Jahresrückblick: Vaterschaft und Gundermann

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Alex Matzkeit

Alex Matzkeit ist in diesem Jahr Vater geworden und alles hat sich für ihn verändert — auch im Kino.

Filmstill zu Gundermann (2018) von Andreas Dresen
Gundermann (2018) von Andreas Dresen

Ich hatte einiges darüber raunen gehört, dass sich „alles“ verändert, wenn ich Vater werden würde. Ich hatte auch Eltern beobachtet und mit Nicht-Eltern verglichen und mir eingeredet, tatsächlich einen Unterschied zu sehen. Kein Klischee-Unterschied, der sich auf „Schmaugenringe“ reimt, sondern wirklich das Gefühl: Eltern sind mit der Verantwortung, die sie tragen, echte Erwachsene. Alle anderen sind nur großgewordene Teenager.

Als ich mein Kind im April das erste Mal im Arm hielt, war einer meiner ersten Gedanken „Verdammt, ich bin immer noch derselbe“. Kein goldener Glanz war über mich gekommen und hatte mich zu einem anderen, erwachseneren Menschen gemacht. Leider oder zum Glück, das habe ich noch nicht entschieden. Geändert hat sich vor allem Praktisches. Ich habe wirklich unterschätzt, wie viel Zeit ein Baby kostet und wie wenig ich also zum Beispiel noch ins Kino gehen kann.

Im September habe ich es dann doch geschafft, mich mal davonzustehlen. Ich wollte unbedingt Gundermann sehen, Andreas Dresens Film über einen sozialistischen Liedermacher, der in der DDR erfolgreich war, kurz nach der Wende noch einmal ein Comeback feierte und dann wegen seiner Stasi-Verstrickungen zum Aufreger wurde. Mir gefiel, wie Dresen und Schauspieler Alexander Scheer diesen Gundermann zeichnen: Eigentlich ein ziemlicher Unsympath von Anfang an. Egoistisch, opportunistisch, selbstherrlich, aber trotzdem irgendwie in der Lage, mit seiner Musik Menschen zu bewegen.

Ich kannte Gerhard „Gundi“ Gundermann vor dem Kinobesuch nur vom Namen. Mit seiner Musik war ich nicht vertraut, aber der Film gibt einem genug Gelegenheit, sie kennenzulernen. Showstopper in der Mitte des Films ist der Song Linda, den Gundermann für seine Tochter geschrieben hat. Er beginnt mit den Worten „Du bist in mein Herz gefall‘n / wie in ein verlassenes Haus“ und steigert sich zu dem triumphalen Refrain „Jetzt komm‘ die fetten Tage, Linda / wir haben so lang auf dich gespart. / Was soll’n wir euch sagen, Kinder / die Alten sind noch mal am Start“.

 

Das Bild vom lebensmüden Mann, dem durch die Ankunft eines Kindes ein neuer Sinn in der Welt gegeben wird, hat weder Andreas Dresen noch Gerhard Gundermann erfunden. „Du hast mich wieder ausgeschnitten aus meiner dicken Haut“, singt der Liedermacher und tritt damit in die Spuren aller Männer, die sich im Laufe der Zeitgeschichte ihre Manic Pixie Dream Girls zurechtgeträumt haben. Unschuldsprojektionen, mit denen sie die Verdorbenheit reinwaschen wollen, die sie an sich selbst sehen. 

Wie verlogen diese Haltung ist, zeigt Dresen, indem er den erfolgreichen Linda-Auftritt mit verträumtem Publikum parallel zu Gundermanns häuslicher Realität montiert: Seine Frau Conny sitzt allein zu Hause und kümmert sich um die echte Linda. Gundi nutzt seine Familie nur, wenn er bei sich gerade mal wieder ein emotionales Loch stopfen muss. Arbeit, die er ja als überzeugter Kommunist für ein hohes Gut hält, scheint es für ihn nur im Braunkohlebagger, nicht in der Beziehung zu seinen Mitmenschen zu geben. 

Weder mein Idealbild noch meine tatsächliche Elternsituation sieht und sah so aus. Ich hatte nie das Gefühl, dass mein Leben so leer ist, dass nur ein Kind es füllen könnte. Es ist eher ein glorreicher Bonus. Ich bemühe mich nach Kräften, ein Familienleben zu gestalten, in der meine Partnerin und ich uns gleichberechtigt um unseren Nachwuchs kümmern. Und trotzdem hat mich die Sequenz mitten ins Herz – und entsprechend auch in die Tränendrüsen getroffen, sowohl im Kino als auch, wenn ich jetzt daran denke. 

Irgendwie gemein, dass sowas funktioniert. Und das Schlimmste ist: Szenen, die mit Vätern und Familien zu tun haben, bewegen mich inzwischen insgesamt deutlich mehr, als noch vor acht Monaten. Dass sich alles verändert, stimmt also irgendwie doch.

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Foto Alex Matzkeit
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Manuel · 17.12.2018

So ist es nunmal und war es schon immer. Man kann nicht ohne sich selbst ins Kino gehen. Kino ist und bleibt ein ganz persönliches Erlebnis. So sollten auch Filmrezensionen sein. Leider ist das Internet voll von spoilerfreien kalten Analysen.

Kommentare

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