"Der US-Independentfilm könnte noch unabhängiger sein" - Im Gespräch mit Kenneth Lonergan

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Ein Beitrag von Anna Wollner

Kenneth Lonergan

Mit dem Familiendrama You Can Count on Me (2000) legte der 1962 in New York City geborene Kenneth Lonergan nach langjähriger Theatererfahrung sein vielfach ausgezeichnetes Filmregiedebüt vor. Sein drittes Leinwandwerk Manchester by the Sea feierte im Januar 2016 auf dem Sundance Film Festival Premiere und startet nun in den deutschen Kinos.

Im Zentrum der Geschichte steht der in Boston als Hausmeister tätige Lee (Casey Affleck), der nach dem Tod seines älteren Bruders Joe (Kyle Chandler) in seine titelgebende Heimat zurückkehrt, wo er einst mit seiner damaligen Frau Randi (Michelle Williams) samt Kindern lebte. Dort wird Lee damit konfrontiert, von Joe zum Vormund seines 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) bestimmt worden zu sein. Andreas Köhnemann hat dem Filmemacher einige Fragen gestellt.

Mr. Lonergan, in Ihrem neuen Film kombinieren Sie tragische Ereignisse mit kleinen, beinahe banalen, oft auch komischen Vorfällen. Was war Ihre Idee hinter diesem Ansatz?

Ich nähere mich einem Thema immer gern über die kleinen Momente an – denn aus diesen Momenten besteht unser Leben. Und wenn es zu einem Todesfall in der Familie kommt, ist es nun mal so, dass es plötzlich viel zu organisieren gibt. Man muss sich um die Beerdigung kümmern, man muss Leute anrufen, mit denen man vielleicht nicht so gut zurechtkommt. Da sind etliche kleine, seltsame Dinge, die man im Angesicht dieser Ungeheuerlichkeit des Todes erledigen muss. Indem ich diese Dinge wahrheitsgetreu zeige, gelange ich dann zur Ungeheuerlichkeit. Und dabei entsteht auch ein gewisser Humor. Man hat vielleicht einen Termin mit dem Bestatter – aber der ist noch mit seinem Mittagessen beschäftigt, also muss man warten. Bei solchen alltäglichen Banalitäten setze ich in meiner Arbeit an.

Wie würden Sie Lee Chandler, den Protagonisten Ihrer Geschichte, beschreiben? Und wie haben Sie die Figur mit dem Darsteller Casey Affleck entwickelt?

Lee ist ein Mann, der ein gutes Leben führte. Er war glücklich verheiratet und arbeitete mit seinem Bruder zusammen. All das hat er verloren – teilweise aus eigener Fahrlässigkeit. Ihm ist die größte Katastrophe widerfahren, die einem im zivilen Leben passieren kann. Deshalb hat er sich aus seinem Heimatort zurückgezogen. Er will möglichst in nichts mehr involviert sein, da er es kaum schafft, durch den Tag zu kommen. Casey und ich haben viel darüber geredet, wie Lee sein tägliches Dasein zu bewältigen versucht – wie er sich bemüht, mit allem auf sehr kontrollierte Weise umzugehen. Bis dann etwas kommt, was er nicht kontrollieren kann.


(Bild aus Manchester by the Sea; Copyright: Universal Pictures International Germany)

Was war Ihnen bei der Beziehung zwischen Lee und dessen Neffen Patrick wichtig?

Die Beziehung sollte wahrhaftig wirken. Wenn ich schreibe, folge ich allerdings eher meinem Instinkt; ich denke nicht über das große Ganze nach; das entsteht erst allmählich. Aber rückblickend würde ich sagen, dass Patrick jemand ist, der Lee aus dessen Routine herausbringt. Mit seinen 16 Jahren hat Patrick schon viel durchmachen müssen: Sein Vater ist gestorben, seine Mutter hatte Probleme und ist nicht mehr da. Deshalb möchte er nicht auch noch weg von seinen Kumpels, seinen beiden Freundinnen, seiner Schule, seinem Hockey-Team, seiner Rock-Band ... Er ist sehr aufdringlich – jedoch auf gute Art. Patrick weiß, was Lee widerfahren ist; daher akzeptiert er die Art, wie sein Onkel ist. Trotzdem ist er fordernd – und das führt zu Konflikten, aber ebenso zu Humor.


