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Kolumnen

Ein Beitrag von Olga Galicka

Während alle die WM feiern, verhungert der Filmemacher Oleh Senzow im Gefängnis. Olga Galicka spricht in ihrer Kolumne über seine Arbeit und ihre Bedeutung für die zeitgenössische Realität.

Senzow in Haft, 2015
Senzow in Haft, 2015

Während in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft gefeiert wird, sitzt der ukrainische Filmemacher Oleh Senzow seit nun 4 Jahren in Haft. Seit über 25 Tagen ist er im Hungerstreik. Auf den Straßen Russlands wird gesungen, gelacht und das eigene Team angefeuert. Nicht von einzelnen Personen, sondern von der Weltöffentlichkeit.

Zwar gibt es Kundgebungen, die die Öffentlichkeit gerade jetzt zu diesem Thema mobilisieren wollen, doch was davon in der Strafanstalt Senzows in Irkutsk ankommt, ist unklar. Genauso unklar ist mittlerweile auch das Überleben des Filmemachers. Ob er stirbt oder lebt, liegt in den Händen einzelner. Vielleicht kann man tatsächlich nicht viel für Senzow aus der deutschen Entfernung tun. Man kann jedoch seiner Arbeit gedenken und auch fantasieren, was in den vergangenen Jahren noch alles hätte passieren können. 

 

Lieber sterben, als gehorchen

Senzow wurde in der Hauptstadt der autonomen Region Krim, Simferopol, geboren. Dort drehte er auch seinen ersten Film Gamer, der 2012 auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam Premiere feierte. Positive Kritikerstimmen, Auszeichnungen, gar Vergleiche mit dem legendären russischen Regisseur Alexei Balabanow versprachen eine sichere Filmkarriere. Balabanow gab einst dem russischen Film der 1990er Jahre eine neue Perspektive und den russischen Zuschauern ein Ventil, mit den Verlusten und der Brutalität dieser Zeit umzugehen. Kein Kompliment, das zufällig oder unbedacht gemacht wird. Schon plante Senzow seinen nächsten Film Rhino. Doch als die ukrainische Regierung 2013 überraschend ankündigt, das lang erwartete Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht unterzeichnen zu wollen, unterbricht Senzow die Arbeit am Film, um Teil der Euromaidan-Bewegung zu werden. In der Endphase dieser Krise beginnt der Krimkonflikt. Russland annektiert in kürzester Zeit die Krim, entgegen allen UN-Resolutionen. Und Senzow ist mittendrin und liefert Lebensmittel und Vorräte an Soldaten auf von russischen Einheiten blockierten ukrainischen Krim-Basen. Öffentlich erklärt er, die Krim nicht als Teil der Russischen Föderation anzuerkennen. 

Gamer von Oleh Senzow; Copyright: Cry Cinema
Gamer von Oleh Senzow; Copyright: Cry Cinema

So wird Rhino niemals fertig. Am 11. Mai 2014 wird Senzow wegen des Verdachts der Planung terroristischer Handlungen verhaftet und nach Moskau überstellt. Vorgeworfen wurde Senzow, Terroranschläge auf Brücken, Stromleitungen und öffentliche Denkmäler vorbereitet zu haben. Der Prozess dauert etwa ein Jahr. Dann wird Senzow zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Ungläubig appellieren Künstler aus aller Welt über Jahre hinweg, das Urteil fallen zu lassen. Senzow gibt bald gewissermaßen auf, will jedoch die Kontrolle über sein Leben behalten. Lieber sterbe er in Würde, als 20 Jahre lang dahinzusiechen, schreibt er in einem Brief in die Freiheit. 

