Das Oscar-Märchen der blühenden Karrierelandschaften

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Kolumnen

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Glaubt man einem der gängigsten Narrative um die jährlich in und an Hollywood vergebenen Academy Awards, stehen den mit ihnen ausgezeichneten Schauspielern alle Türen offen.

Brie Larson (Raum) und Alicia Vikander (The Danish Girl), die vergangenen Sonntag einen Oscar als beste Haupt- bzw. Nebendarstellerin erhielten, sollten sich demnach auf einige Veränderungen einstellen. Einem breiten Publikum bislang noch unbekannt, werden sie sich vor interessanten Angeboten bald kaum retten können, höhere Gagen kassieren und mit vielen renommierten Persönlichkeiten zusammenarbeiten dürfen. Denn wer zum erlauchten Kreis der Oscargewinner zählt, habe es geschafft – daran möchte die wie ein Ritterschlag der Filmindustrie inszenierte Vergabe des Preises keinen Zweifel lassen und bringt das Narrativ in eine angemessen glamouröse Form.

Sofern im Rahmen der Oscar-Zeremonie nicht bereits etablierte Namen und zugkräftige Stars gefeiert werden (wie nun Leonardo DiCaprio oder voriges Jahr Julianne Moore), steht diesen Versprechungen jedoch eine triste Wirklichkeit gegenüber. Strukturell, mit Auswirkung also auf die gender gap oder berufliche Hürden, welche people of color zu nehmen haben, verändert die Verleihung des angeblich wichtigsten Filmpreises der Welt nichts. Im Gegenteil: Sie versteht, wie die im Vorfeld der diesjährigen Oscars nicht immer ganz einleuchtend geführte Debatte um zu wenig diversity anklagte, den Ist-Zustand als bewahrenswert. Weniger privilegierte Schauspieler und besonders Schauspielerinnen werden, falls sie nicht ohnehin von der Verleihung ausgeschlossen sind, mit symbolpolitischen Gesten abgespeist.


(Octavia Spencer gewinnt den Oscar als beste Nebendarstellerin)

Ein derart trübseliges Oscar-Fazit jedenfalls musste Octavia Spencer ziehen. Für The Help gewann sie 2012 einen von lediglich 15 Academy Awards, die in der fast 90-jährigen Geschichte des Preises an schwarz besetzte Haupt- und Nebenrollen gingen. „Ich dachte, mein Telefon würde [daraufhin] oft klingeln, aber das tat es nicht“, erinnert sich Spencer im Interview mit Vulture. Ein Oscargewinn, sagt sie, könne den Mangel an interessanten Rollen für Frauen im Allgemeinen und schwarze Frauen im Besonderen nicht beheben. Um bessere Parts habe sie weiterhin kämpfen müssen, Angebote für Produktionen größerer Studios seien ihr gar nicht erst gemacht worden. Octavia Spencer sah darin die Herausforderung, selbst Projekte anzustoßen, etwa als Co-Produzentin des Independent-Erfolgs Nächster Halt: Fruitvale Station.


(Mo’Nique gewinnt den Oscar als beste Nebendarstellerin)

Dass die große Ehrung der US-Filmbranche nicht zwangläufig Schwierigkeiten schwarzer Schauspielerinnen ausräumt, in Hollywood Arbeit zu finden, hat eine lange und ihrem Ursprung nach rassistische Tradition. Sie beginnt bei Hattie McDaniel, der ersten schwarzen Oscarpreisträgerin (für Vom Winde verweht im Jahr 1940), die bis an ihr Lebensende keine andere Rolle als die des gutmütigen Dienstmädchens angeboten bekam. Und sie hinterlässt – wenn auch weniger kenntlich und mit liberalem Anstrich – Spuren bis in die Gegenwart hinein: Mo’Nique, die ihren Oscar für Precious – Das Leben ist kostbar gegenüber dem Hollywood Reporter in einen historischen Zusammenhang mit Hattie McDaniel setzt, habe der Gewinn weder berufliche noch finanzielle Vorteile gebracht – sie sei, im Gegenteil, sogar ausgegrenzt worden.

Zuverlässig tränenreich ist die Freude über einen gewonnenen Oscar trotzdem. Zwar lässt sich das bei längst angekommenen Künstlern, die ihn als überfällige Wertschätzung ihrer Arbeit empfinden, deutlicher nachvollziehen als bei Underdogs, denen er Vergleichbares allenfalls vage in Aussicht stellt. Doch scheint das Publikum kaum etwas mehr zu bewegen, als eine mit duckmäuserischer Sensibilität vorgetragene Dankbarkeit darüber, es endlich geschafft zu haben. Betreten daher Außenseiter des Systems die Bühne, umweht die Dankesreden und ihren „This changes everything“-Impetus ein Hauch amerikanischer Traum, der die Academy-Narrative von selbst weiterschreibt. Vermeintlich große Oscar-Momente entstehen folglich dort, wo Halle Berry um Fassung ringen und Cuba Gooding Jr. drollige Luftsprünge machen darf. Einen kurzen Moment lang suggerieren sie eindrücklich, dass sich tatsächlich etwas verändert haben könnte.


