Filmgeschichte(n): Die 3500 vergessenen Seelen des Oregon State Hospitals

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Filmgeschichte(n)

Ein Beitrag von Christian Neffe

Oregon State Hospital
Oregon State Hospital

45 Jahre ist her, dass Milos Formans Einer flog über das Kuckucksnest bei den Academy Awards mit den Big Five geehrt wurde: Am 29. März 1976 regnete es Preise in den Kategorien Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin (Louise Fletcher) und Bester Hauptdarsteller (Jack Nicholson), Beste Regie und Bester Film. Eine Leistung, die nur zwei weiteren Filmen bisher gelang (1934: Es geschah in einer Nacht, 1991: Das Schweigen der Lämmer). Gute Gründe dafür gab es genug, wohl auch die Umstände, unter denen der Film gedreht wurde: Statt auf ein Studioset setzten Forman sowie die Produzenten Michael Douglas und Saul Zaentz auf eine authentische Kulisse und wählten das Oregon State Hospital als Drehort.

Dessen Direktor Dean Brooks war einer der wenigen in seiner Branche, die die Buchvorlage gelesen hatten, und sah in der Produktion zugleich eine Möglichkeit der Therapie: Zahlreiche Insassen und das Personal spielten mit, Kostüme und Rollen wurden getauscht, Brooks selbst tauchte als Direktor der Nervenheilanstalt auf, in dem Jack Nicholson gegen die diktatorische Oberschwester Mildred Ratchet rebellierte. So weit, so die Entstehungsgeschichte von Einer flog über das Kuckucksnest.

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Anlässlich des oben erwähnten Jubiläums wollen wir das Rampenlicht hier jedoch auf den Schauplatz des Geschehens werfen: das Oregon State Hospital. Das hat in den vergangenen Jahren nämlich eine turbulente Geschichte erlebt. Im Jahr 2004 entdeckten Besucher in einem nicht mehr genutzten Nebengebäude einen über Jahrzehnte verschlossenen Raum. Sein Inhalt: Unzählige Urnen mit der sterblichen Überresten von rund 3500 Menschen, die einst im Hospital behandelt wurden und dort verstarben — und die kaum zu identifizieren waren, da die Urnen zum Teil nicht beschriftet waren oder ihre Etiketten verloren gegangen waren.

Was zunächst nach einer Horrorgeschichte klingt, war letztlich schlicht institutionelles Versagen: Sämtliche Todesfälle hatten sich zwischen 1914 und 1973 ereignet, die Verstorbenen wurden in dem betreffenden Raum beigesetzt. Weil ihre Überreste nicht von den Familien abgeholt wurden, sie sich die Beerdigungen nicht leisten konnten, das Stigma der psychischen Erkrankung zu groß war oder das Krankenhaus keine Kontaktmöglichkeiten zu ihnen hatten. Und dann wurde jener Raum 30 Jahre lang einfach vergessen.

Die Entdeckung dieses „Raumes der vergessenen Seelen“ erreichte auch die Politik und zog eine umfassende Kampagne nach sich, deren Ziel die Wiedervereinigung der Hinterbliebenen mit den Überresten ihrer ehemaligen Familienmitglieder war. Dafür wurde eigens das Datenschutzgesetz geändert, damit Einblick in die Akten gewährleistet werden und die Namen der Verstorbenen online veröffentlicht werden konnten. „Wir wollen die Überreste den Familien zuführen“, sagte seinerzeit Greg Roberts, Direktor von Oregons Krankenhausverwaltung, gab jedoch zugleich zu bedenken: „Aber angesichts der langen Zeit dürfte das nicht immer möglich sein.“

Letzteres erwies sich leider als richtig: Bis September 2020, so der aktuelle Zwischenstand, konnten lediglich 696 Urnen an Hinterbliebene zurückgegeben werden. Der Rest verweilt auf dem Gelände des Krankenhauses, wartend auf Menschen, die nach den Überresten ihrer Vorfahren suchen. Für die noch Wartenden wurde ein Schrein errichtet, der jährlich Schauplatz einer Gedenkveranstaltung ist, die 2020 aufgrund von Corona nur digital durchgeführt wurde — und zu der deshalb ein entsprechendes Video erstellt wurde.

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Einer flog über das Kuckucksnest zeigte seinerzeit — auf fiktionaler Ebene - eindrucksvoll, was alles schieflief im Umgang mit und bei der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen. Die Entdeckung der Urnen machte mehr als 30 Jahre später ganz real weitere Verfehlungen deutlich: das Abdrängen dieser Menschen an den Rand der Gesellschaft, das Ignorieren und Vergessen ihrer Existenzen, die Stigmata, die sie umgeben. Umso wichtiger ist das Erinnern an sie — sei es filmisch oder im echten Leben.

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