Filmgeschichte(n): Du hast nichts gesehen in Hiroshima

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Filmgeschichte(n)

Ein Beitrag von Katrin Doerksen

Vor 75 Jahren begann das atomare Zeitalter mit dem Abwurf zweier nuklearer Bomben auf Hiroshima und Nagasaki. Wie haben japanische und amerikanische Filme seither das unvorstellbare Grauen dargestellt?

Luftansicht vom Ground Zero in Hiroshima vor dem Abwurf der Atombombe
Luftansicht vom Ground Zero in Hiroshima vor dem Abwurf der Atombombe

Seitdem die Menschheit mit dem Abwurf zweier Atombomben über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 endgültig im Atomzeitalter angekommen war, fanden auf der großen Leinwand immer wieder nukleare Explosionen statt. Nicht selten werden sie als die absolute Steigerung des Bösen im finalen Teil von Trilogien untergebracht oder beschwören das biblische Motiv von David gegen Goliath herauf: Der unbedeutende Mensch, der im Angesicht einer offensichtlichen Übermacht seine ganze Intelligenz aufbringen muss, um sich und/oder gleich die ganze Spezies vor dem sicheren Tod zu bewahren: Indiana Jones, der Zuflucht vor einem Atomwaffentest in einem Kühlschrank sucht. Batman, der die Bombe in letzter Sekunde außerhalb von Gotham City befördert.

Der Filmwissenschaftler Jerome F. Shapiro zählt für seinen Band Atomic Bomb Cinema: The Apocalyptic Imagination on Film beeindruckende 995 Filme aus Japan und den USA zwischen 1945 und 2000, die sich recht gleichmäßig über die Jahre verteilt dezidiert mit der Atombombe auseinandersetzen. Dabei enthält er sich jeder politischen und moralischen Wertung und betrachtet diese Filme lediglich als Teil einer Kontinuität in der Filmgeschichte, die unsere Vorstellungen von der Apokalypse auf die große Leinwand bannt.

In Anbetracht dieser schieren Menge an Atombombenfilmen (und all der anderen Katastrophen- und Kriegsfilme) verwundert es beinahe, dass über die Tragödien in Hiroshima und Nagasaki selbst relativ wenige Filme gedreht wurden. Dokumentarfilme natürlich, die die historischen Prozesse, die zum Abwurf der Bomben führten, nachvollziehen und die Zerstörung sowie das Leid der Opfer dokumentieren. Und nicht zuletzt wurde eine Riesenechse, die sich seit ihrem ersten Auftritt im Jahre 1954 als Verkörperung der atomaren Traumas lesen lies, zu einem bis heute weltweit erfolgreichen Franchise: Godzilla ist der König der Monster. Der 1965er Kaiju-Streifen Frankenstein — Der Schrecken mit dem Affengesicht des ersten Godzilla-Regisseurs Ishiro Honda beginnt sogar mit einem Kind, das in den Straßen von Hiroshima nach Kriegsende eine Resistenz gegen die atomare Strahlung entwickelt.

 

Doch dies sind zumeist Filme, die eine Distanz herstellen: Durch die Konventionen des Genres, die die kollektiven Ängste auf eine Allegorie, in diesem Fall eben auf ein Monster projizieren, das sich in letzter Konsequenz stets bezwingen lässt. Oder die dokumentarische Form, die die Geschichte auf kompakte Wissenspakete herunter bricht ohne meist allzu sehr individuelles Leid in den Blick zu nehmen.

Vielleicht war deshalb in der ersten filmischen Auseinandersetzung der Japaner sowohl als auch der Amerikaner mit der Atombombe das Format des Dokudramas beliebt, das es Machern sowohl als auch Zuschauern erlaubt sich weder in den Schrecken des Miterlebens noch in jenen der kalten Fakten allzu sehr einzufühlen. 1947 drehte der US-Amerikaner Norman Taurog The Beginning Or The End, der erstmals die Entwicklung der Bombe im Manhattan Project sowie das Bombardement in Hiroshima thematisierte. Obwohl er sich den Anschein höchster historischer Akkuratesse gab, fallen einige Manipulationen der Geschichte sofort ins Auge: So zeigt Taurog etwa die Enola Gay - das Flugzeug, das Little Boy über der Stadt abwarf - im Bombenabwehrfeuer, obwohl Hiroshima völlig überraschend getroffen wurde. Außerdem gibt es eine Szene, in der Soldaten darüber sprechen, seit 10 Tagen Warnflyer in Hiroshima zu verteilen. Dass es solche Flyer überhaupt gab, wird von Historikern bis heute scharf angefochten.