(Trailer zu Manchester by the Sea)

Es gibt auch viele interessante Nebenfiguren in Ihrem Film, etwa Patricks Mutter Elise, gespielt von Gretchen Mol. Haben Sie zum Beispiel für diese Rolle eine vollständige Biografie entworfen?

Vollständig genug, um die Szenen zu unterstützen – ja. Bei Elise kennen wir die Details ihrer Geschichte nicht, aber Gretchen spielt den Part ganz spezifisch und wunderbar. Es ist eine schwierige Rolle, da Elise eine egoistische Person ist, die sich jedoch zu einem späteren Zeitpunkt im Film große Mühe gibt, ihr Leben auf ziemlich wackeligem Boden zu erneuern. Von all dem findet man nur wenig in den Dialogen. Gretchen und ich sowie Matthew Broderick, der ihren späteren Verlobten Jeffrey spielt, und auch alle anderen haben viel darüber gesprochen, wie die Beziehungen zwischen Elise und den übrigen Figuren aussehen. Dass Elise zum Beispiel das Gefühl hat, dass ihr Mann und ihr Schwager die ganze Zeit auf ihr herumhacken, dass sie immer zur Bösen gemacht wird und dass ihrem Sohn nur schlimme Dinge über sie erzählt werden. Und wir haben einen genauen Hintergrund für die spätere Szene im Film geschaffen, in der Patrick zu Elise und Jeffrey zum Essen kommt: wie sehr sich die beiden auf das Treffen mit dem Jungen vorbereitet haben oder dass Elise viel zu viel Essen gekocht hat und so aufgeregt ist, dass sie letztlich gar nicht imstande ist, eine natürliche Unterhaltung mit Patrick zu führen. All diese Dinge liegen zwischen den Dialogzeilen.

Gegen Ende gibt es eine beinahe herzzerreißende Szene zwischen Lee und seiner Ex-Frau Randi, wenn die beiden sich auf der Straße wiederbegegnen. Wie ist dieser Moment entstanden?

Als Drehbuchautor muss ich mich in die Situation hineinbegeben und mich in beide Figuren einfühlen. In meinen Gedanken habe ich genug von der Hintergrundgeschichte dieser zwei Menschen aufgeschrieben, um dann das, was sich zwischen den beiden in diesem Moment ereignet, in Worte fassen zu können. Und wenn man Leute wie Casey und Michelle Williams hat, mit denen man noch ausführlich über die Szene und die Dynamik zwischen den Figuren redet, ist das schon alles, was man tun muss.


(Bild aus Manchester by the Sea; Copyright: Universal Pictures International Germany)

Sie arbeiten sowohl fürs Theater als auch im Filmgeschäft. Was sind die wichtigsten Unterschiede und die besonderen Herausforderungen beim Filmemachen?

Beim Theater probt man für vier oder fünf Wochen, bis das Stück dann aufgeführt wird. Das Stück wird durch einen repetitiven Prozess langsam zum Leben erweckt; das Ensemble kann sich mit der Zeit von den Vorbereitungen lösen und wird dadurch immer besser. Außerdem wird ein Stück im Endeffekt in etwa anderthalb bis zwei Stunden durchgespielt. Beim Film dreht man kurze Szenen, mehrmals – und der Regisseur wählt mit dem Editor die Versionen aus, die ihm am besten gefallen. Die größte Herausforderung beim Filmemachen ist für mich, mich bei all dem Chaos auf einem Set und all dem Zeitdruck zu fokussieren.

Wie empfinden Sie die Situation des US-Independentfilms?

Independentfilme sollten, wie ihr Name schon sagt, unabhängig sein – die Menschen, die sie machen, sollten mehr kreative Kontrolle haben. Ich finde aber, dass das nicht immer der Fall ist. Selbst bei einem schmalen Budget werden die Personen, die den Film finanzieren, versuchen, große oder kleinere Stars darin unterzubringen, um mit deren Namen Tickets verkaufen zu können. Der US-Independentfilm könnte noch unabhängiger sein. Es gibt viele Leute, die erfolgreich im Studiosystem und außerhalb davon arbeiten. Es wäre jedoch hilfreich, wenn man Filme auf etwas entspanntere Weise machen könnte; da ist immer der Zeitdruck, der Budgetdruck – was sehr entmutigend sein kann. Man muss schon ziemlich speziell sein, um unter diesen Bedingungen funktionieren zu können.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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