„I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians” von Radu Jude

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Lucas Barwenczik

Es ist nie leicht zu beschreiben, wie und warum ein Film eine ganz unmittelbare, körperliche Reaktion hervorruft. Warum dieser, aber ein anderer nicht? Welches Bild drängt Schweiß aus den Poren, welcher Schnitt lässt den Puls hämmern? Wo Stroboskoplichter oder schrille Musik zum Einsatz kommen, erkennt man zumindest, dass es wohl um einen physiologischen Effekt ging.

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I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians von Radu Jude - Filmbild 1

I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians von Radu Jude allerdings könnte man auf dem Papier für Geschichtsunterricht halten. Eine spröde theoretische Abhandlung über die blutige Vergangenheit Rumäniens, die Heimat des Regisseurs. Kritiker haben ihn mit Filmen aus Godards maoistischer Phase wie Die Chinesin verglichen. Schon in den ersten Szenen wird klar, wie verfremdet und gebrochen die filmische Realität daherkommt. Hauptdarstellerin Ioana Iacob läuft durch ein Militärmuseum und stellt sich und ihre Figur Mariana vor. Schon allein, weil Fiktion und Dokumentation so eng verwoben sind, sollte die vollständige Immersion eigentlich unmöglich sein. Ist es überhaupt denkbar, aus der Realität kommend in der Realität zu versinken?  

Mariana plant ein Reenactment über den Holocaust in Rumänien. Ihre Kollegen und Vorgesetzten sind wenig begeistert. Überall stößt sie auf Widerstände. Eine permanente Frustration durchzieht den Film. Das Unterfangen wirkt vergeblich, wahrscheinlich fragt sich Mariana selbst irgendwann, was ausgerechnet dieser Felsblock überhaupt auf dem Berggipfel soll. Was wäre erreicht? Zuletzt verspricht sie, einfach eine weitere patriotische Heldenschlacht vorzuführen. Fahnengeschwenke, Applaus, alle gehen zufrieden nach Hause. Natürlich verwandelt sich die Performance während ihres Verlaufs. Unter jedem Kostüm stecken zwei Figuren, die Performance erzählt plötzlich eine andere Geschichte. Alles gerät zur schwarzen Posse, ein so absurdes wie tragisches Finale entspinnt sich. Der Moment, wenn alles kippt, ist eindringlich, im wahrsten Sinne des Wortes: Etwas ergreift Besitz von den Charakteren und uns. Dringt in unser Bewusstsein ein. Vielleicht wie Walter Benjamin es Klees „Angelus Novus“ zugeschrieben hat; vielleicht irgendein böser, spöttischer Geist. Kunst wird wieder die Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lässt. 

 

Eigentlich läuft alles in erwartbaren Bahnen, schon früh zeichnen sich die Umrisse der kommenden Ereignisse klar gegen den Horizont ab. Wer sehenden Auges in Richtung Abgrund marschiert, der fällt schon in der Horizontalen. Vielleicht ist man der Geschichte so ausgeliefert wie einem Film, und so windet man sich mit überschlagendem Herz in den Sitzen. Vergewissert sich, nicht nur Zuschauer, sondern auch ein Mensch zu sein. Womöglich könnte man gehen, genau wie all die Besucher der Vorführung. Vielleicht ist es möglich einzugreifen. Eine Welt der Konjunktive. Das hektisch pochende Herz, unruhiges Umherrutschen im Kinosessel, der krampfende Griff an der Armlehne – Bewegungen, die der eigenen Unbeweglichkeit entgegenwirken soll, aber die Last nur noch stärker wiegen lassen. 

I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians hat mich am ganzen Körper zittern lassen. Ich war wütend und traurig und wollte wütend und traurig bleiben. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, von einem historischen Drama erfasst zu werden wie von einem Actionfilm oder einer Achterbahnfahrt. Darf man auf die tragische Vergangenheit überhaupt mit so einer schmerzlichen Hohestimmung reagieren? Degradiert man sie dadurch nicht zur Achterbahn? Und dürfte man es nicht, wie sollte man seinem Körper Einhalt gebieten?

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