Das lange Schweigen

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Kolumnen

Ein Beitrag von Sonja Hartl

Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018
Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018

Hörst Du es auch? Das Schweigen in der deutschen Filmindustrie? Während in den USA Prozesse angestrengt werden, in Schweden Schauspielerinnen laut werden und ein Zeichen bei der Verleihung des schwedischen Filmpreises Guldbagge setzen, in Frankreich protestiert und gegen den Protest protestiert wird, ist es hierzulande recht ruhig. Es gab Vorwürfe gegen Dieter Wedel, danach wurde eher so getan, als sei dies ein Einzelfall gewesen. Intern wird zwar über mehr als nur ein paar Namen geredet, aber öffentlich – ist das Schweigen laut. Und selbst bei Wedel ging es erstaunlich schnell, dass die Debatte auf die Sorgfalt der ZEIT-JournalistInnen verlagert wurde.

Ende April schien sich dann etwas zu bewegen. Erst wurde bekannt, ein Mitarbeiter des WDR sei freigestellt worden, weil ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Dann ging der Mitarbeiter selbst an die Öffentlichkeit: Es ist Gebhard Henke. Jahrzehntelang beim WDR. In der Öffentlichkeit – falls überhaupt – meist als der Tatort-Koordinator bekannt, offiziell der Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie. Ein einflussreicher Posten, zumal ja in Deutschland die Filmförderung eng an das Fernsehen gekoppelt ist – und der WDR ein großer und mächtiger Sender ist. 

In der Spiegel-Ausgabe vom 5. Mai 2018 erschien dann ein Beitrag, in dem 6 Frauen erzählen, wie sie von Henke „betatscht und begrapscht“ wurden, „wie er angedeutet habe, sie zu fördern, und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartete“. Dieser Artikel wirft kein gutes Bild auf Henke und auf die Abläufe beim WDR. Ausgerechnet – dabei steht der WDR schon seit Anfang April unter Beschuss wegen des Umgang des Senders mit Vorwürfen wegen sexueller Belästigung (z.B. Correctiv, FAZ). Wiederholt wurde mehr Transparenz gefordert, die nun Monika Wulf-Mathies bringen soll. Sie wird von einer Anwaltskanzlei unterstützt, außerdem hat der WDR eine weitere Kanzlei beauftragt. Aber die Frage, ob der WDR genug unternimmt, um aufzuklären – und zu schützen, bleibt weiterhin bestehen. 

© WDR/Herby Sachs
© WDR/Herby Sachs

Hinzu kommt eine zweite Seite in der öffentlichen Wahrnehmung. Zu den Frauen, die Henkel beschuldigen und namentlich bekannt sind, gehört Charlotte Roche. Er habe ihr bei der Begrüßung die Hand geschüttelt und die andere auf ihren Po gelegt, wird sie im Spiegel zitiert. Sie habe an diesem Abend wegen der Verfilmung ihres Buchs unter Druck gestanden und wollte keinen „Aufruhr“. Das ist für jede*n, der/die schon einmal in einer ähnlichen Situation war, eine nachzuvollziehende Reaktion. Gebhard Henkes Anwalt Peter Raue bemerkte indes am 5. Mai 2018 im Deutschlandfunk, es sei schwer vorstellbar, dass man jemanden die Hand gebe und zugleich die Hand auf den Po legen könne, und es könne gar nicht sein, dass Frau Roche Angst gehabt habe, weil der Film damals schon abgedreht gewesen sei. Ersteres ist eigentlich gar nicht so schwierig vorzustellen, bei Zweiterem finde ich, es kann nicht sein, dass die Gefühle einer anderen Person bewertet werden. Aber gut, Peter Raue ist der Anwalt von Gebhard Henke, es ist seine Aufgabe, ihn zu verteidigen. 

Dennoch ist diese Aussage auch ein Beispiel dafür, dass die Wahrnehmung von Frauen weiterhin hinterfragt wird. Im Interview mit Zeit Online hat Charlotte Roche diese Woche dann noch einmal ausgeführt, wie es für sie war – sie wollte den Abend nicht kaputtmachen, indem sie einen Eklat auslöst. Und sie macht noch auf einen zweiten wichtigen Aspekt aufmerksam: „Ich habe mich geschämt, dass ich nichts gemacht habe. Das passt ja auch gar nicht zu mir, geschweige denn zu meinem Image. Ich bin eine selbstbewusste Frau, ich mache Kickboxen und Selbstverteidigungskurse als Hobby, ich kann mich wehren. Wer, wenn nicht ich, müsste massiv reagieren, wenn ein sexueller Übergriff stattfindet?“ Tatsächlich ist das ein Gedanke, der sich sofort stellt: Wenn eine erfolgreiche Frau wie Charlotte Roche schweigt, wie soll dann jemand, der in der Branche erst Fuß fasst – und demnach machtloser ist – den Mund aufmachen? 

