"Normale historische Filme sind nicht mein Ding" - Mika Kaurismäki im Gespräch zu "The Girl King"

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Ein Beitrag von Sonja Hartl

Mika Kaurismäki

Mit fünf Jahren wurde sie Königin von Schweden und Finnland, mit 28 Jahren hat sie unverheiratet abgedankt und ist zum Katholizismus konvertiert: Christina von Schweden war und ist eine schillernde Figur in der finnisch-schwedischen Geschichte - und nun hat Mika Kaurismäki mit The Girl King einen Film über die Zeit vor ihrer Abdankung 1654 gedreht. Sonja Hartl hat den finnischen Regisseur bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck getroffen.

Wie sind Sie an das Projekt gekommen? 
Die Idee kam von einem Produzenten, der an dem Film nicht mehr beteiligt ist. Er hat mir schon vor 15 Jahren ein Drehbuch gegeben und mich gefragt, ob ich an einem Film über Christina interessiert wäre. Wir haben dann einige Jahre gearbeitet, haben aber das Drehbuch nicht hinbekommen. Es wäre ein großer Film gewesen - zu groß! Mit Kriegsszenen und Szenen mit dem Vater. Ein großer historischer Film. Mich hat es das nicht so interessiert, ich wollte lieber einen kleineren Film machen, der sich auf Christina konzentriert. Dann lag das Projekt für einige Jahre in der Schublade und 2009 haben wir wieder angefangen - mit neuen Leuten, einem neuen Drehbuchautor - und haben diese Fassung geschrieben, aus der eher ein psychologischer als ein historischer Film entstanden ist.

Warum wollten Sie sich von Anfang an auf Christina konzentrieren?
Weil sie eine sehr interessante, sehr komplizierte Figur ist - und normale historische Filme sind nicht mein Ding, ich bin nicht der Typ für Kostümfilme. Ich habe es mehr als modernen Film gesehen, es gibt viele Parallelen zwischen Christinas Zeit und der heutigen Zeit. 

Wo sehen Sie sie? 
Wir haben immer noch religiöse Kriege, sogar ziemlich viele zur Zeit. Gleichberechtigung ist immer noch ein Thema. Christina war eine Vorkämpferin für den Feminismus, diese Kämpfe gehen heute noch weiter. Auch haben viele jungen Leute dieselben Probleme, die Christina hatte, sie stellen sich die gleiche Frage: Was tue ich mit meinem Leben? Besonders weil die Zukunft heutzutage sehr unsicher ist. Christina hat sich dann für die eigene Freiheit entschieden. 

Wird sie in Finnland anders gesehen als in Schweden? 
Ich glaube etwas ja, wir haben etwas mehr Objektivität. Sie war auch unsere Königin, aber sie war Schwedin. Sie hat auch die Finnische Akademie in sehr jungen Jahren gegründet, sie hat viel für Finnland gemacht, obwohl sie nie dort gelebt hat. Aber sie wurde dort gezeugt. Wir sehen sie positiv, aber in Schweden denken viele, sie habe den Glauben ihres Vaters abgelehnt.

Glauben Sie, dass auch Ihr Film in Schweden anders wahrgenommen wird? 
Ja, das glaube ich schon. Es gibt viele Menschen, die sich für Christina interessieren, ihre Gedanken, ihre Biographie gut finden, aber ganz sicher wird der Film in Schweden anders gesehen, alleine schon, weil er von einem finnischen Regisseur ist.

Sie schreiben Ihre Drehbücher normalerweise selbst, nun haben Sie aber das Drehbuch eines anderen Autors verfilmt. Beeinflusst das Ihre Herangehensweise an den Film? 
Manchmal schreibe ich ganz allein, aber oft auch mit jemanden zusammen. Ich habe dann eine Idee und lade jemanden ein, der es mit mir schreibt. Auch bei diesem Film war ich dabei, ich habe kein Credit bekommen, aber ich habe mitgeschrieben. Es wäre sonst auch schwierig gewesen, weil zu viele Sachen entschieden werden mussten. Wir haben eigentlich auch nach Situationen und Szenen in der Zeit nach ihrer Abdankung gesucht, aber dann haben wir gemerkt, es wird zu viel, der Film wird zu groß, also haben wir uns auf die zehn Jahre davor konzentriert. Das war die größte Herausforderung, die größte Schwierigkeit: zu entschieden, was wir von dieser Lebensgeschichte nehmen wollen. 


