In Memoriam: Ein Riese auf tönernen Füßen – Ein Nachruf für Philip Seymour Hoffman

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In Memoriam

Ein Beitrag von Joachim Kurz

Philip Seymour Hoffman ist tot — gestorben wohl, wie einige Berichte aus den USA besagen, an einer Überdosis. Normalerweise drücke ich mich gerne vor Nachrufen, ziehe mich auf die Position zurück, den Tod eines Menschen in eine nüchterne Meldung zu fassen, der Chronistenpflicht Genüge zu tun, den Tod mehr oder minder kühl zu registrieren und zu vermelden.

Das ist einerseits der Arbeit und dem schnellen Geschäft mit den Nachrichten und Informationen geschuldet, andererseits aber auch ein wenig symptomatisch für unsere Zeit, in der der Tod, sofern er nicht uns oder unsere Nächsten betrifft, ausgelagert wird in Krankenhäuser, Hospize, delegiert wird an Bestattungsunternehmen und zu anderen Menschen, die sich professionell mit ihm beschäftigen — Hauptsache, er findet weit entfernt von uns statt, kommt uns nicht zu nahe, bleibt in sicherer Entfernung.

Doch in diesem Fall ist das anders. Weil mir dieser Mann als Darsteller mehr bedeutet hat als alle anderen, die ich auf der Leinwand sehen durfte. Und weil ich deshalb das Gefühl habe, dass ich darüber etwas schreiben MUSS. Und sei es nur, um auf diese Weise der eigenen Trauer Herr zu werden. Sein plötzlicher Tod berührt mich, lässt die Zeit still stehen, geht mir näher, als mir das lieb ist. Mitten ins Herz.

Dass mir sein Tod so verdammt nahekommt, liegt an vielen Faktoren. Vor allem aber daran, dass in seinem Spiel etwas lag, dass mich zutiefst berührt hat. Der erste Film, in dem ich ihn wahrnahm, war Paul Thomas Andersons Boogie Nights, der bis heute zu meinen persönlichen Top 10 gehört. Und es war gleich eine dieser Rollen, die typisch für ihn waren. Obgleich „nur“ in einer Nebenrolle zu sehen, bewegte mich sein Spiel, seine Traurigkeit, seine Einsamkeit, die mühsam aufrecht erhaltene Fassade eines Mannes, der nichts weiter sucht als Liebe und Zuneigung und der am eigenen Leib die Unzulänglichkeit seiner Wünsche erfahren muss. In seiner Rolle als Scotty J spiegelt sich der gesamte Ton des Films, seine Grundhaltung zwischen Euphorie und tiefster Depression, zwischen Aufstieg und Fall wieder und dieser dickliche Mann mit den langen blonden Haaren ist so etwas wie das geheime emotionale Epizentrum dieses Films über die kalifornische Pornoszene der späten 1970er und frühen 1980er. Und in keiner Szene kommen diese Charakteristika und die Präsenz, mit der Hoffman dieses brüchige Dasein ausfüllte, mehr zum Tragen als in der folgenden.

 

Ähnliches gilt für Magnolia aus dem Jahre 1999, der ihn abermals mit Paul Thomas Anderson zusammenführte. Zwar hatte Hoffman, dessen Karriere beim Film nun langsam Fahrt aufnahm, in der Zwischenzeit unter anderem mit den Coens (The Big Lebowski, 1998), Todd Solondz (Happiness, 1998) und Anthony Minghella (Der talentierte Mr. Ripley, 1999) gedreht, doch es war vor allem die Kombination von Anderson und Hoffman, die die unglaublichen Talente des Darstellers zur freien Entfaltung brachten, wie man in dieser Szene sehen kann:

 

Auch in Magnolia war Hoffman auf den ersten Blick wieder nur einer von zahlreichen hochkarätigen Darstellern, wie die zentrale Szene rund um den Song von Aimée Man auf geniale Weise zusammenführt, doch selbst in diesem Aufmarsch schauspielerischer Giganten verkörperte gerade die Gebrochenheit des Krankenpflegers Phil Parmas die tiefe und allumfassende Menschlichkeit und Bitterkeit des Filmes:

 

Spätestens von diesen magischen Momenten an gehörte Philip Seymour Hoffman zu ersten Garde der Hollywood-Darsteller — und war doch seltsamerweise ausschließlich auf Nebenrollen abonniert. Das änderte sich erst im Jahre 2005 mit Bennett Millers Capote, bei dem der Schauspieler die Rolle des exzentrischen Schriftstellers Truman Capote übernahm und für seine Verkörperung schließlich den Oscar als bester Hauptdarsteller gewann — eine Auszeichung, die nur deshalb nicht früher erfolgte, weil Hoffman zuvor kaum Hauptrollen angeboten bekam. Und selbst der Gewinn der wichtigsten Auszeichnung, die das US-amerikanische Filmbusiness zu vergeben hatte, änderte nur wenig daran.

Doch es gab immerhin einige Ausnahmen von der Ignoranz, die diesem Schauspieler auch nach dem Oscar-Gewinn immer noch entgegenschlug — wie etwa Sidney Lumets schmählich übersehener Before the Devil Knows You’re Dead (dt. Titel: Tödliche Entscheidung) aus dem Jahre 2007, in dem Hoffman neben Ethan Hawke in einer Hauptrolle brillierte. In dem Film, der in Deutschland nur in geringer Kopienzahl in den Kinos startete, spielten die beiden ein Bruderpaar, das dringend Geld benötigt und deshalb einen Überfall auf das Juweliergeschäft der eigenen Eltern ausführt, der allerdings eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes in Gang setzt.

