Im Spiegelkabinett der Eitelkeiten

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Lucia Wiedergrün

Mit Gaspar Nóes Climax ist dieses Jahr ein weiterer Film ins Kino gekommen, der unter seiner neonschimmernden Oberfläche Provokation mit Kritik verwechselt und damit gesellschaftliche Klischees nur immer weiter festigt, statt sie aufzulösen.

Climax von Gaspar Noé
Climax von Gaspar Noé

Ich will mir nicht mehr Misogynie mansplainen lassen. Ich weiß, wie Gewalt gegen Frauen aussieht, ich weiß, wie das Kino sie sieht und wie es sie überzeichnet, um das Kritik zu nennen, was nur Voyeurismus ist. Ich will Filme, die wenigstens zu ihrer Gewalt stehen, die mit ihr spielen, wie es beispielsweise Der Nachtmahr (2015), Raw (2016) oder zuletzt Suspiria (2018) auf so eindrucksvolle Art und Weise getan haben. Filme, die verstehen, dass der ironischen Überzeichnung von Stereotypen alleine noch kein subversives Potential innewohnt und dass die Grenzüberschreitung nicht per se ein Modus der Kritik ist.

Climax hingegen gehört zu jenen Filmen, die mit dem Reich der Möglichkeiten, das Tarantino mit seiner Ingangsetzung der Ironiespirale im Mainstreamkino eröffnet hat, immer noch überfordert sind, wie Zwölfjährige unter der Decke nach der ersten Ejakulation. Da lassen sich gewaltsexuelle Machtfantasien in Freuds nicht mehr ganz so frische Laken kleiden und schon kann die Überlegenheitsspirale noch eine Stufe weitergedreht werden. Haben jahrzehntelang die Gewaltbilder alleine gereicht, lässt sich jetzt aus der Selbsterkenntnis noch ein viel tieferes Gefühl der Befriedigung ziehen. Aus dem Voyeurismus wird Exhibitionismus. Schaut her, schaut mich an, ich bin ein männlicher Blick, ich habe ein Problem mit Frauen, lasst mich euch zeigen, wie widerlich ich bin, wie schändlich, und jetzt begafft mich, bestraft mich, tut, was ihr wollt mit mir, Hauptsache, ihr schaut mich an, schaut mit meinen Augen, schaut nicht weg, seht nicht die Frauen an. 

 

Die Frauen, die in diesem Kino der Selbstoffenbarung völlig verschwinden. Ein Verschwinden, das der ach so selbstreflexive Film aber natürlich immer schon mitdenkt und so ist es, als würde man in ein Spiegelkabinett völlig sinnbefreiter Bilder der Langeweile und Selbstgeißelung schauen – und ja, natürlich sind das die Bilder unserer Zeit, die Bilder von Instagram und Internet-Porn. Ich weiß das, auch wenn der Film mir das nicht zutraut. Aber das sind nicht alle Bilder, das ist nur ein Ausschnitt; ein Ausschnitt, der in diesem Formporno der Entleerung bei aller vermeintlichen Kritik nur immer wieder in eine fixe Form gegossen und so vollständig zementiert wird. So hartnäckig der Gestus der Kritik sich in Climax auch halten mag, am Ende ist das ein Film, der sich seines Erfolgs sicher ist, der das bisschen Provokation braucht, welches er den immer gleichen Gewaltsexszenarien und Grenzüberschreitungen abringen kann, um seinen Erfolg und vor allem seine Selbstgefälligkeit in Stein zu meißeln und ganz nebenbei auch dem gerade aktuellen Gestus des Missverstanden-werden-Wollens folgt. Wer im Gegensatz zu diesem lauten Geschrei leise ins Kino gegangen ist, zugeschaut und zugehört hat, der hat all diese Bilder schon gesehen, bevor sie im Rausch der Selbstbespiegelung verloren gegangen sind. 

Ich bin es leid erklärt zu bekommen, dass in dieser testosterongesteuerten Trägheit der Kern der Probleme einer blinden, machtgeilen, konsumgesteuerten Welt ist, die kurz vor dem Kollaps steht. Ich werde diesen Film nicht dafür loben, mir als Erkenntnis zu präsentieren, was er längst wüsste, wenn er nicht selber so viel Lärm machen würde. Im aktuellen Diskurs der polemischen Überbietungslogik scheint die Erkenntnis umso wichtiger, dass auch Selbstkritik Raum einnimmt, der anderweitig produktiv gemacht werden könnte. In diesen schwierigen politischen Zeiten brauchen wir mehr denn je Filme, die verstehen, dass Kino ohne Sensibilität, aufgebaut allein auf Zynismus, nichts bewegen kann. Filme, die verstehen, was es heißt, das Publikum an einen neuen Ort zu bringen, die Realität zu kippen, die Kadrage zu verschieben, und sei es nur um einige Millimeter, um die Zuschauer*innen nicht besser, aber anders aus dem Kino zu entlassen als sie hineingegangen sind. 

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