Vom Ende der Zurückhaltung

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Lars Dolkemeyer

Überzeugte das Horrorkino in den vorigen Jahren noch durch sorgsam inszenierte Bilder einer tief verborgenen Finsternis hinter den Dingen, so hat sich in diesem Jahr eine Veränderung im Genre angekündigt: Mandy zeigte eindrucksvoll, was es bedeutet, gegen die Dunkelheit aufzustehen.

Bild zu Mandy von Panos Cosmatos
Mandy von Panos Cosmatos - Filmbild 1

Im Horrorkino der vergangenen Jahre zeigten Filme wie The Witch (Robert Eggers, 2015), Der Nachtmahr (Akiz, 2015) oder Raw (Julia Ducourneau, 2016), welche furchtbare Dunkelheit sich tief im Abgrund gesellschaftlicher Beziehungen verbirgt und von dort jede Faser menschlichen Zusammenlebens durchdringt. Dieses Jahr aber war anders. Dieses Jahr wurde besonders im Genrekino deutlich: Die subtilen Zeiten sind vorbei. Ab jetzt wird offen gegen die Finsternis gekämpft.

Kaum ein Film macht dies so kompromisslos deutlich wie Panos Cosmatos‘ Mandy. Nicolas Cage, dessen Trash-Qualität sich hier frei entfalten kann, ist auf einem entfesselten Rachetrip, um die religiösen Fascho-Fanatiker zur Strecke zu bringen, die seine Frau gefoltert und ermordet haben. Nach dem sich kaum erträglich streckenden Prolog des Films, der in zerfließenden Bildern einen Zustand schwebender Balance filmt, die wabernde Gleichmut eines unbestimmt zufriedenen Lebens, explodiert die Welt um Nicolas Cage, sie arrangiert sich neu um das übertaktete Herz pulsierender Rache gegen die Ungerechtigkeit, der seine Frau so sinnlos zum Opfer fiel.

Was für ein Gefühl der Befreiung: Nach einer kaum endenden, erdrückenden Traum-Sequenz, nach der langsamen und unerbittlichen Folter, die die Figuren erleiden, gehört das nun in Feuerbrunst ertränkte Bild des schmiedenden Nicolas Cage zum Eindrücklichsten, was dieses Filmjahr zu bieten hatte. Was er schmiedet? Eine gigantische, glänzende, silberne Axt, mit der die Richtung des Films plötzlich eindeutig ist: Gegen das Böse, gegen die Dunkelheit, auch wenn das bedeutet, selbst durch sie hindurchgehen zu müssen.

Was ein Film wie Mandy zurückerobert, ist dabei gar nicht in erster Linie eine Form von Gerechtigkeit oder jener Zustand des Gleichgewichts, der nach dem Beginn des Films zerstört wird. Es ist vielmehr die Möglichkeit der Polemik, die der Film aus den Händen rechter Demagogen reißen und befreien will. 

 

Ahnten die Horrorfilme, die um das Jahr 2016 entstanden, ein düsteres Heraufziehen von Angst und Hass, so braucht es nun keinen sorgfältig sezierenden Blick mehr, um eine Idee von den Unterströmungen rechter Weltanschauung zu bekommen, die in einer nur vordergründig freien Gesellschaft den Sinn für Demokratie und Gleichheit längst unterspült haben. Mit der geifernden Rhetorik der sogenannten Neuen Rechten ist noch immer kein gelingender Umgang gefunden – so viele Überlegungen auch dazu angestellt werden, wie man Mit Rechten reden (Zorn/Steinbeis/Leo, 2017) solle.

Das diesjährige Horrorkino um Mandy hat aber einen – gewagten – Vorschlag zu machen: Was wäre, wenn es doch möglich sein sollte, sich die Polemik zurückzuerobern? Was ist aus der Schlagkraft laut geschriener Parolen geworden, die nicht das Ende des Abendlandes (whatever that is …) heraufbeschwören, sondern das Ende von Ausgrenzung, von Ablehnung, von Rassismus und Demütigung, von Faschismus und hasserfüllter Ideologie? 

In der ungebremsten Energie, mit der Mandy über die Dunkelheit hinwegwalzt, im brachialen Spaß, den das bereitet, im Gefühl der Befreiung, das der Film Schritt für Schritt erkämpft, steckt kein Aufruf zur Gewalt – dieser altbackene Vorwurf an den Horrorfilm ist längst überholt –, sondern die Aussicht auf eine dynamische Kraft in der Welt, die gerade gegen jede Gewalt antritt und aufräumt mit Angst und Hass und Finsternis.

Der Horrorfilm ist seit jeher Reflexionsfläche für die gesellschaftlichen Umstände, die ihn hervorbringen – Mandy weist eindrucksvoll den Weg einer neuen Haltung, die in diesem Jahr spürbar geworden ist. Er ist der Aufruf, sich nicht länger illusorisch im bereits zerstörten Gleichgewicht einer apolitischen Schwebe einzunisten, sondern herauszutreten und gegen die Mächte aufzustehen, die eine freie Welt bekämpfen, ihnen laut und ohne Angst die Stirn zu bieten und mit ungebremster Energie für Freiheit, für Gleichheit, für die Demokratie einzutreten.

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