(Cuba Gooding Jr. gewinnt den Oscar als bester Nebendarsteller)

Auch die Karriere von Cuba Gooding Jr., der für Jerry Maguire einen Oscar gewann, dürfte indes nicht den von ihm erhofften Verlauf genommen haben. Noch im darauffolgenden Jahr spielte er in Besser geht’s nicht eine etwas undankbare Variation seiner Oscar-Performance, und der anschließende Versuch, ihn als (zweiten) Hauptdarsteller in (zweitklassigen) Filmen wie Instinkt, Der Chill Faktor oder Men of Honor aufzubauen, scheiterte zumindest kommerziell. Während die Karrieren anderer (nicht-oscarprämierter) Schauspieler und weißer Kollegen derartige Flops mühelos überstehen, haftete Cuba Gooding Jr. fortan das Etikett Kassengift an. Er drehte den legendär peinlichen Boat Trip und war in zahllosen direkt auf Video veröffentlichten Produktionen zu sehen. Mittlerweile bieten ihm Fernsehserien eine sicherere Heimat, als es das Kino je konnte. Oder wollte.

Das Jahr 1997 – in dem Cuba Gooding Jr. gar nicht mehr aufhören wollte, sich zu freuen – ist für diese Beobachtung ohnehin interessant. Überreicht wurde Gooding Jr. der Preis von Mira Sorvino, die die Bühne ein Jahr zuvor ebenfalls als Oscarpreisträgerin betrat, der eine Karriere trotz dieses Erfolges aber in geradezu bemerkenswerter Weise versagt blieb. Geoffrey Rush wiederum gewann für Shine – Der Weg ins Licht einen Hauptrollen-Oscar und schien dennoch umgehend auf Nebenrollen abonniert. Und Frances McDormand erwarteten nach dem mit Standing Ovations bedachten Oscar für Fargo nicht etwa weitere interessante Kinohauptrollen, sondern vor allem Neben- und Miniparts. Wer weiß, ob sie ohne ihren Ehemann Joel Coen, der sie regelmäßig in seinen eigenen Produktionen besetzt, überhaupt noch auf der großen Leinwand zu sehen wäre.


(Frances McDormand gewinnt den Oscar als beste Hauptdarstellerin)

Allein mit Beispielen der vergangenen drei, vier Jahrzehnte ließe sich diese Liste noch eine Weile fortsetzen (Louise Fletcher, Mercedes Ruehl, Louis Gossett Jr.). Man könnte eine Art Oscar-Bingo der Preisträger veranstalten, deren Namen heute allenfalls Cinephilen ein Begriff sind (Haing S. Ngor, Marlee Matlin, Brenda Fricker), und könnte diese Auswahl noch ergänzen um europäische Oscar-Gewinner, die nach ihrem Sieg keine Hollywoodkarriere machen konnten oder vielleicht auch gar nicht machen wollten (Roberto Benigni, Juliette Binoche, Jean Dujardin). Denn natürlich kann ein Preisträger das mit dem Oscar zumindest theoretisch verbundene Angebot, künftig für High-Profile-Filme und deren Kampagnen besonders attraktiv zu sein, ganz einfach ausschlagen: Unbeirrt drehte Tilda Swinton nach dem gewonnenen Academy Award wieder Independentproduktionen, die ihren Siegerfilm Michael Clayton wie einen kurzen sonderbaren Mainstream-Exkurs wirken ließen.

Ein nennenswertes Oscar-Geschäft machen nicht die Preisträger, sondern deren Filme. Sie kommen – vom Studio entsprechend beworben – erneut in die Kinos, wo ein Best-Picture-Gewinner durchschnittlich 18 Millionen US-Dollar mehr einspielt. Sie lassen sich für höhere Summen an Fernsehsender und Streaming-Dienste abtreten oder zu Paketen mit anderen, weniger attraktiven Filmen schnüren. Und natürlich werden sie als mit funkelnden Stickern bedruckte DVDs auch sehr gut verkauft. Intensive Berichterstattung und Gossip-Kultur ergänzen diese kommerziellen Kontexte, und auch nach Jahrzehnten wird ein preisgekrönter Film für das Publikum noch von größerem Interesse sein als ein nicht prämierter. Dann also, wenn Schauspielerinnen wie Marcia Gay Harden (Oscargewinnerin 2001) lange vergessen sind.

Für eine besonders triste Pointe des Oscar-Narrativs sorgt übrigens die Academy selbst: Sollte ein in finanzielle Not geratener Preisträger aus der mit Gold überzogenen Statue Kapital schlagen wollen, muss er sich vertragsgemäß an die Organisation wenden – und ihr den Oscar zum Preis von exakt 1 Dollar verkaufen.

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