 

Einer der ersten japanischen Filme zum Thema war Kaneto Shindos Children of Hiroshima, 1953 in Cannes vertreten. Darin kehrt eine junge Lehrerin nach dem Krieg nach Hiroshima zurück, um die Gräber ihrer Familienmitglieder zu besuchen. Vor Ort trifft sie alte Bekannte und ehemalige Schüler, die jetzt mit schweren Krankheiten, Verletzungen und Armut zu kämpfen haben. On Location in der halb wieder aufgebauten Stadt gedreht, zeigt Children of Hiroshima zwar Überlebende, doch sie werden heimgesucht von ihrer Vergangenheit. Gefangen in ihrem Scham gibt es für sie keine Möglichkeit mit dem Erlebten abzuschließen und neu anzufangen.

Den Moment des Abwurfs selbst stilisiert Shindo dabei besonders eindrücklich: Collagenartige Szenen aus dem Alltag in der Stadt werden begleitet vom Ticken eines Sekundenzeigers, bis um 08:15 Uhr die Bombe fällt, Blumen verblühen, Fische auf dem Trockenen springen und Menschenblutüberströmt in den Ruinen kauern.

 

Selbst in den 1990er Jahren kam man noch auf die Form des Dokudramas zurück, um sich der atomaren Katastrophe anzunähern: Unter der Co-Regie von Koreyoshi Kurahara und Roger Spottiswoode entstand 1995 der dreistündige Fernsehfilm Hiroshima, der einmal mehr die Entscheidungsprozesse im Vorfeld der Bombe in den Fokus nimmt. Extrem dramatisierte Spielfilmsequenzen wechseln sich dabei mit historisch-dokumentarischem Material und Augenzeugenberichten ab. Die Aufmerksamkeit für den Film hielt sich in Grenzen. Doch allein die Tatsache, dass er erstmals einen binationalen Ansatz wählte und amerikanischen sowohl als auch japanischen Stimmen Gehör verschaffte, macht ihn zu einer Besonderheit.

 

In der Zwischenzeit hatte man in Japan begonnen mithilfe von Manga das Gedenken an die Atombombe aufrecht zu erhalten. Als großer Klassiker gilt Barfuß durch Hiroshima, die Memoiren des Zeichners und Autoren Keiji Nakazawa, der die Atombombe als sechsjähriger Junge überlebt hatte und 1973 zeichnerisch seine Erinnerungen daran festhielt. Ab 1976 entstand eine dreiteilige Live-Action-Verfilmung von Tengo Yamada; 1983 wurde der Stoff als Anime namens Hadashi no Gen adaptiert, auf den 1986 die Fortsetzung Hadashi no Gen 2 folgte, der drei Jahre nach Kriegsende einsetzt; zuletzt wurde 2007 das Fernsehdrama Barefoot Gen in zwei Teilen im japanischen TV ausgestrahlt. Die interessanteste dieser Adaptionen bleibt jedoch die erste Anime-Version, wechselt sie doch beständig die Perspektiven. Während der Abwurf der Bombe zunächst aus der Sicht der Amerikaner von der Enola Gay aus gezeigt wird, wechselt der Blick unmittelbar während der Explosion und begleitet vom nervenzerreißenden Piepsen eines Geigerzählers auf den Boden und schreckt nicht davor zurück Verfall und Zerstörung drastisch darzustellen.

 

Ein jüngerer Anime-Film, der sich mit dem Trauma von Hiroshima auseinandersetzt, ist In This Corner Of The World von Sunao Katabuchi. Die Manga-Adaption erzählt vom fiktionalen Schicksal einer jungen Japanerin aus einer Küstenstadt nahe Hiroshima während des Krieges. Der per Crowdfunding finanzierte und vielfach ausgezeichnete Film legt neben seiner eher persönlich und intim gehaltenen Geschichte großen Wert auf zeichnerische Details und versucht so etwa Hiroshimas durch die Bombe gänzlich zerstörte Altstadt auf der Leinwand aufleben zu lassen. In This Corner Of The World ist im Übrigen auf Netflix zu sehen.

