Der eindringlichste Filmmoment des Jahres

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Rajko Burchardt

Rajko Burchardt ist in diesem Jahr besonders die Schlusszene aus Xavier Legrands Nach dem Urteil im Gedächtnis geblieben. Ein Horrorfilm über das Patriarchat.

Filmstill zu Nach dem Urteil (2017)
Nach dem Urteil (2017) von Xavier Legrand

Nachts klingelt es einmal, zweimal, dann ohne Unterbrechung an der Haustür. „Ist er das?“, fragt der Junge, sich ängstlich hinter die Mutter stellend. Er meint seinen Vater, den er jedes zweite Wochenende sehen darf, genauer: sehen muss. Darüber hat ein Gericht entschieden, zu sehen am Beginn des Films. Das Gericht gab dem Antrag des Vaters auf das Besuchsrecht für dessen Sohn statt, nach sorgfältiger Abwägung, unaufgeregt und schlüssig begründet. Allein der Wissensvorsprung aus "Just Before Losing Everything", dem hierzulande bisher unveröffentlichten 30-minütigen Prequel, lässt eine bedauerliche Fehleinschätzung erahnen. So oder so: Nach dem Urteil ist vor dem Horror.

In der letzten Szene nun verlangt der Vater Zutritt, schon das pausenlose Klingeln ist eine Ankündigung von Gewalt. Minutenlang bleibt die Kamera auf Mutter und Sohn gerichtet, zusammen liegen sie im Bett und hoffen, dass der Horror sich noch einmal verflüchtigen wird. Je länger diese Einstellung dauert, desto vergeblicher scheint die Hoffnung. Es endet das Klingeln und beginnt das Klopfen, nicht an der unteren Haus-, sondern der oberen Wohnungstür, die schließlich mit einem Gewehr aufgeschossen wird. Auch seine Kollegen vom Jagdverein, sagte die Anwältin noch bei der Verhandlung, hätten viel Gutes über den Vater zu berichten gehabt.

Es ist ein Akt der Eindringlichkeit, buchstäblich. Regisseur Xavier Legrand hat offenbar nur auf diesen Moment hingearbeitet, sowohl mit dem Kurzfilm als auch dessen Fortsetzung in Spielfilmlänge, die eine unerbittliche, das Grauen durch nervöse Stille antizipierende Eskalationsvorahnung ist. Horror steckt hier im Detail, schon lange vorher. Es ist Denis Ménochet, der Angst macht, sein wuchtiger Körper, seine durchdringenden Augen. Ein Mann, der das Brutale und Sentimentale gleichermaßen vermitteln kann, der immer auch ein großes Paket Unzufriedenheit mit sich herumträgt. Was keine Mitleidsgeste des Films ist. Eher ein Versuch, der Figur auf Augenhöhe zu begegnen.

 

Darum zieht einem der Schlussmoment den Boden unter den Füßen weg. Weil der Vater eine monströse Gestalt hat, aber allzu sehr Mensch ist. Und weil die Invasion des Heimes, wie sich das Finale im Sinne des Genres beschreiben ließe, zwar an fiktionale Horrorfilme erinnert, aber alltäglichen Regionalnachrichten über häusliche Gewalt entsprungen sein könnte. „Gegen Ende“, schrieb Spiegel Online zum Kinostart, entscheide sich Xavier Legrand fürs „grob Genrehafte“. Beim Hollywood Reporter nannte man den letzten Akt sogar „unglaubwürdig hinsichtlich der Figurenpsychologie“. Vielleicht geht die Nähe des Films manchen zu nahe.

Kritiker haben Nach dem Urteil außerdem oft mit Kramer gegen Kramer verglichen, als sei der Oscargewinner mit Dustin Hoffman und Meryl Streep die Referenz aller Scheidungsdramen. Ein viel besserer Maßstab wäre David Cronenbergs ebenfalls 1979 veröffentlichter Psychosomatikthriller Die Brut, der ungleich radikalere Debattenbeitrag zu den Themen Elterntrennung und Kindererziehung. Dazu ist Xavier Legrand gewissermaßen ein post-diskursives, nicht länger abwägendes Gegenstück gelungen. Ein Film nämlich über den schlichten Horror des Patriarchats.

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