Jahresrückblick: Berühr mich nicht. Berühr mich.

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Jahresrückblick

Ein Beitrag von Beatrice Behn

Gleich zwei Mal hat sich das Kino in diesem Jahr gegen Beatrice Behn verschworen und sie regelrecht körperlich reagieren lassen.

Touch Me Not Filmstill

Meine Schultern tun weh. Das liegt daran, dass ich sie ständig hochziehe. Inzwischen selbst im Schlaf. Meine Schultern ziehe ich hoch, weil das so eine klassische Schutzhaltung ist, die man unbewusst einnimmt. Das mache ich seit der Kindheit. Vor allem draußen auf der Straße. Aus guten Gründen. Aus begründeten Ängsten. Inzwischen tragen meine Schultermuskel einige Traumata in sich. Und noch viele andere unschöne Erinnerungen und Momente, die sich förmlich manifestiert haben in einer Festung aus harten Muskeln.

Es ist schon spannend, wie der eigene Körper auf das Leben reagiert. Wenn ich im Kino sitze, merke ich meinen Körper oft nicht. Da bin ich meist zwei Augen, ein Hirn, ein Herz. Manchmal auch ein Magen. Doch dieses Jahr hat das Kino sich zweimal gegen mich verschworen und den Pakt aufgekündigt, der meinen eigenen Körper verschwinden lässt und ihn durch andere, meist perfekt funktionierende ersetzt. Das war ein Schock. Ein fantastischer Schock und eindringlicher als viele andere Kino- und Lebensmomente dieses Jahr. 

 

Berühr mich nicht!

Das erste Mal geschah auf der Berlinale. Ausgerechnet bei einem Marathon-Filmfestival, wo man wirklich Müdigkeit und Körper vergessen möchte. Und dann: Touch Me Not. Ein Film, der das Publikum fast augenblicklich spaltet. Die einen gehen hinaus. Die anderen bleiben sitzen und sehen dort Laura (Laura Benson), die sich auf die Suche nach einem Weg macht, ihren Körper zu befreien, der nach Zuneigung und Berührung sucht. Auch Lauras Schultern sind hin und wieder hochgezogen. Ihre Haltung sucht Schutz. Ein ungewöhnlicher Filmkörper, der meinen nicht ersetzt, sondern ihn spiegelt. Adina Pintilies Film ist Körperkino der harten Art. Nicht eskapistisch, sondern viel zu nah am Realen. Zumindest für einen bestimmten Prozentsatz des Publikums. Für die Schultern-Hochzieher, die Nicht-gern-Umarmer, die Arme-Verschränker und all die anderen Schutzpositionen, die Körper gern einnehmen, um sich sicherer zu fühlen, und damit unweigerlich eine Festung bauen, die nicht nur schützt, sondern auch isoliert. Pintilies Hauptfigur will diese Mauern nun durchbrechen. Sie sucht somatische TherapeutInnen auf, die auf viele Arten und Weisen ihren Körper und damit irgendwie auch meinen immer wieder zum Ziel ihrer Anwendungen machen. Wie unangenehm, so etwas zu sehen und dabei erinnert zu werden, dass man eigentlich nicht erinnert werden will: an den eigenen Körper und die in ihm gespeicherten Probleme und Erinnerungen.

 

Und wie befreiend dann doch Lauras Reise ist, die mit Schreien und Tanzen enden soll und die, so hatte ich zumindest das Gefühl, den Verbliebenen im Kino mit ihrem Urschrei ein wenig die Spannung aus dem eigenen Körper nahm. Es tiefes Durchatmen. Ein wenig eigene Katharsis. Und ein Erinnern daran, dass der eigene Körper nur einem selbst gehört und niemand anders Regeln für ihn aufstellen oder ihn benutzen sollte. 

Touch Me Not. „Berühr mich nicht“ ist hier nicht als Festung gedacht, sondern als Grenzziehung und Ermächtigung. Als Aufruf: Dieser Körper gehört mir.

 

Berühr mich!

Mit Janae Kroczaleskis Schultern kann ich wiederum nicht mithalten. Allein ihr Deltamuskel ist so groß und hart wie eine Wassermelone. Janae war meine zweite große Überraschung in Sachen Körperlichkeit im Kino dieses Jahr. Ich sehe sie in Toronto, beim Hot Docs Film Festival für Dokumentarfilme in einem knallvollen Saal. Hier wird niemand vorzeitig den Film verlassen. Mit Janaes Körper auf der Leinwand kann sich dieses Mal niemand einfach identifizieren, um den eigenen zu vergessen. Zu durchdringend anders ist er. Und das in einem guten, einem starken, transgressiven Sinne. Transformer heißt der Film und er zeigt Janaes Weg beginnend von Matt, dem US-Marine und Weltrekord haltenden Gewichtheber, der nur zwei Dinge im Leben will: stark und eine Frau sein, zu Janae, die diese beiden Dinge zu vereinen versucht, die in Matts Augen und auch der Gesellschaft unvereinbar scheinen. So ein Körper kann nicht passend gemacht werden für ein „passing“, dieser unendlich schrecklichen Idee, dass man als trans* Person in den Augen aller anderen auch wirklich als das andere Geschlecht durchgehen können muss. 

