Interviews: „Wer gibt euch das Recht, eine Frau besitzen zu wollen?“

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Interviews

Ein Beitrag von Paul Katzenberger

Mitten in Berlin wird Aynur von ihrem Bruder Nuri auf offener Straße erschossen. In dem Filmdrama „Nur eine Frau“ lässt Regisseurin Sherry Hormann die Ermordete selbst zu Wort kommen, um ihr Leben und den Hergang ihres Todes zu beschreiben. Es ist die tragische Geschichte der Deutsch-Türkin Hatun Aynur Sürücü, die 2005 einem sogenannten „Ehrenmord“ zum Opfer fiel. Paul Katzenberger hat mit der Regisseurin gesprochen.

Sherry Hormann im Jahre 2016
Sherry Hormann im Jahre 2016

Aynur (Almila Bagriacik) — die jugendliche Protagonistin aus Nur eine Frau - lebt mit ihrer Familie in Berlin-Kreuzberg. Mutter Deniya (Meral Perin) und Vater Rohat (Mürtüz Yolcu) sind sunnitische Kurden, die Anfang der 1970er Jahre aus Ostanatolien nach Berlin gezogen sind. Dort kam Aynur zur Welt, so wie fast alle anderen ihrer acht Geschwister auch. In Aynurs Familie herrscht ein übertrieben konservatives, religiöses und patriarchalisches Diktat, das einen „westlichen Lebensstil” von Frauen strikt ablehnt. Für Aynur bedeutet das, dass sie das Gymnasium nach achten Klasse abbrechen und in Istanbul einen Cousin heiraten muss, den der Vater für sie ausgesucht hat.

Der neue Ehemann erweist sich schnell als brutal. Er schlägt Aynur auch dann noch, als sie von ihm schnell schwanger wird. Sie flieht zurück nach Berlin, was ihre Familie als Bruch der Tradition empfindet, die eine Ehefrau an ihren Mann bindet, egal, wie schlecht der sie behandelt. Aynur wird von der Familie zwar wieder aufgenommen, aber sie hat die Schande in Demut zu büßen: Sie muss jeden Tag im Haushalt schuften, das Haus allein verlassen und ihre Schulausbildung beenden darf sie nicht. Als Aynur ihren Sohn Can zur Welt bringt, hält sie diesen Zustand nicht mehr aus und flieht aus der elterlichen Wohnung. Sie schafft es, sich eine eigene Unterkunft zu besorgen und entdeckt die Freude daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie legt das Kopftuch ab, macht eine Lehre, geht aus und lernt neue Freundinnen und Männer kennen. Ihre Familie fühlt sich dadurch immer stärker entehrt. Aynurs Brüder Tarik (Aram Arami), Sinan (Mehmet Atesci) und Nuri (Rauand Taleb) beschimpfen sie auf Übelste, ihre Drohanrufe werden immer unerträglicher. Aynur bleibt standhaft und lebt weiterhin ein selbstbestimmtes Leben – mit furchtbaren Folgen: Eines Abends erschießt Nuri seine Schwester auf offener Straße, als sie ihn nach einem Besuch arglos zur Bushaltestelle begleitet.

03_NEF_0.jpg Bild aus Nur eine Frau; Copyright: Mathias Bothor

 

Es sind jetzt mehr als 14 Jahre vergangen, als Aynur an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof von ihrem jüngsten Bruder erschossen wurde? Warum kommt Ihr Film erst jetzt?

Weil sich die Wahrnehmung von solchen sogenannten Fällen über die Zeit verändert. Als Sandra Maischberger anrief und mich fragte, ob ich einen Film über sie machen wolle, habe ich zu ihr gesagt: „Da muss ich erst einmal darüber nachdenken, denn es gibt ja schon eine Geschichte.“ Beim Eintauchen in die Materie habe ich dann aber gespürt: Ja, ich möchte. Es gibt mit Die Fremde von Feo Aladağ ja schon einen wunderbaren Spielfilm aus dem Jahr 2010, der sich von diesem Fall hat inspirieren lassen. Wir haben uns nun der realen Geschichte angenommen.