 

Spielerträume 

Rhino hätte das Potenzial, eine mythische Figur der Filmwelt zu werden. Denn der Vergleich von Regisseur Senzow zu Alexei Balabanow ist mehr als gerechtfertigt. Beide haben es in ihren Filmen geschafft, die Essenz der zeitgenössischen Jugend einzufangen, eine schwierige politische Zeit bis aufs Schmerzhafteste zu verdichten. In Gamer schildert Senzow das Leben des jungen Ljescha, der von seinen Freunden Koss genannt wird. Ljescha ist lethargisch, geradezu statisch und scheint immer neben sich zu stehen. Doch er hat einen Traum: er will professioneller Gamer werden. Dafür verbringt er all seine Zeit in Computerclubs. Dort lässt er auch das wenige Geld, das er hat. Die Abgeschiedenheit des Gamerlebens beruhigt ihn. Als könnte er nur da träumen von einem selbst, das er von sich in Realität nicht kennt. Statt dunklen Gängen und Gewehren erscheint er sich im Spiel manchmal selbst. Auf einer Schaukel oder vor einer Wiese. Bald fliegt Ljescha aus der Fachhochschule. Seine alleinerziehende Mutter ist ratlos. Nur Ljescha scheint zu wissen, was er machen muss: Spielen. 

Dabei ist er so sehr in das Spiel vertieft, dass er nicht merkt, dass seine alte Schulfreundin Katja in ihn verliebt ist. Oder dass seine Freunde ihn sehr gern haben. Wenn er mit seinen Freunden oder seiner Mutter ist, dann ist er nicht wirklich da. Unbeweglich steht er in der Gegend und weiß selbst nicht, wie es um ihn geschieht. Alle scheinen etwas von ihm zu wollen und nur Ljescha selbst will eigentlich nichts. Außer spielen. Als der Traum in Erfüllung zu gehen scheint und Ljescha zu einem Wettbewerb nach Los Angeles eingeladen wird, glaubt man, das gute Ende nahe. Doch Ljescha wird nur zweiter. Ein Schlag, mit dem er nicht umgehen kann. Und von da geht es für ihn abwärts. Ljescha findet sich zunehmend in einer Welt, die er nicht versteht. Und die Welt versteht ihn genauso wenig. 

 

Rückkehr ins Leere 

Oleh Senzow hat selbst einmal einen Computerclub besessen. Dann wollte er einen Film machen. Einfach aus dem Nichts. Also verkaufte er alles und drehte Gamer als No-Budget-Produktion. Sein Held Ljescha erinnert sehr an den jungen Danila aus Balabanovs Bruder. Danila kehrte Mitte der 1990er Jahre aus dem Tschetschenien-Krieg zurück in eine Welt, die er ebenso wenig verstand wie Ljescha seine. Danila konnte nur das, was er im Krieg gelernt hatte, und überlebte so in der post-sowjetischen Großstadt. Dabei blieb er bis zum Ende genauso statisch wie Ljescha. Man könnte beide kein Stück von der Stelle bewegen. Es sei denn, sie wollten es selbst so. Für Ljescha gab es keinen Krieg, aus dem er zurückkehren konnte. Sein Kampf ist der leere Alltag einer Welt, von der er kein Teil mehr sein will. Nicht, weil er nicht leben will, sondern weil er dieses Leben nicht will. Beinahe prophetisch ist der Film, so wäre der junge Ljescha nur ein paar Jahre später während der Krimkrise Soldat geworden. Wer weiß, auf welcher Seite. 

Bruder von Alexei Balabanow; Copyright: Kino International
Bruder von Alexei Balabanow; Copyright: Kino International

Man kann sich nur fragen, welche Realität Senzow uns in Rhino aufgezeigt hätte. Ein brutaler Durchbruch eines wilden Tieres in Richtung Zukunft oder doch eher ein Schlag zurück in eine Vergangenheit, die man hätte gerne zurücklassen wollen. Würde man Bruder und Gamer zeitlich umkehren, so hätte Ljescha auch der junge Danila sein können. Einer der die Welt nicht verstand, bis er Soldat wurde. Senzow verhungert, Balabanov ist tot. Die traurige Realität von Menschen, die ihre Umwelt nicht verstanden haben, ist aus dem Kino ins Leben der Filmemacher übergeschwappt. Beide Filme haben jedoch ein Bewusstsein zurückgelassen: Am Ende sind Soldaten auch nur Spielfiguren. 

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