Kolumnen: „Danke, Dieter“?

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Kolumnen

Ein Beitrag von Joachim Kurz

Am 20. Februar 2020 beginnt die Berlinale — es ist die 70. Und die erste mit einem neuen Führungsduo. Was ist zu erwarten, was bleibt, was kommt, was geht?

Dieter Kosslick - Porträt
Dieter Kosslick - Porträt

Letztes Jahr, es war das letzte der insgesamt 18 Jahre währenden Amtszeit von Dieter Kosslick als Leiter des größten deutschen Filmfestivals, der Berlinale, prangte auf manchen Mülleimern am Potsdamer Platz ein unübersehbarer Aufkleber mit der Aufschrift „Danke, Dieter!“ — adressiert an den scheidenden Direktor der cineastischen Großveranstaltung. Und so recht wusste man nicht, wie man diese Dankesbekundung aufgrund ihres Anbringungsortes beurteilen sollte — als aufrichtigen Abschiedsgruß oder vielmehr als Ausdruck der Erleichterung, dass diese alte Berlinale nun endlich im Mülleimer der Vergangenheit entsorgt werden konnte.

Mit dem neuen Führungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek verknüpfen sich für viele aus der Branche die Hoffnung auf einen spürbaren Aufbruch, auf mehr Substanz und weniger Zirkus, auf ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Weltkino als Spiegel unserer immer komplexer werdenden Wirklichkeit und auch auf die Rückkehr der Berlinale in den Kreis der wenigen herausragenden Filmfestivals auf der Welt, die den Takt vorgeben und Impulsgeber sind. Denn gerade gegen Ende der Ära Kosslick hatte dieser Ruf und auch die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, die Berlinale sei von allen großen Filmfestivals das politischste, doch erheblich gelitten.

Mit den Neuen soll nun alles besser werden — und tatsächlich scheint es so zu sein, als könne das gelingen: Der Wettbewerb in diesem Jahr lässt zumindest auf dem Papier einiges erwarten — und noch mehr vielleicht die neu eingeführte zweite Wettbewerbsschiene mit dem Titel Encounters, in der die Berlinale neues, frisches, wagemutigeres und experimentelleres Kino zeigen und auszeichnen will. Auch beim Personal lässt sich deutlich ablesen, dass beim Programm künftig ein anderer und anspruchsvoller Wind wehen soll. Die Leiter*innen der Sektionen und die Mitglieder der Auswahlkomitees sind allesamt ausgewiesene Kenner der internationalen Filmlandschaft und stehen für eine neue Art der Ernsthaftigkeit bei der Auswahl und Kuration der Filme.



Zugleich dürfte sich auch Chatrians vor kurzem vorgetragenes Statement positiv auf die Qualität des Programms auswirken, dass die Berlinale künftig nicht mehr in aller Verbissenheit an dem immer schärfer werdenden Wettbewerb um Erstaufführungen und Weltpremieren teilnehmen wird:

„Das Ziel eines Festivals sollte es sein, den Film zu unterstützen — und nicht umgekehrt. Wir wollen das so gut tun, wie es uns möglich ist. Die Haltung, unbedingt der Erste gewesen sein zu müssen, der einen Film zeigt, ist etwas altmodisch, ehrlich gesagt. Für mich ist entscheidend, die richtigen Filme für die Berlinale ausgewählt zu haben. Weltpremieren sind natürlich etwas Besonderes, aber nicht jeder Film im Wettbewerb muss eine Weltpremiere sein.“ Carlo Chatrian

Doch zuerst gibt es eine ganze Reihe anderer Baustellen zu bewältigen: Die Potsdamer-Platz-Arkaden, die bisher mehr gehasste als geliebte Shoppingmall in unmittelbarer Nähe zum Festival-Zentrum, wird gerade wegen chronischer Erfolglosigkeit im großen Stil umgebaut. Wer die legendären Fehlgriffe Berliner Malls kennt, weiß, dass davon eher nichts Gutes zu erwarten ist. Jedenfalls könnte es in diesem Jahr mit der Nahrungsaufnahme eiliger und hungriger Festivalbesucher schwierig werden, weil es aufgrund des Umbaus an der nötigen kulinarischen Infrastruktur fehlt.