 

Weil Sie es besser machen wollten?

Nein. Ich wollte mit einem anderen Ansatz herangehen. Jeden Sonntag sehen wir im Fernsehen, dass jemand umgebracht wird, und es wird versucht herauszufinden, wer das war. Und das ist nicht nur sonntags so, sondern auch montags, mittwochs und donnerstags. Aber wir sehen selten, wer da umgebracht wurde. Wer verloren gegangen ist. Welche Stimme nicht mehr zu hören ist. Welche Lücke zurückbleibt. Was das für ein Mensch war. Das hat mich interessiert. Und mein Antrieb dafür wuchs, je mehr ich mich mit dieser jungen Frau beschäftigt habe, die für mich eine Art Jeanne d’Arc der Berliner Hinterhöfe war.

Frau.jpg Bild aus Nur eine Frau; Copyright: Mathias Bothor

 

Wie würden Sie diese kurdische Jeanne d’Arc beschreiben, die Sie aufgrund Ihrer Recherchen kennengelernt haben?

Da fallen mir sofort ihre Unbeirrbarkeit, ihr Mut und ihre immer wieder vorgeholte Lebensfreude ein. Ich wollte diesen unbändigen Willen in ihrem Kampf um Freisein und Selbstbestimmung und diese unglaubliche Kraft zeigen, die in einer Frau wie Aynur stecken. Die sich gegen die Traditionen ihrer Familie stellt und sich aus eigenen Stücken ein Leben aufbaut, so wie sie es will: sich eine eigene Wohnung sucht, den Abschluss nachholt, einen Beruf erlernt, den zu dieser Zeit meist nur Männer ergreifen, zu alledem ein Kind großzieht. Diese Tatkraft aufzubringen kann der Schlüssel für Veränderungen im Kleinen wie im Großen sein.

 

Die positive Energie, die aus Ihrer Sicht in Aynur steckte, vermittelt Nur eine Frau sehr deutlich. Es stellt sich aber auch noch die Frage: Wer waren die Täter?

Das ist im Film in erster Linie natürlich der jüngste Bruder Nuri, der seine Schwester erschossen hat. Aber auch weitere Familienmitglieder sind in das Geschehen verstrickt. Wir haben versucht, die Dynamik einer Familie zu schildern, in der alle Mitglieder unter Druck stehen. Mir war es wichtig, den Brüdern ein Gesicht zu geben, und zwar nicht eines von Monstern, sondern von Menschen.

 

Das Menschliche der Brüder wird sich manchem Zuschauer in Ihrem Film womöglich aber nur schwer erschließen. Er zeigt sie, wie sie ihre Schwester jahrelang mit widerwärtigsten Drohanrufen terrorisieren, nachdem sie aus der gemeinsamen Wohnung geflohen ist. Denn dort wurde sie von ihnen pausenlos drangsaliert und wie eine rechtelose Sklavin gehalten, die nur dazu da war, alle niederen Hausarbeiten zu erledigen.

Rechtelose Sklavin ist übertrieben. Das würde ich so nicht sagen. Aber sie bekam einen extrem engen Raum zugeteilt, in dem sie sich bewegen konnte. Das hat sich ja auch so zugetragen, wie meine Recherchen ergeben haben. Meiner Meinung nach ist es aber nicht so, dass diese drei Brüder in Nur eine Frau als herzlose Rüpel dargestellt werden. Nuri etwa freut sich, als er seine Schwester wiedersieht, nachdem sie aus Istanbul nach Berlin zurückgekehrt ist. Ich betrachte das Verhalten der drei Brüder vielmehr als Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Identität, weil sie hin- und hergerissen sind zwischen der archaischen Tradition ihrer Familie und dem westlichen Lebensstil um sie herum.