Heute mutet es berührend an, dass der Grund für den Geldbedarf der Figur, die Hoffman spielt, in dessen Drogensucht liegt.

Danach folgte mit Die Geschwister Savage von Tamara Jenkins eine weitere Hauptrolle sowie nach Auftritten im Filmen wie Der Krieg des Charlie Wilson von Mike Nichols (2007), Synecdoche, New York von Charlie Kaufman (2008), Lügen macht erfinderisch von Ricky Gervais und Matthew Robinson (2009) im Jahre 2010 Hoffmans erste Regiearbeit Jack in Love

Der wahre Höhepunkt seiner unglaublichen Karriere aber sollte erst noch folgen — und es ist bezeichnend, dass dieser abermals aus einer Zusammenarbeit mit Paul Thomas Anderson entsprang. Dessen Film The Master aus dem Jahre 2012 zeigt Philip Seymour Hoffman auf dem Höhepunkt des Schaffens und in einem atemberaubenden Duell mit Joaquin Phoenix, das zumindest in Deutschland abermals eher unter Ausschluss der (Kino)Öffentlichkeit stattfand. Nach den traurigen Nachrichten des Wochenendes erscheint der Titel des Films geradezu prädestiniert dazu, die Bedeutung Hoffmans als Solitär Hollywoods und einer der wichtigsten Darsteller der letzten 20 Jahre zu würdigen.

Trailer zu The Master

 

Philip Seymour Hoffman hatte noch viel vor sich gehabt, gerade erst hatte Anton Corbijns mit Spannung erwarteter Thriller A Most Wanted Man in Sundance seine Premiere gefeiert. Ebenfalls vor kurzem war bekannt geworden, dass der Darsteller in den Vorbereitungen zu seinem zweiten Film als Regisseur steckte.

Neben seiner Arbeit beim Film war Hoffman vor allem für seine intensive Theaterarbeit bekannt, als Regisseur und Darsteller war in verschiedenen Off Broadway-Stücken wie „In Arabia We’d All Be Kings,“ „Jesus Hopped the A Train,“ „Our Lady of 121st Street“, „The Little Flower of East Orange“ und „The Last Days of Judas Iscariot“ zu sehen.

Recht freimütig hatte sich Hoffman in Interviews zu seinen früheren Drogenproblemen geäußert, auch ein Rückfall im Jahre 2012 und die anschließende Entziehungskur war bekannt geworden, doch zuletzt schienen er Probleme im Griff zu haben. Ein Irrtum, wie es nun scheint, denn wie die New York Times berichtet, sei die Todesursache wohl recht eindeutig. Man habe den Schauspieler mit einer Spritze im Arm leblos in einem Apartment in Greenwich Village aufgefunden, außerdem sei in der Nähe des Körpers ein Briefchen mit einer Substanz gelegen, bei der es sich offensichtlich um Heroin handelte.

Hoffman war seit 1999 mit der Kostümbildnerin Mimmie O’Donnell, die er während der Arbeit an einem Theaterstück kennenlernte, er hinterlässt einen Sohn und zwei Töchter.

In der Zwischenzeit sind unzählige Nachrufe erschienen, viele Freude, Kollegen und Bewunderer der hohen Schauspielkunst haben diesem Riesen, dessen Leben anscheinend auf tönernen Füßen stand, ihren Tribut gezollt. Und dennoch, trotz der zahlreichen Reaktionen hat man immer noch das Gefühl, dass wir den Tod dieses Mannes immer noch nicht ausreichend als das begriffen haben, was er für jeden einzelnen bedeutet.

Sein Tod bedeutet für mich auch ein klein wenig einen persönlichen Verlust, obwohl ich ihn nie persönlich kennengelernt habe. Denn irgendwie hat mich Philip Seymour Hoffmann auch immer von seiner Erscheinung und seinen Rollen her an meinen Vater erinnert, der auf alten Bildern aus den 1950er und 1960er Jahren immer so aussieht, als sei er ein Zwillingsbruder des Schauspielers. Und mehr noch als das — auch die Rollen, die er spielte, erinnern mich an meinen Vater: Ein Mann, der vom Schicksal vieles auferlegt bekam, der sich stets bemühte, sich nicht unterkriegen zu lassen, der aus den besten aller Gründe immer auch ein wenig schwach wirkte, ein wenig verloren, trotz seines massiven Körpers zerbrechlich und beschützenswert.

Draußen scheint die Sonne, die Geräusche der Straße, das Lärmen der Autos, das Quietschen der Straßenbahn dringt zu mir herauf. In drei Tagen beginnt die Berlinale mit ihrer hektischen Betriebsamkeit. Mir aber wäre im Moment vor allem danach, all das auszublenden, mich zu verkriechen in einen dunklen Raum, in dem The Master und Boogie Nights in einer Endlosschleife zu sehen sind. Es ist Tag 1 nach der Nachricht vom Tod eines geliebten und innig verehrten Schauspielers. Und es fühlt sich seltsam an, dass das Leben nun so weitergeht, als sei nichts geschehen.

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