Trailer zu The Girl King

Es sind ja auch viele Ko-Produzenten an dem Film beteiligt. Vermutlich war die Finanzierung schwierig ... 
Ja, natürlich. 

Aber beeinflusst es die Arbeitsweise? 
Nun ja, die Ko-Produzenten wollen auch alle etwas zu sagen haben, das ist aber immer so. Auch wenn man gemeinsam arbeitet, gibt es verschiedene Meinungen zu Casting, zu Drehbuch. Aber es war unmöglich, den Film allein aus Finnland oder Finnland und Schweden zu finanzieren. Deshalb hat der Film auch so lange gedauert, obwohl er gar nicht so teuer war, hat es trotzdem 15 Jahre gedauert, bis wir die Finanzierung hatten. 

Was waren abgesehen von der Finanzierung und der Konzentration der Geschichte die größten Herausforderungen beim Dreh? 
Das hat auch etwas mit Geld zu tun. Wir hatten nicht so viel Geld, also auch nicht viel Drehzeit. Wir hatten nur 37 Drehtage, das ist für so einen Film sehr wenig, üblich sind so 50 bis 60 Tage. Konkret waren natürlich die Kostüme und das Szenenbild schwierig. Wir haben in Finnland keine Tradition für solche Filme, es gibt keine Kostüme, die ich irgendwo bestellen könnte, wir mussten sie herstellen. Die Kostüme für die Hauptfiguren wurden alle in Finnland gemacht. Es gibt auch keine Filme, die über diese Zeit gemacht wurden. Deshalb mussten wir auch viel für das Szenenbild herstellen und aus Europa, aus Prag und aus München haben wir die Requisiten gemietet. Für mich als Regisseur war es schwierig, dass wir eine kurze Drehzeit hatten, aber die Kostümwechsel haben immer gedauert - eine Frau mit so einem Kostüm, das dauert, dann kamen noch Haare und Make-up hinzu, da ging viel Zeit drauf. Es war gut für die anderen, der Kameramann hatte viel Zeit zum Ausleuchten, aber ich hatte immer weniger Zeit 

Warum gibt es in Finnland keine Tradition für Kostümfilme?
Ich glaube, es hat mit dem Geld zu tun, wir haben das Geld nicht. Aber der Film hat geholfen. Nun sind in Turku, wo wir gedreht haben, Leute, die das können, und wir haben die Kostüme. Es haben viele Studenten mitgearbeitet, die das nun können - und ist es sehr interessant, dass jetzt auch Produzenten aus anderen Ländern kommen und danach fragen. 

Als Finnland Gastland der Buchmesse war, wurde der Pavillon auch von Studenten entworfen. Gibt es dort eine so enge Zusammenarbeit in der - ich sag mal - "Kreativbranche" in Finnland oder ist das Zufall? 
Nein, das ist kein Zufall. Wenn man kein Geld hat, ist das eine gute Möglichkeit. Studenten machen gerne etwas Konkretes, das man hinterher sieht und sie für ihre Arbeiten und Abschlüsse verwenden können. Daher kommt es auch auf bei Veranstaltungen im Ausland zu Zusammenarbeit. Es ist eine sehr gute Sache. 

Die Kostüme haben mir auch sehr gut gefallen. 
Ich wollte gerne, dass Christina auch modern aussieht. Die Kostüme sollten das unterstreichen - und nun sagen mir Leute nach dem Film, dass sie die Sachen gerne tragen würden. Heutzutage.

Aber der Ton war anders als in üblichen Kostümfilme.
Ich wollte diesen typischen Kostümfilm-Look und das Kostümfilm-Gefühl vermeiden. In meinem Kopf war es ein moderner Film, es ist alles nicht so ernst gemeint, es ist so ein bisschen Camp manchmal.

Das merkt man ja auch. 
(Lacht). Ja, das ist bewusst. Die Fakten des Films stimmen historisch, daher ist er etwas für Leute, die sich für Geschichte interessieren. Aber ich wünsche mir, dass sich auch junge Leute dafür interessieren und den Film sehen, Leute in Christinas Alter, Anfang 20. Es ist ja eine verrückte Geschichte, Königin mit fünf Jahren. Auch als sie abgedankt hat, hat sie immer noch gesagt, sie sei Königin - vor Gott. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

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