 

Kamen Sie über Ihre Recherchen zu der These, dass die Brüder innerlich zerrissen waren, oder war das Ihre Interpretation?

Ich habe das sehr intensiv recherchiert. Ich bin zum Kottbusser Tor und dort in die Cafés gegangen, habe mit Menschen gesprochen, die diese Jungs kannten. Die Aussagen, die ich bekommen habe, waren ziemlich divers, aber es gab eine große Übereinstimmung: Die Brüder waren sehr laut und prahlerisch. Sie haben sich mit Frauen getroffen, haben vieles zu sich genommen, was ein wirklich gläubiger Muslim nicht zu sich nimmt, und waren einfach junge, auffällige Erscheinungen. Gleichzeitig legten sie ihrer Schwester gegenüber eine Doppelmoral an den Tag, indem sie ihr vorschrieben: ‚Du als Frau musst Dich ehrenwert erweisen.‘ Diese Schizophrenie thematisiert der Film, wenn Tarik etwa resigniert auf dem Sofa sitzt. Dann wird er immer stiller und geht in seine Moschee. Und Nuri steht seiner Schwester immer hilfloser gegenüber, weil er nicht verstehen kann, dass sie nicht zur Familie zurückkehrt, wie es seine eigene Weltanschauung will. Als Reaktion radikalisiert er sich immer weiter.

 

Zum Menschlichen gehört, dass das Gute und das Böse oft nah beieinander liegen. Kann es sein, dass eine Ideologie wie der islamische Fundamentalismus Menschen dazu bringt, ihre schlechten Seiten auszuleben?

Jede Ideologie macht Menschen blind für die Bedürfnisse und Wünsche anderer. Ich kann nicht bewerten, wie ein Mensch lebt. Aber ganz unabhängig davon gibt es gibt einen Grundsatz, der lautet: Du darfst nicht töten. Und ich kann auf alle Fälle fragen: „Was gibt Euch das Recht, über eine Frau zu urteilen und sie besitzen zu wollen?“ Denn das Allerwichtigste ist doch, dass sie sich selbst besitzt.

 

Ihr Film stellt unglaubliches Unrecht dar, das auf deutschem Boden geschehen ist. Was können wir als deutsche Mehrheitsgesellschaft tun, um solche Schandtaten zu verhindern?

Wir können hoffen, dass so ein Film gesehen wird. Wir können hoffen, dass sich junge Frauen den Film anschauen. Dass sie merken: Ah, die hatte den Mut, dann bin ich schon mal nicht alleine mit meinen Ängsten und meinen Ansichten. Wir können dafür sorgen, dass nicht nur die lauten populistischen Parteien diese Themen für sich instrumentalisieren, um Angst zu schüren, sondern dass wir einen Gegenpol schaffen, und sagen: Lasst uns miteinander reden, und nicht nur Meinungen vertreten.

 

Aber mit wem sollen wir reden? Kommen wir in diese Milieus überhaupt hinein?

Es gibt durchaus Situationen, in denen wir den Mund aufmachen können. Im Film gibt es zum Beispiel die Szene, in der Nuri seine Schwester im Bus schlägt. Das hat sich tatsächlich so ereignet – der Vorfall ist in den Gerichtsakten festgehalten. Und keiner der anderen Passagiere hat etwas getan. Das hat mit dem Respekt vor einer anderen Kultur nichts zu tun. Wir sind eine Gesellschaft, und wir dürfen erwarten, dass diejenigen, die in unser Land ziehen, sich mit unserer Kultur und unseren Werten beschäftigen und mit uns in Dialog treten, genauso wie auch wir in den Dialog treten müssen. Dass die Auseinandersetzung miteinander also von beiden Seiten kommen muss. Man muss das formulieren, denn es gibt keine andere Wahl, als in kleinen Schritten auf einander zuzugehen.

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