Die Tragikomödie vom Nachkriegskino

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

Katrin Doerksen hat in diesem Jahr die Helmut-Käutner-Retrospektive im Berliner Zeughauskino gesehen und dabei einiges über das Deutsche Nachkriegskino gelernt.

Bildnis einer Unbekannten - Bild
Bildnis einer Unbekannten - Bild

Am Abend des 12. April sehe ich im Berliner Zeughauskino "Bildnis einer Unbekannten" im Rahmen einer Helmut-Käutner-Retrospektive. Seitdem kann ich das Wort Tragikomödie nicht mehr so leichtfertig in den Mund nehmen, denn ich habe den ultimativen Film des Genres gesehen.

Eine Reihe von Missverständnissen führt in dem Werk von 1954 dazu, dass eine Diplomatengattin (Ruth Leuwerik) ihren Mann verlässt, um seine Karriere zu retten. Obwohl sie unschuldig ist: Ein Maler (O.W. Fischer) hatte einen Akt mit ihrem Gesicht gemalt, weil er sie im Theater beobachtet und nicht mehr aus dem Kopf bekommen hatte. Bildnis einer Unbekannten ist das Porträt einer Gesellschaft, die nicht aus ihrer Haut kann, die stets darauf bedacht ist, den Schein zu wahren. Wenn Leuwerik und Fischer versuchen, sich angesichts dessen zu betrinken, zu tanzen und alles zu vergessen, wenn sie lebenshungrig und zugleich so wahnsinnig melancholisch sind, dann weint und lacht man im selben Moment. Das ist nicht nur so dahingesagt. Ich habe geweint und ich habe gelacht.

 

Über die Jahrzehnte haben sich in der Wahrnehmung des Nachkriegskinos allzu einfache Wahrheiten eingeschlichen: „Papas Kino“, Edgar Wallace und Karl May, die seichte Unterhaltung, die nicht an die kurze Phase des Trümmerfilms anschließe, sondern an das Nazikino, minderwertig gegenüber den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, dem Kunstanspruch der Oberhausener.

Dass diese gefühlte Dichotomie nicht aufrechtzuerhalten ist, beweist nichts besser als eine ausgedehnte Käutner-Retrospektive. Seine Filme zeigen, dass Unterhaltungsfilme nicht abgewertet gehören, dass sie oftmals virtuos konstruierte Spiegel ihrer Zeit sind, dass sich oft sämtliche filmische Tendenzen in ein und derselben Person wiederfinden. Helmut Käutner drehte erstaunlich subversive Filme unter dem Naziregime, den zutiefst melancholischen, von den Nazis nicht freigegebenen Große Freiheit Nr. 7 und sogar den bezaubernden Kitty und die Weltkonferenz, von Käutner als „nette, heiter-beschwingte Komödie“ bezeichnet, die bald nach ihrer Erstaufführung wegen des zu sympathischen britischen Wirtschaftsministers verboten wurde. Er drehte Filme, die heute schwierig zu bewerten sind, wie Auf Wiedersehn, Franziska, der bis in die 1980er Jahre als Propagandafilm verboten blieb. Nach dem Krieg drehte er Trümmerfilme wie In jenen Tagen, er machte großartige Unterhaltung (Monpti, Die Zürcher Verlobung) genauso wie Filme mit wachem Sozialbewusstsein (Schwarzer Kies).

 

Es gab noch einen zweiten Höhepunkt in der Zeughaus-Reihe, der Käutners Bandbreite belegt. Den vom Poetischen Realismus inspirierten Überläuferfilm Unter den Brücken. Zwei Binnenschiffer (Carl Raddatz und Gustav Knuth) lesen auf dem Weg nach Berlin eine weinende Frau (Hannelore Schroth) auf und verlieben sich beide in sie. Unter den Brücken ist ein faszinierendes Zeitdokument, zeigt er doch zahlreiche Bauwerke Berlins, die schon kurz nach dem Dreh im Krieg zerstört wurden. Aber Nazideutschland ist im Film dennoch nicht die beste aller vorstellbaren Welten. Ganz im Gegenteil. Wie so oft in den Filmen Helmut Käutners sind hier die Schatten wichtige Erzählinstanzen. Figuren schälen sich langsam aus der Schwärze der Nacht heraus, Geräusche wirken dann besonders eindringlich. Und im harten Schatten unter den Berliner Brücken werden an sonst sonnengrellen Tagen Geheimnisse geteilt, Pakte geschlossen, Versprechen gegeben, ein Leben unterhalb des Öffentlichen, des gesellschaftlich Akzeptierten gelebt. Ein Film, ein Filmemacher, der sich seine Nischen sucht, ein Schlüssel zum Verständnis des deutschen Nachkriegskinos. Ein filmischer Vorsatz für das kommende Jahr kann nur sein, mehr Retrospektiven im Zeughauskino zu besuchen. Oder, wenn man sie noch nicht kennt, Helmut Käutners Filme zu schauen.

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Foto Katrin Doerksen
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