Jahresrückblick: Nüchtern dargebotene Chronik einer Eskalation

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Christopher Diekhaus

In seinem Spielfilmdebüt, das in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet wurde, skizziert der Franzose Xavier Legrand erschreckend realistisch, wie Gewaltausbrüche und gekränkter Stolz in ein familiäres Schlachtfeld münden.

Filmstill zu Nach dem Urteil (2017)
Nach dem Urteil (2017) von Xavier Legrand

Werden im Kino große Konflikte gezeigt und aufgeheizte Emotionen beschworen, lassen sich häufig auch die Bilder vom Erregungszustand der Erzählung infizieren. Nicht selten stürzt sich die Kamera mitten hinein zwischen die Fronten und versucht, die Spannungen quasi physisch spürbar zu machen. Nach dem Urteil, das Langfilmdebüt von Xavier Legrand, indes geht andere Wege, um seine hochexplosive Gemengelage mit Nachdruck zu vermitteln, und bietet gerade deshalb eine der eindringlichsten Seherfahrungen des bald zu Ende gehenden Jahres 2018.

Der französische Regisseur und Drehbuchautor, der für seine kluge, umsichtige Inszenierung in Venedig den Silbernen Löwen erhielt, beginnt sein Drama mit einer mehr als fünfzehnminütigen (!), bürokratisch anmutenden Sequenz, die den Zuschauer trotz starrer Schuss-Gegenschuss-Einstellungen direkt in das skizzierte familiäre Minenfeld hineinzieht: Miriam Besson (Léa Drucker) und ihr Ex Antoine (Denis Ménochet) sitzen zusammen mit ihren Anwältinnen vor einer Richterin, um über das Sorgerecht ihres gemeinsamen Sohnes Julien (Thomas Gioria) zu verhandeln, und bekommen ausreichend Raum für die Darlegung ihrer Standpunkte. Während die Mutter von gewalttätigen Ausfällen und Drohgebärden berichtet, streitet der Vater die gegen ihn erhobenen Vorwürfe vehement ab. Wer lügt und wer die Wahrheit sagt, lässt sich an dieser Stelle noch nicht eindeutig sagen, womit Legrand sehr anschaulich zeigt, wie schwierig eine Entscheidungsfindung für die juristische Instanzen ist.

 

Einige Zeit nach der Anhörung steht das für Miriam ernüchternde Urteil der Richterin fest: Jedes zweite Wochenende soll der 11-jährige Julien von nun an bei seinem Erzeuger verbringen – was den Jungen mit sichtlichem Unbehagen erfüllt. Im Folgenden löst der Film seine anfangs etablierte Ambivalenz kontinuierlich auf und entblättert mehr und mehr die gewalttätige, tyrannische Seite des besitzergreifenden Antoine, der das Ende seiner Ehe nicht akzeptieren und seine Frau um jeden Preis zurückgewinnen will. Obwohl ihn das Drehbuch als das Pulverfass entlarvt, von dem eingangs die Rede ist, und das Geschehen zunehmend in thrillerhafte Gefilde vordringt, verweigert sich Legrand konsequent plumpen, effekthascherischen Gestaltungsmitteln. Auch weiterhin dominiert ein nüchterner, beobachtender Kamerablick, der das aufwühlende Zusammenspiel der Darsteller und die gefährliche Gefühlsmelange umso mehr ins Zentrum rückt. Gerade weil der ohne musikalische Untermalung auskommende Film beinahe dokumentarisch bleibt, sind die gelegentlichen Wutausbrüche absolut verstörend. 

Nach dem Urteil steuert unaufhaltsam, aber alles andere als billig forciert auf eine markerschütternde Eskalation zu, die einem in den letzten Minuten ordentlich den Atem raubt. Ist der Spuk schließlich vorbei, lässt sich das Gesehene keineswegs sofort abschütteln. Vielmehr setzt sich die Geschichte über häusliche Gewalt ob ihrer erschreckend realistischen Beschreibung noch eine ganze Weile im Kopf des Betrachters fest. Wer bislang glaubte, ein nervenaufreibendes Filmerlebnis sei zwangsläufig an möglichst viele formale Mätzchen gebunden, dürfte dank der Arbeit des verheißungsvollen Regiedebütanten Legrand nun ein bisschen schlauer sein. 

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Foto Christopher Diekhaus
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