Schoßgebete, Constantin Film
Schoßgebete, Constantin Film

Eine weitere öffentliche Reaktion auf den Fall Henke ist ein offener Brief, den Frauen unterzeichnet haben, die mit Henke gearbeitet haben und nicht belästigt wurden. Zusammenfassen lässt er sich als Forderung nach Differenzierung. Was genau differenziert werden soll, wird nicht ganz klar. Zunächst kommen sie zu dem Schluss, dass die Freistellung von Gebhard Henke „den Eindruck nahe(lege), dass Differenzierung unerwünscht sei.“ Allerdings stellt sich hier die Frage, wie dieser Eindruck entstanden ist. Nicht der WDR hat den Namen öffentlich gemacht, sondern Gebhard Henke selbst. Inwiefern „das lange Verschweigen, Vertuschen und Verharmlosen von Übergriffen und Machtmissbrauch bisweilen in blinden Aktionismus und Übereifer mündet“ ist mir aber auch nicht ganz klar. Zumal „Übereifer“ eine schwierige Kategorie ist. Sie klingt schon nach Hysterie – klar, geht ja um Frauen – und es schwingt ein wenig kindisches Verhalten mit. 

Was soll also differenziert werden? In dem offenen Brief wird klargestellt, dass die Unterzeichnerinnen von „Übergriffe(n), die mit Machtmissbrauch zu tun haben“, nichts halten. Das ist beruhigend. Aber wenn ein einflussreicher Mann, so ein weiteres anonymes Beispiel im Spiegel-Artikel, das Hotelzimmer einer Regisseurin aufsucht, die ihren Debütfilm gerade an den WDR verkauft hat und sich von ihr Zuneigung erbittet, welche diese dann verweigert und sie daraufhin nicht mehr zu ihm durchgestellt wird oder Unterstützung bei Förderungsanträgen bekommt, dann ist das Machtmissbrauch. Es mag sein, dass – wie Kachelmann-Anwalt Ralf Höcker in der taz befindet – nichts von dem, was im Spiegel zu lesen war, einen Straftatbestand erfüllt. Aber das Strafrecht ist nicht die einzige gültige Instanz (war es übrigens auch schon nicht beim Fall Wedel). Bei Henke und Vorwürfen gegen andere Mitarbeiter des WDR ist es zum Beispiel das Arbeitsrecht, wie auch Tom Buhrow immer wieder betont. Daher geht es nicht um eine „Skandalisierung“, sondern darum, dass Vorgänge öffentlich gemacht werden. Denn sonst bleibt den Betroffenen nur die Wahl zwischen kündigen und aushalten. Zumal es ja noch einen weiteren Aspekt gibt: Es war Gebhard Henke, der einen Vorwurf gegen Dieter Wedel untersuchte und zu dem Schluss kam, dass in den Akten nichts zu finden ist.

Übereifer ist daher am ehesten die Kategorie, in die der offene Brief fällt. Oder anders ausgedrückt: Warum fühlen sich diese Frauen berufen, Gebhard Henke öffentlich zu unterstützen? Es kann sein, dass sie nicht von ihm belästigt wurden. Aber das heißt ja nicht, dass er es bei anderen nicht gemacht hat. Das zeigt der Fall Harvey Weinstein. Ja, Gebhard Henke mag in der Branche als Frauenförderer gelten, weil er Filme und Serien ermöglicht hat, die weibliche Hauptfiguren in den Mittelpunkt stellen. Aber ein Mann kann auch als Staatsanwalt #MeToo unterstützen und seine Lebensgefährtinnen misshandeln. Es kann sein, dass jemand Opfer sexueller Gewalt ist und sie anderen antut. Das sind die Widersprüche, die diese Debatte aushalten muss. Das sind die Differenzierungen, die vorgenommen werden müssen. 

Eigentlich könnte man diesen offenen Brief also auch als Symptom hinnehmen, einen Reflex, der manche Frauen ereilt, sobald Vorwürfe gegen einen Mann laut werden. Aber er ist noch ein wenig mehr, wenn man sich anschaut, wer den Brief unterzeichnet hat. Dazu gehört auch Iris Berben. Unter dem Brief steht schlicht Schauspielerin, aber Iris Berben ist auch Präsidentin der Deutschen Filmakademie, deren Ziel es ist, „für die Filmschaffenden in diesem Land das zentrale Forum zu sein, auf dem ihre Fragen und Probleme offen, vertrauensvoll und auf Augenhöhe diskutiert werden können“. Und wenngleich der Brief ja nicht „ausschließt“, dass Kolleginnen „andere Sichtweisen und Erfahrungen“ haben, sagt er letztlich eines: Unsere Unterstützung habt ihr nicht. Ein vertrauensvolles Klima sieht anders aus. Dazu passt dann auch, dass die wenigen Worte, die bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises zu #MeToo gesagt wurden, in der zusammengeschnittenen Aufzeichnung fehlten. Dabei ist diese Verleihung – und da muss ich meinem Kollegen Urs Spörri widersprechen, der vor zwei Wochen in seiner Kolumne anmerkte, Anneke Kim Sarnaus Ausspruch, die „Hells Angels haben einen höheren Frauenanteil als die deutsche Filmbranche, ihr Spacken“, sei in einer Laudatio unangemessen – exakt der Ort und Anlass, um deutliche öffentliche Zeichen zu setzen. Plaudereien und Scherze überdecken letztlich nur eines: das Schweigen. Und das bröckelt nur sehr langsam.

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"Rebecca"
Eine dämonische Kraft: Die queere Haushälterin Mrs. Danvers (Judith Anderson, l.) in Alfred Hitchcocks "Rebecca"
Features

Meisterwerke, Klassiker, Kultfilme – und Homophobie

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