Doch Matt kann nicht mehr ohne Janae und Janae muss lernen, sich zu finden und sich selbst im Kopf von den eigenen stereotypen Ideen zu befreien, die sie gefangen halten in ihrem Körper. Janae will einen Körper wie meinen. Ich würde ihren gern haben, denn dann müsste ich meine Schultern nie wieder hochziehen. Sie wünscht sich Weiblichkeit, ich mir ihre Stärke. Bis wir beide im Verlauf des Films feststellen, dass das eine das andere nicht ausschließt und beides nicht unwiderruflich körperlicher Natur sein muss.

 

Aber noch etwas stellen wir fest – sie auf der Leinwand, ich im Publikum, wir beide in der echten Welt: Die meisten anderen Menschen, egal ob in der eigenen Familie, auf Arbeit, im Bekanntenkreis oder auf der Straße bestrafen Abweichungen jedweder Art. Meist verbal, manchmal auch schlimmer. Janae wird gesagt, sie sei ein Freak. Und niemand sagt etwas dagegen. Mich umschrieb ein Kollege erst vor Kurzem öffentlich vor anderen Kollegen als „blonder Bomber“ (noch eine der „netten“ Varianten, um mich als Mensch rein auf mein Gewicht zu reduzieren und auf meinen Platz zu verweisen) und keiner protestierte. 

Zu groß, zu klein, zu fett, zu dünn, zu weiblich, zu männlich, zu alt, zu jung, zu … Unsere Körper werden ständig reguliert und sanktioniert, die Menschen reduziert, gedemütigt, isoliert. Es werden Körper, die man nicht berührt, die nicht berühren dürfen. Und so ist Janae in diesem Film oft allein, selbst unter Menschen. Diese stehen weitab von ihr. So wie ihre Eltern zum Beispiel. Und Janaes Arme sind alsbald verschränkt. Die Schultern — ganz richtig — nach oben gezogen. 

Man sieh ihn hier und da aufblitzen, den Wunsch nach Berührung. Doch meist wird ihr Körper nicht berührt. Das ist oft die Strafe, wenn man nicht in die Schublade passt. Die Wärme, die Verbindung wird verweigert. Dieser Körper ist nicht sanktioniert, er wird ausgestoßen. 

Doch nicht an diesem Tag. Nach dem Film gibt es ein Q&A. Es beginnt mit Weinen. Im Publikum, kollektiv. Noch nie habe ich so etwas erlebt. Janae ist gekommen, um zu sprechen, um zu erzählen und herauszufordern, sich als Menschen, ihren Körper als existent, als lebens- und liebenswert zu sehen, auch wenn er in keine Kategorie passt. Es ist eine stumme Herausforderung: Berühr mich! Verbinde dich mit mir. Wag es, mich zu begreifen und mich zu sehen. Sie wurde gehört. Es standen Dutzende Menschen um Janae am Ende dieses Tages, um sie, ihr Leben und ihren Körper zu feiern und zu umarmen

 

 

P.S.: Für alle RomantikerInnen: Am Tag dieses Screenings hat Janae übrigens einen anderen Menschen kennengelernt, mit der sie jetzt zusammen ist. Ich weine nicht. Ihr weint!

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

My #wcw goes out to this amazing combination of feminine beauty and badassery @walkeralivia Alivia and I met at the Hot Docs film festival in Toronto this past spring and we began dating this summer. It was fireworks right from the start and i quickly fell head over heels in love with her. She possesses a unique combination of kindness, honesty, loyalty, and empathy but is also tough, hardworking, competitive, and a world class athlete. We connected on so many levels and the more time we spend together the stronger those connections are becoming. I am so grateful she took that night off work and hung around after the screening of Transformer to meet me. I miss her every second we’re apart and cherish every moment we’re together. Alivia, I love you soooooooo much!!! ❤🦒🌻👭👩‍🚒❤ #lesbians #girlfriends #loveislove #transandinlove #girlswholovegirls

Ein Beitrag geteilt von Janae Marie (@janaemariekroc) am

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Foto Beatrice Behn
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