 

Eine weitere späte Auseinandersetzung mit der Bombe wagte der japanische Meisterregisseur Akira Kurosawa in seinem vorletzten Film aus dem Jahre 1991: In Rhapsodie im August erzählt er von einer Überlebenden aus Nagasaki, die im Sommer 1990 auf ihre Enkel aufpasst und ihnen dabei Gruselgeschichten erzählt, die direkt mit den Atombombenabwürfen zusammenhängen. Rhapsodie im August gehört zu den stillsten von Kurosawas Filmen. Darin richtet er seinen Blick auf die Versöhnung der Nationen und lässt einen Amerikaner namens Clark (Richard Gere) auftauchen, der in Nagasaki an Gedenkveranstaltungen teilnimmt. Einige Kritiker nahmen dem Filmemacher jedoch übel, dass er den Abwurf der Atombombe als Kriegsverbrechen darstellte, ohne dabei etwas über die japanischen Kriegsverbrechen während des Pazifikkriegs zu ergänzen.

 

Ein besonderes Jahr im Gedenken an die Atombombenabwürfe war das Jahr 1989: Zum Einen, weil es mit dem Mauerfall das Ende des Kalten Kriegs markierte, während dessen ganze Generationen mit der Angst vor einem nuklearen Schlag aufgewachsen waren. 1989 entstanden aber auch gleich zwei Filme unter dem Titel Black Rain. Zunächst ein amerikanischer Actionthriller mit Culture-Clash-Elementen von Ridley Scott, in dem zwei New Yorker Cops in Yakuza-Angelegenheiten verwickelt werden. Der Titel Black Rain geht dabei auf einen alten Japaner zurück, der sich an den Schwarzen Regen erinnert, der am Tag nach dem Atombombenabwurf fiel und glaubt, die Amerikaner hätten so die japanische Kultur vergiftet. 

 

Ein zweiter, japanischer Film namens Black Rain stammt vom Japanese-New-Wave-Regisseur Shohei Imamura und könnte auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein. Ganz in der Tradition ruhiger Familiendramen à la Yasujirō Ozu erzählt Imamura von einer unter der Strahlenkrankheit leidenden Familie in den 1950er Jahren, deren junge Nichte keinen Mann finden kann, weil sie in Hiroshima vom Schwarzen Regen getroffen wurde und so ein Stigma an ihr haftet. Tatsächlich wurden die hibakusha — die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki — in der japanischen Gesellschaft häufig gemieden und Imamura war einer der ersten Regisseure, die sich offen mit diesem Tabuthema auseinandersetzten.

Den bekanntesten Hiroshima-Film hat jedoch ein Franzose gedreht. Nicht nur, weil der Städtename bereits im Titel steht. Alain Resnais‘ Hiroshima mon amour war zunächst als Dokumentarfilm geplant und endete als Vorreiter der französischen Nouvelle Vague, dessen Bedeutung für das Kino Historiker mit David W. Griffiths Birth of a Nation verglichen. In Jump Cuts und Rückblenden erzählt Resnais vom Beziehungsende zwischen einem Japaner (Eiji Okada) und einer Französin (Emmanuelle Riva). Er: Ein ehemaliger Soldat, der seine Familie in Hiroshima verloren hat. Sie: Während des Zweiten Weltkriegs wegen ihrer Beziehung zu einem deutschen Besatzer als Kollaborateurin verunglimpft.

 

Als Hiroshima mon amour 1959 fertiggestellt wurde, schloss man ihn noch aus dem Offiziellen Wettbewerb von Cannes aus, um mit dem sensiblen Thema die US-amerikanische Regierung nicht zu verärgern. Heute ist der Status des Films weitgehend unangefochten, vor allem wegen seiner gewagten Montage. Das Aufeinandertreffen, ja die Intimität seiner beiden Protagonisten unterbricht Resnais immer wieder mit dokumentarischem Material von Hiroshima nach der Katastrophe und Aufnahmen aus dem Gedenkmuseum, mit Reenactments und Nacherzählungen damaliger Schicksale und stellt so unsere Konzepte von Zeugenschaft und Erinnerung in Frage. „Du hast nichts gesehen in Hiroshima,“ antwortet der japanische Architekt der Französin immer wieder, wenn sie davon erzählt, was sie in Museen und Dokumentarfilmen über Hiroshima erfahren hat. Der Spiegel schrieb damals in seiner Kritik:

„Resnais will mit diesem Film […] nicht die Realität zeigen, wie sie ist, sondern das Bild, das sie dem Bewusstsein der Heldin einprägt: Hiroshima mon amour ist gefilmtes Bewusstsein.“

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