Kolumnen: Das Gesicht der Frau Fang

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Kolumnen

Ein Beitrag von Patrick Holzapfel

Die wiederkehrende Nahaufnahme der sterbenden Frau Fang in Wang Bings Locarno-Gewinner Mrs. Fang rüttelt an etablierten Prinzipien des Close-Ups und seiner filmischen Bedeutung.

Mrs. Fang Bild
Mrs. Fang

Stell dir vor, es gibt einen Film, bei dem man in das Gesicht einer älteren Frau blickt, minutenlang, ohne dass man erkennt, ob sie schläft, wacht oder verstorben ist. 


Trailer zu Mrs. Fang

Stell dir vor, dass man in ihre geöffneten, paralysierten, feuchten Augen blickt und nicht erkennen kann, ob sie sieht. 

Stell dir vor, ein Blick wird zu einem Fragezeichen, eine Einstellung zu einem Zweifel, wiederholt, aus sämtlichen Perspektiven, bedrohlich nahe, immer wieder im Angesicht einer Unsicherheit, mit der sich die titelgebende Mrs. Fang in Wang Bings Locarno-Gewinner nach und nach aus dem Leben verabschiedet, in Abwesenheit, ungreifbar inmitten ihrer Liebsten. 

Stell dir vor, jemand würde deine Wahrnehmung einer Nahaufnahme verändern. Diese Gesichter des Kinos, in denen die Emotionen ihre Erfüllung finden, der euphorische Traum des Béla Balázs, die Poesie des jungen Epstein, das große Schauspiel der Maria Falconetti, all die Versprechen, all die Effizienz einer Identifikation, der Spiegel in den Tränen von Anna Karina, der hilfesuchende Blick in die Kamera im unscharfen Auge bei Jean Renoir, all die Zitate, die du von Lippen lesen kannst, als gäbe es Brando, De Niro, Pacino ohne ihre Nahaufnahme. Ich bin bereit für meine Nahaufnahme, sagt Gloria Swanson, mit schwebenden Lidern im gegen die schwindende Jugend versteiften Gesicht. Dagegen das Schweigen in der wiederkehrenden Nahaufnahme der Frau Fang.

Stell dir vor, niemand wäre bereit für eine Nahaufnahme, stell dir vor, du wärst nicht sicher, was du darin sehen kannst. Nicht dich selbst, nicht einen Traum, nicht eine Emotion, nicht eine Reaktion wie bei Kuleschow. Statt des Verweises auf ein Außen im Begehren, Beobachten, Fühlen hin zum Gegenschnitt, die drohende Leere, die mögliche Unendlichkeit im Beharren auf diesem einen Bild eines Gesichts. 

Stell dir vor, eine Nahaufnahme wäre ohnmächtig. Sie würde etwas zeigen, was sie nicht sehen kann. All die Vorsicht von Straub-Huillet, all die in der Zeit angehaltenen Blicke bei Marker, die Deformationen bei Bruno Dumont, all die versteckten Gesichter des Kinos, was wäre ihr Sinn, wenn in einem Blick nichts mehr liegen würde, außer die Unmöglichkeit das Sterben zu filmen? Nicht der Blick in die Seele, sondern deren Verschlossenheit oder Entrücktheit.

Stell dir vor, dass der Blick in ein Gesicht weder zärtlich noch demütigend sein könnte, stell dir vor, dass er sich ständig selbst widerspräche. In der Unbeweglichkeit vielleicht ein Blinzeln, vielleicht eine Träne, vielleicht ein Erkennen. Alles im Konjunktiv, keine Nähe wirkt wirklich nah.

Ich vergesse das Gesicht der Frau Fang nicht. Es erzählt etwas vom Leben, dass das Kino nicht sehen kann. Allerdings habe ich es im Kino gesehen. Eine Nahaufnahme, die mir etwas Neues über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Kinos erzählt hat, und deshalb bleibt sie bei mir. Im Gegensatz zu fast allen anderen Nahaufnahmen, die ich dieses Jahr im Kino sehen durfte, hat sie wirklich etwas im Gesicht gesucht und nicht etwas durch das Gesicht offenbart. Sie hat bewiesen, dass das Kino nicht immer mehr sehen kann, als die Augen liebender Menschen. Stattdessen hat sie sich mit deren Blick verbündet. 

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