Überhaupt ist Infrastruktur ein gutes Stichwort — sie wird wohl in den nächsten Jahren die neue Leitung der Berlinale vor einige Herausforderungen der ganz und gar nicht künstlerischen oder inhaltlichen Arbeit stellen: Das CineStar Kino am Potsdamer Platz, in dem bisher viele Vorstellungen stattfanden, hat zu 31. Dezember 2019 geschlossen, was dazu führte, dass nun das CineStar Cubix am Alexanderplatz einspringen musste. Dadurch und durch den schleichenden Verfall am Potsdamer Platz (auch der Verbleib im Berlinale-Palast steht ja in den Sternen) muss sich das Festival auf Dauer eine neue Heimat suchen. 

Der Potsdamer Platz bietet kaum mehr die Infrastruktur, um ein Filmfestival zu beherbergen. (Unsplash / Dan Visan)
Der Potsdamer Platz bietet kaum mehr die Infrastruktur, um ein Filmfestival zu beherbergen. (Unsplash / Dan Visan)

Es scheint, als ginge trotz sichtbarer Zeichen der erhoffte Veränderungsprozess nur langsam voran — andererseits sollte man der neuen Führung unbedingt Zeit geben, die verschiedenen Altlasten der Vergangenheit aus dem Weg zu räumen, die manchmal zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt auftauchen: So wurde Ende Januar durch einen Artikel in der ZEIT bekannt, dass der Gründungsdirektor der Berlinale Alfred Bauer, der das Festivals 25 Jahre lang leitete, wohl doch tiefer in die Filmbranche des Dritten Reiches verstrickt war, als er dies selbst eingestanden hatte. Anlass der Enthüllungen ist ein Buch des Filmhistorikers Rolf Aurich über die Anfänge des Filmfestivals, das parallel zur Berlinale erscheint und das brisante Enthüllungen enthält. Die Berlinale-Führung reagierte prompt, setzte den nach ihrem Gründer benannten Alfred-Bauer-Preis aus, installierte stattdessen einen neuen Preis ohne Namensgeber und gab ein Gutachten zum genauen Umfang von Bauers Verstrickung in Auftrag. Dennoch war die Aufregung groß und die Liste der Baustellen der neuen Berlinale-Leitung noch um eine weitere angewachsen. Mitten im gerade erst begonnenen Umbauprozess und wenige Wochen vor Beginn der ersten Festivalausgabe war das natürlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt.

Was aber mittel- bis langfristig ansteht neben logistischen Herausforderungen und der Vergangenheitsbewältigung in verschiedenster Form, ist die Schärfung und Entschlackung eines gigantisch aufgeblähten Programms und damit womöglich auch die Abkehr von zugegebenermaßen beeindruckenden Zuschauerzahlen. Immer noch sind es in diesem Jahr rund 360 Filme, die in Berlin gezeigt werden. Und trotz des Abschieds von Kosslickschen Schöpfungen wie dem Kulinarischen Kino und der Reihe zum Native Cinema gibt es immer noch einen großen Wust an Reihen und Untersektionen, die die Berlinale zu einem wahren Filmlabyrinth werden lassen, durch das man sich regelrecht hindurcharbeiten muss. 

Auf diese Weise ist die Berlinale in den letzten Jahren zerfasert zu einem Dutzend Parallelfestivals, die es kaum noch zuließen, dass unter den Kritikern, dem Fachpublikum und den Zuschauern so etwas wie eine gemeinsame Kollektiverfahrung und damit eine Grundlage für einen breiteren Diskurs entstehen konnte.

Doch genau darin besteht die gesellschaftliche Aufgabe von Filmfestivals — mittels des Kinos Diskurs- und Begegnungsräume zu eröffnen, neue Seherfahrungen und Einsichten zu vermitteln und sichtbar zu machen, auf deren Grundlage dann eine Auseinandersetzung über das Gesehene stattfinden kann. Unabhängig von Besucherzahlen, Preisträgern und der öffentlichen Wahrnehmung: Erst wenn es der neuen Leitung gelingt, das Festival in einen solchen Ort zu verwandeln, dann wird man sagen können, dass der neuen Berlinale eine glänzende Zukunft offensteht. Bis dahin ist und bleibt die Berlinale genauso wie die Stadt, die sie umgibt, eine ewige Baustelle, ein fortwährendes Provisorium. Aber vielleicht besteht ja genau darin der Reiz Berlins einerseits und die Herausforderung für die Berlinale (und mit ihr für alle Filmfestivals) andererseits: Der festen Form eine Bereitschaft zur permanenten Neuerfindung und Veränderung entgegenzustellen.

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