Kollateralschäden

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Paul Katzenberger

Paul Katzenberger ist in diesem Jahr besonders der vorerst endgültige Abschied einer Tochter von ihrem Vater in Debra Graniks Leave No Trace in Erinnerung geblieben. Ein Film über die furchtbaren Kollateralschäden der Kriege, die die USA in aller Welt führen.

Bild zu Leave No Trace von Debra Granik
Leave No Trace von Debra Granik - Filmbild 1

Das Drama Leave No Trace kommt einem zunächst etwas sektiererisch vor: Vater und Tochter führen in der Wildnis ein sozial vollkommen isoliertes und gleichzeitig sehr naturverbundenes Leben. Doch im weiteren Verlauf erweist sich Debra Graniks subtiler Film nicht als zivilisationskritisches Plädoyer für alternative Lebensformen, sondern als einfühlsame und menschenfreundliche Gesellschaftsstudie von großer Tragik.

Was wäre das Kino ohne Aufregerfilme? Vermutlich deutlich ärmer. Denn „Skandal-Regisseure“ wie Gaspar Noé oder Lars von Trier, deren neueste Schocker Climax und The House That Jack Built gerade in den deutschen Kinos angelaufen sind, stellen bei allem Widerspruch, den sie mit ihren Gewalt- und Sexszenen regelmäßig erzeugen, dem Zuschauer doch auch immer wieder berechtigte Fragen zur menschlichen Ambivalenz.

Der vielleicht berührendste Film dieses Jahres kommt im Gegensatz dazu allerdings sehr leise daher. Debra Graniks subtiles Drama Leave No Trace erzählt die Geschichte von Vater Will (Ben Foster) und seiner jugendlichen Tochter Tom (die Nachwuchs-Schauspielerin des Jahres: Thomasin Harcourt McKenzie!), die sich schon länger weitestgehend aus der Gesellschaft verabschiedet haben.

Statt in einer Wohnung hausen sie in den Wäldern von Portland, Oregon, wo sie ein sehr naturverbundenes Leben führen. Gegessen wird, was die Flora hergibt. Ihre persönlichen Gegenstände verstauen sie in einem komplexen System an Ablagen unter Bäumen und Planen, in selbst gegrabenen Löchern und mit Laub getarnten Kisten. Sie beherrschen es, Feuer ohne Feuerzeug zu machen. Will unterrichtet seine Tochter in allen möglichen weiteren Survivaltechniken und lässt ihr auch eine klassische Schulbildung zuteilwerden. 

 

Während der Zuschauer dem Vater-Tochter-Gespann bei all diesem Tun zusieht, fängt er sich mit der Zeit doch an zu fragen, warum die beiden diese Daseinsweise gewählt haben. Denn anders als Matt Ross‘ Tragikomödie Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück von 2016, die den Aussteiger Ben (Viggo Mortensen) mit seiner Familie bei einem Leben abseits jeglicher Zivilisation zeigt, ist Leave No Trace zu keinem Zeitpunkt ein Plädoyer dafür, sich einer alternativen Lebensform zuzuwenden.

Vielmehr stellt Wills und Toms Außenseiterdasein eine Zwangssituation dar, wie der Zuschauer aufgrund von Graniks respektvollen und stets nur andeutenden Blick auf Wills Kriegstraumatisierung als ehemaliger G.I. peu à peu nachzuvollziehen lernt: Will kann aufgrund seiner mentalen Probleme nur noch in der Isolation existieren.

Doch was bedeutet das für Tom? Sie ist von grenzenloser Liebe zu ihrem Vater durchdrungen, doch kann sie als geistig gesunder Teenager mit all den Bedürfnissen eines solchen auf jegliche Sozialkontakte verzichten? Als Vater und Tochter nach einem  Unfall Wills, bei dem er sich schwer verletzt, von einer Gruppe von Alternativlern aufgenommen werden, die im Wald leben und sich liebevoll um den Versehrten kümmern, scheint die Geschichte ein Happy End zu finden: Die naturverbundene Lebensweise der Aussteiger müsste Wills und Toms bisherigem Dasein so weit zu entsprechen, dass es für beide tatsächlich keinen Grund mehr geben sollte, in der Wildnis für sich zu bleiben. 

 

Doch als Will selbst hier von seinen Dämonen eingeholt wird und davonlaufen will, erkennt Tom, dass sie mit ihrem Vater nicht so weiterleben kann wie bisher. Das Problem: Auch er kann nicht anders. Und so kommt, was unausweichlich ist: Zwei Menschen, die sich in einer Weise nahestehen, wie sie unauflöslicher kaum sein könnte, sind gezwungen, sich zu trennen. Nichts konnte einem in diesem Kinojahr näher gehen als der Moment, in dem sich Will und Tom von einander verabschieden. Denn gerade weil die Welt so wundervoll friedlich ist, in der sie sich trennen, wird deutlich, wie tief die seelischen Verletzungen dieses Vaters sein müssen, die Regisseurin und Drehbuchautorin Granik in dem ganzen Film nur mit größter Diskretion anspricht. 

Leave No Trace vermittelt in unglaublich subtiler und berührender Weise einen Eindruck von den furchtbaren Kollateralschäden der amerikanischen Feldzüge in aller Welt – mitten in den USA selbst. Und das alles in einem Film, der von tiefer Menschenliebe zeugt und ohne eine einzige Gewaltszene auskommt.

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Paul Katzenberger
Paul Katzenberger
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